Kultur : Die Spielmacher

Was Beckenbauer, Schily & Heller als Kulturprogramm für die Fußball-WM 2006 in Deutschland planen

Esther Kogelboom[Robert Ide],Moritz Schuller

Von Esther Kogelboom,

Robert Ide und Moritz Schuller

Die Trickfilmer aus München waren eigens zu Franz Beckenbauer nach Tirol gereist. Als sie im „Stanglwirt“, einem Fünf-Sterne-Biohotel in Going am Wilden Kaiser, ihr Konzept präsentiert hatten, zeigte sich der Gastgeber zufrieden. „Animal Kickers – Fellows forever“, der Kinofilm mit dem den kleinen kickenden Löwen Little Blue, hatte den Cheforganisator der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 offenbar gerührt. Noch während des Treffens, sagen die Projektentwickler von der Starmove GmbH, versprach Beckenbauer, sich persönlich dafür einzusetzen, den Trickfilm in das Kulturprogramm zur WM aufzunehmen. Das war im Januar 2003.

Aber Little Blue wird bei der WM wohl nicht mitspielen. Am nächsten Dienstag wollen Franz Beckenbauer und Bundesinnenminister Otto Schily das mehr als 30 Millionen Euro teure Kulturprogramm in Berlin offiziell vorstellen – gemeinsam mit dem österreichischen Konzeptkünstler André Heller, der die Gesamtleitung übernommen hat.

Dem Tagesspiegel liegen bereits Unterlagen vor, die zeigen, wie das Kulturprogramm aussehen soll: Demnach wird der frühere „documenta“-Kurator und internationale Ausstellungsmacher Harald Szeemann eine Schau zum Thema „Fußball in der bildenden Kunst“ zusammenstellen. Die „Fußball-documenta“, wie sie Insider nennen, wird mit zwei Millionen Euro gefördert. „Auf Szeemanns Ausstellung bin ich sehr gespannt“, sagt Kulturstaatsministerin Christina Weiss. „Das ist eines der Projekte, die das Phänomen Fußball im größeren kulturellen Kontext ausloten und verorten.“

Heller hat sich vorgenommen, das Gastgeberland während der WM vor allem sinnlicher, wacher und humorvoller darzustellen „als manche vielleicht denken“ (siehe das Interview auf dieser Seite). Der Künstler soll auch die geplante Eröffnungsfeier am 8. Juni 2006 in Berlin gestalten. Daran will sich unter anderem auch der Avantgarde-Musiker Brian Eno beteiligen.

Das Kulturprogramm finanziert sich aus dem Verkauf von Sondermünzen mit Fußballmotiven, die das Finanzministerium herausgibt. Was über die 30 Millionen Euro hinaus eingenommen wird – bis zu 60 Millionen Euro –, kommt dem Bundeshaushalt zugute. Mittelpunkt des Kulturprogramms ist der 60 Tonnen schwere, mit 15 bis 20 Millionen Euro geförderte Fußball-Globus, der seit vergangenem Herbst bis zum Anpfiff 2006 durch die WM-Städte tourt. In der von Heller entworfenen begehbaren Kugel, die derzeit in Köln gastiert und bald auf Hamburgs Rathausplatz stehen soll, finden Lesungen und Diskussionen statt. Bislang wollten 210 000 Besucher das Spektakel sehen.

„Unsere Entscheidungen sind ein Dreiecksspiel“, erzählt der Sportsprecher der Grünen, Winfried Hermann. Mit seinen Abgeordneten-Kollegen und Vertretern der Bundesregierung bildet er den Aufsichtsrat der Kulturstiftung, die über die Vergabe der Gelder entscheidet. Am Tisch sitzen neben Heller auch der Deutsche Fußball-Bund und das Organisationskomitee.

An diesem Verfahren ist auch Little Blue gescheitert. Zwar hat Geschäftsführer von Starmove, Andreas Wehli, bis heute nichts in der Hand, nicht einmal eine Absage – weder vom Fußball-Weltverband Fifa, noch vom Organisationskomitee (OK) oder der vom Bundestag eingerichteten WM-Kulturstiftung. Dabei ging es den Machern gar nicht um Geld für ihr karitatives Trickfilm-Projekt, sondern nur darum, ins offizielle Programm aufgenommen zu werden. Knapp 300 Arbeitsplätze hängen am Kicker-Löwen. Doch aus dem Aufsichtsrat ist zu hören, dass das Projekt längst abgelehnt ist – ein fußballspielender Trickfilmheld könnte dem WMMaskottchen der Fifa Konkurrenz machen.

„Die Schutzrechte sind zum Teil sehr eng gefasst“, bemängelt CDU-Sportexperte Klaus Riegert. Mit Unverständnis reagierten er und viele seiner Kollegen auch auf die anfängliche Ablehnung eines Straßenfußball-Projekts – der DFB sah eine Überschneidung mit eigenen Vorhaben. Die Kooperation sei eine „schwere Geburt“ gewesen, berichtet Jürgen Griesbeck von „streetfootballworld“. Den Zuschlag bekam er erst nach Überarbeitung und Kürzung seines Konzepts, mit dem er seit Jahren Straßenfußballprojekte auf der ganzen Welt vernetzt. Für 2006 plant er eine eigene Straßenfußball-WM auf Bolzplätzen. Griesbeck betont, es gehe ihm vor allem um Nachhaltigkeit: „Wir sind sozusagen das Gegenteil der Eventkultur.“

Neben solch kleineren Events will das Kulturprogramm auch Großereignisse als WM-Bühne nutzen. Bei der Berlinale im Februar 2006 soll ein Talentwettbewerb mit 500 Kurzfilmen zum Thema Fußball ausgeschrieben werden. Die besten Beiträge sollen später im Fernsehsender Arte gezeigt werden. Förderung erhalten auch die Goethe-Institute. Sie werden eine Fotoausstellung zum Thema „Weltsprache Fußball“ um den Globus touren lassen. Dazu bedienen sie sich des Archivs der internationalen Fotoagentur Magnum. „Wir zeigen fußballspielende Kinder in nepalesischen Dörfern und auf den Dächern asiatischer Großstädte“, sagt Christoph Mücher, der die Schau verantwortet. „Damit wollen wir zeigen, dass Fußball alle Völker verbinden kann – sogar Deutsche und Holländer.“

Neben Geschmacks- und Gelddebatten gab es zwischenzeitlich auch Personalquerelen im Aufsichtsrat. Beckenbauers langjähriger Freund Fedor Radmann trat vergangenen Sommer als OK-Vizepräsident für Kultur zurück, nachdem ein Beratervertrag von ihm mit dem Medienunternehmer Leo Kirch bekannt geworden war. Nun ist Radmann nur noch als Berater tätig – doch bei den letzten beiden Sitzungen „mischte er wieder mit“, wie ein Aufsichtsratsmitglied verwundert feststellt. Da Radmann nicht mehr im Namen des Organisationskomitees teilnehmen darf, wird er inzwischen als Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes entsandt. Ein Stimmrecht hat er allerdings nicht.

Noch hat das Gremium ein paar Millionen Euro zu vergeben; Bewerbungen werden weiterhin entgegengenommen. Das Literarische Colloquium Berlin etwa hofft auf eine Finanzzusage von gut 300 000 Euro für eine „Autoren-WM“ im Mai 2006. Dort sollen 32 Schriftsteller aus 32 Ländern bei einem Literaturturnier gegeneinander antreten und wie beim Fußball einen Sieger ausspielen. Vor dem Anpfiff überreichen sich die Gegner gegenseitig Bücher (statt der üblichen Fußballwimpel), anstelle der Nationalhymnen erklingen zwei Gedichte. „Einmal muss der Autorenbetrieb auf die Spitze getrieben werden“, sagt Ulrich Janecki vom Literarischen Colloquium. „Dazu ist eine WM ideal.“

Einiges, was die WM-Städte planen, findet ohne Unterstützung der Stiftung statt: Rockkonzerte in Hannover, Lego-Kunstbauten in Kaiserslautern, eine Open-Air-Ausstellung in Nürnberg, die sich an Albrecht Dürers Aquarell „Das große Rasenstück“ orientiert. In Berlin werden Fußballhymnen und Fangesänge in der Staatsoper erklingen. An Ideen mangelt es also nicht, um Hellers WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ umzusetzen.

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