Kultur : Die Spinne im Netzwerk des Wissens

RICHARD HERZINGER

Nach keinem anderen Menschen sind so viele Naturphänomene und Einrichtungen der Zivilisation benannt wie nach Alexander von Humboldt. Seinen Namen tragen unter anderem der größte Gletscher Grönlands, der zweithöchste Berg Venezuelas, ein Gebirgszug in China, ein Salzsumpf, ein Pinguin, eine Lilie und ein Stinktier. Dazu kommen, um nur einiges zu nennen, neun Städte in den USA und zwei in Kanada, zahlreiche Flüsse, Seen, Bergwerke und Nationalparks, aber auch das Mare Humboldtianum auf dem Mond.

Alexander von Humboldt, der letzte große Universalgelehrte der europäischen Aufklärung, hat eine schier unglaubliche Lebensleistung vollbracht. Als er sich am 5. Juni 1799, im Alter von 29 Jahren, gemeinsam mit dem jungen Botaniker Alexandre Bonpland zu seiner ersten großen Forschungsreise nach Mittel- und Südamerika einschiffte - es sollte dreißig Jahre später eine zweite große Expedition nach Rußland und Sibirien folgen, die ihn bis an die chinesische Grenze führte -, hatte er bereits eine glänzende Karriere im preußischen Staatsdienst hinter sich, hatte in Franken das Bergwerkswesen reorganisiert und modernisiert, nebenbei mit der Gründung einer Schule für Bergarbeiter die Erwachsenenbildung in Deutschland begründet und durch eine Publikation über "die gereizte Muskel- und Nervenfaser" als experimenteller Naturwissenschaftler Ansehen erlangt.

In Lateinamerika erforschte er die Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt, die Geographie und Archäologie des Subkontinents. Ausgerüstet mit den modernsten Instrumenten seiner Zeit, dank eigenen Vermögens unabhängig von materiellen Zwängen, vermaß und analysierte er die Natur buchstäblich überall, wo er ging und stand. Sein Bericht über die wissenschaftlichen Entdeckungen während seiner fünfjährigen Amerikareise füllt 34 Bände. Er studierte aber auch die Kultur und Geschichte der indianischen Urbevölkerung. Als liberaler Anhänger der Ideale der Französischen Revolution und als Universalist, der zeitlebens gegen den aufsteigenden kulturellen Nationalismus immun bleiben sollte, geißelte er die Sklaverei, verurteilte die koloniale Ausbeutung von Indios und Schwarzen und die verheerenden Folgen des christlichen Missionarsunwesens.

Als er während eines kurzen Aufenthalts in den USA im Jahre 1804 dem amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson seine Forschungsergebnisse über Mittel- und Südamerika präsentiert, regt er en passant den Bau des Panama-Kanals an. Humboldt, ein Hans Dampf in allen Gassen, ein Supermann der geistigen Welt.

Dieses Bild vermittelt jedenfalls die - in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut veranstaltete - Ausstellung über sein Leben und Werk, die unter dem Titel "Netzwerke des Wissens" ab heute im Haus der Kulturen der Welt zu besichtigen ist. Es gelte - meinen die Kuratoren Frank Holl und Kai Reschke -, Alexander von Humboldt, der hierzulande zu lange im Schatten seines älteren Bruders, des Philosophen und Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt gestanden habe, in seiner Aktualität wiederzuentdecken: Als Vorläufer der Ökologie, Pionier der wissenschaftlichen Interdisziplinarität, Bahnbrecher der universalen Menschenrechte und Vorreiter einer globalen Kommunikationsgemeinschaft.

Weist Humboldts Denken somit ins 21. Jahrhundert? Hans Magnus Enzensberger hat bereits 1984 in seinem (im Ausstellungskatalog wiedergegebenen) Langgedicht "Alexander von Humboldt 1769-1859" das strahlende Image vom bahnbrechenden Naturforscher und unermüdlichen Philanthropen zu konterkarieren versucht. Für ihn war Humboldt zugleich Opfer und unfreiwilliger Vollstrecker einer fatalen Dialektik des Fortschritts. Sein grenzenloser, bis zur Manie gesteigerter Forscherdrang, dessen Befriedigung auch die mühsam unterdrückte Erfüllung seiner sexuellen Neigung zu jungen Männern kompensieren mußte, ebnete nach dieser Lesart ungewollt den Kräften der "offenen, unverschämten, direkten, dürren Ausbeutung" (Marx) von Natur und Völkern durch den Kapitalismus den Weg: "(...) ein uneigennütziger Bote der Plünderung, ein Kurier, / der nicht wußte, daß er die Zerstörung dessen zu melden gekommen war, / was er, in seinen Naturgemälden, bis daß er neunzig war, liebevoll malte."

Doch Humboldt war in ökonomischen Fragen keineswegs so naiv, wie Enzensberger suggeriert. Als Verfechter nicht nur des politischen, sondern auch des wirtschaftlichen Liberalismus forderte er ausdrücklich die industrielle Nutzung der natürlichen Schätze und die Erschließung bisher unzugänglicher Regionen für den freien Welthandel - eine Tatsache, der die ökologisch orientierte Humboldt-Gemeinde nicht so gerne ins Auge sieht. Dabei wußte Humboldt um die Schrecken der Ausbeutung, hielt sie aber nicht für unvermeidlich. Der Gleichklang von ökonomischem, wissenschaftlichem, politisch-sozialem und kulturellem Fortschritt aller Völker erfordere aufgeklärte, weitblickende Individuen und Institutionen. Nicht zuletzt deshalb betätigte sich Humboldt auch als populärer Volkserzieher, der Menschen aller Stände den praktischen Nutzen naturwissenschaftlicher Bildung nahebringen wollte.

Was von seinen zahllosen Entdeckungen Bestand hat und vor allem, wie aktuell seine wissenschaftstheoretischen Einsichten tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen unter den Humboldt-Forschern jedoch auseinander. Als Naturforscher bestand er auf der empirischen Feststellung gesicherter Fakten als Voraussetzung für jede wissenschaftliche Theorie und setzte sich damit vom spekulativen Idealismus ab, der im ausgehenden 18. Jahrhundert die deutschen wissenschaftlichen Akademien noch fast vollständig beherrschte.

Ungeachtet seines methodischen Empirismus führte Humboldt jedoch zugleich die Tradition idealistischer Naturanschaung fort. Die zahllosen Einzelerkenntnisse der Wissenschaften wollte er in ein Gesamtverständnis des Zusammenhangs aller Naturerscheinungen integriert wissen. "Alles ist Wechselwirkung", schrieb er, und: "Mein eigentlicher, einziger Zweck ist es, das Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte zu untersuchen". Diesen Ansatz, der durchaus mit dem Intuitionismus der frühen romantischen Naturphilosophie, namentlich Schellings, kompatibel war, hielt er gegen die übermächtige Tendenz zur Spezialisierung der Einzelwissenschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufrecht.

Um den Überblick über die explosiv anwachsenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zu behalten und in sein Ganzheitsschema integrieren zu können, arbeitete Humboldt zeitlebens am Auf- und Ausbau von "Netzwerken des Wissens". Es waren zugleich gigantische Kommunikationsnetze, die alle nur erdenklichen namhaften Wissenschaftler, aber auch Philosophen, Schriftsteller und Politiker, von Goethe bis Georg Forster, von Napoleon bis zum südamerikanischen Freiheitshelden Simon Bolivar umfaßte. Inmiten dieses gigantischen Informationsgeflechts saß Humboldt, so der Philosoph Hartmut Böhme auf einem Symposium vergangene Woche, "wie eine Spinne im Netz", unablässig alle neuen Einsichten ansaugend und in sein enzyklopädistisches Gesamtprojekt integrierend.

Auf Dauer mußte die Flut des Detailwissens dieses Projekt jedoch sprengen. Humboldts Spätwerk löst sich in immer weiter ausufernde Supplemente zum philosophischen Hauptstrom seines Textes auf. Der Anspruch, gegen das ansteigende Spezialwissen die Einsicht in das Urprinzip des Kosmos zu behaupten, gerann schließlich zur bloßen rhetorischen Geste und schlug punktuell in kulturpessimistische Idyllisierung der Natur um. Insofern blieb Humboldt, wie Hartmut Böhme betont, auf der Schwelle zwischen Vormoderne und Moderne stehen.



Die Ausstellung im "Haus der Kulturen der Welt" setzt freilich weniger auf eine kritische Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Positionen als vielmehr auf die Veranschaulichung des Lebenswegs Humboldts und die Vergegenwärtigung seiner Zeit. Auf Monitoren kann der Besucher eine fiktive "Tagesthemen"-Sendung mit Meldungen aus dem Jahre 1799 verfolgen, die von Uli Wickert persönlich moderiert wird. Es sind Nachbildungen von Meßinstrumenten aufgestellt, wie sie Humboldt benutzt hat, und die der Betrachter selbst ausprobieren darf. Unter einem Glasfußboden ist eine Reliefkarte ausgebreitet, dazu einladend, die amerikanische Reiseroute Humboldts selbst noch einmal abzuschreiten. Dazu blinkt ein elektrischer Sternenhimmel. Im großen Raum, der die Stationen der Südamerika-Expedition präsentiert, werden die Wände dann hübsch tropenfarbig bunt, während die bedrückende Atmosphäre der späten Berliner Jahre durch räumliche Enge und Düsternis vermittelt wird.



Mit Hilfe solcher Mitmach- und Erlebniselemente fordert die Ausstellung zur historisch-biographischen Einfühlung und zur Identifikation mit dem beispielhaften Mann auf. Tatsächlich scheint sich Alexander von Humboldt als Leitbild für das erneuerte Selbstverständnis der Bundesrepublik im Übergang von der Bonner zur Berliner Republik ideal zu eignen. Hier sprengt einer die provinzielle Beschränktheit seines selbstzufriedenen Landes und strebt voll Wagemut und Neugier in die große weite Welt hinaus. Doch tut er dies nicht in finsterer imperialistischer Absicht und nicht aus Profitgier, sondern im Geiste allumfassender Humanität und im Dienste des interkulturellen Dialogs. Wir lernen einen kosmopolitischen Intellektuellen kennen, der auch während der napoleonischen Besetzung jeglichem antifranzösischen Ressentiment widersteht und schon in seinen jungen Jahren die anregende Atmosphäre jüdischer Salons dem Muff des verkümmerten Berliner Wissenschaftsbetriebs vorzieht. Alexander von Humboldt - ein Ausbund an gelebter Political Correctness, ein leuchtendes Beispiel für die bessere, hellere Seite des deutschen Geistes.

Was an diesem ungetrübten Positivbild irritiert ist, daß die Ausstellungsmacher keine pathetische Überhöhung nötig haben, um es plausibel zu machen. Humboldt war eben ein genialer Vermittler von Gegensätzen, kritischere Stimmen sagen: ein notorischer Harmonisierer gegenläufiger historischer Tendenzen in Wissenschaft und Gesellschaft. Die wachsende Kluft, die sich in seinem Denken zwischen naturwissenschaftlichem Empirismus und ganzheitlicher Naturphilosophie auftut, überdeckt er durch eine ästhethische Deutung des Weltganzen. Dieses erscheint ihm als einer prästabilisierten kosmischen All-Einheit. Und das ist wohl auch der tiefere Grund für die Faszination, die von Alexander von Humboldt ausgeht: Die ästhetische Anziehungskraft eines anschaulichen und scheinbar geschlossenen Lebens-Gesamtwerks, das durch die Tatkraft einer mit sich selbst identischen Persönlichkeit beglaubigt wird - ein Faszinosum, das die heutigen Naturwissenschaften nicht mehr bieten können.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 15. August. Katalog 35 DM.

Wichtige Neuerscheinungen zu Humboldt: Das Gute und Große wollen. Alexander von Humboldts Amerikanische Briefe. Hrsg. v. Ulrike Moheit. Rohrwall Verlag, Berlin 1999, 272 S. Pb. 56 DM. - Alexander von Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Hrsg. v. Ottmar Ette. Insel Verlag, Frankfurt/M. 1999, Zwei Bände, 1637 S., 78 DM.

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