Kultur : Die Spiralblockade

Uraufführung: „Mala Zementbaum“ am Maxim Gorki Theater Berlin

Andreas Schäfer

Dabei habe ich extra einen Spiralblock mitgebracht. Sozusagen als dramatischen Katalysator. Oder als Totem, um den Geist der „Spiralblockaffäre“ zu beschwören, denn der war wenigstens absurd. Aber es hat nichts genutzt. Es gibt an diesem Abend weder Dramatik noch Absurdität, und zu notieren sind auch nur zwei Worte: verstockte Langeweile. Am Ende steht immerhin die Hoffnung, dass der „Fall Lawinky“ hiermit abgeschlossen ist – und die traurige Erkenntnis, dass der große Schauspieler Milan Peschel ein nicht ganz so großer Regisseur ist.

Der Fall ging so: Vor ungefähr einem Jahr kam es am Frankfurter Schauspiel während einer Vorstellung zwischen dem Kritiker einer überregionalen Zeitung und dem Schauspieler Thomas Lawinky zu einer kurzen, aber heftigen Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Schauspieler dem Kritiker den Spiralblock entriss. Der Kritiker verließ daraufhin wutentbrannt die Vorstellung und machte in seiner Zeitung ein großes Fass auf. Wenig später war der Schauspieler Thomas Lawinky nicht mehr am Frankfurter Schauspiel beschäftigt. Dafür stand er aber im Licht der Öffentlichkeit und machte selbst ein Fass auf. Lawinky offenbarte, dass er bei der Stasi war.

Armin Petras, Intendant des Maxim Gorki Theaters, hat nun zusammen mit Lawinky das Stück „Mala Zementbaum“ verfasst, in dem es um die Spitzelwerdung eines jungen Mannes geht, der schon als Halbwüchsiger nicht weiß, wohin mit seiner Kraft, und im „Kinderknast“ der DDR landet. Das Stück ist so kryptisch wie der Titel. „Mala Zementbaum“ hieß eine Jüdin, die mit ihrem Mann aus dem Konzentrationslager fliehen konnte. Als die SS die Flucht realisierte, ließ sie im KZ jeden Zwanzigsten vortreten, um ihn zu erschießen. Ist das die Parallele, die Petras/Lawinky ziehen wollen? Dass in Extremsituationen die Rettung des eigenen Lebens zum Tod der anderen führen kann? Hätte das Stück nur eine These, wenn auch eine hanebüchene! Aber „Mala Zementbaum“ will vor allem Strukturen abbilden und kommt in der eigenen geheimniskrämerischen Komplexität und der daraus resultierenden Diffusität um.

Vier Personen in einem Hotelzimmer. Die Zeit: ein unbestimmtes Heute. Der arbeitslose Homer, ehemaliger IM, trifft auf Kevin, seinen ehemaligen Führungsoffizier, der jetzt – Achtung Kontinuität! – bei einer Firma für Personenschutz arbeitet. Man redet von früher (wie Homer während seiner Militärzeit angeworben wurde und Kameraden verraten hat), Aggressionen kochen hoch, die an einem plötzlich auftauchenden Paar ausgelassen werden. Schon geht die Gewalt der Vergangenheit in eine gewalttätige Gegenwart über. Der eben noch geprügelte Mann wird zum Wissenschaftler, der verkündet, dass Realität das ist, was jeder sehen will. In Wahrheit findet das Treffen statt, um Homer noch einmal anzuwerben, als Personenschützer.

Der einzige Verfremdungswitz an der Inszenierung ist, dass Thomas Lawinky nicht Homer, sondern den ehemaligen Führungsoffizier spielt. Kaum auf der quadratischen, im Zuschauerraum sitzenden Bühnenplatte aufgetreten, macht er genau das, was auch das Stück auszeichnet. Er zieht sich unmotiviert aus und stolziert mit nacktem Oberkörper auf und ab. Zum Glück gibt es ein Waschbecken, an dem man sich waschen kann. Zum Glück gibt es auch Bildschirme, auf denen man die Wirklichkeit verdoppeln, und einen versteckten Raum unter der Bühne, in dem man kurzzeitig verschwinden kann. Gunnar Teuber spielt Homer als Unschuld vom Lande, Robert Kuchenbuch gibt dem „Mann“ die Kühle eines Analytikers, und Iringó Réti erzählt als „Frau“ die Geschichte von Mala Zementbaum. Regisseur Milan Peschel steuert eine Idee bei: Als Ausdruck allgemeiner Ohnmacht hat auch eine kleine Maus ihren Auftritt.

Wieder am 24. und. 28. 2. sowie am 1., 15. und 28. 3.

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