Kultur : Die Spitze des Kunst-Eisbergs

RONALD BERG

Wenn man bedenkt, daß jedes Museum nur einen Bruchteil seiner Sammlung ausstellen kann, liegt die Frage nahe: Wo ist der Rest? Er liegt im Depot. Bei den Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind die Wege kurz: Das Depot befindet sich meist unter dem gleichen Dach wie die Schauräume. Das gilt für die neue Gemäldegalerie, die Institutionen auf der Museumsinsel und für die Alte wie Neue Nationalgalerie. Diese Nähe macht Sinn, schließlich muß ein Museum mit seinen Beständen arbeiten. Im Mies van der Rohe-Bau der Neuen Nationalgalerie liegen Büro und Depot Tür an Tür. Ein paar Schritte, ein Zug an der Gitterwand, und schon kommt das gesuchte Bild in den Blick.Anders sieht es beim Deutschen Historischen Museum (DHM) aus. Auf 650 000 Objekte schätzt Sammlungsleiter Dieter Vorsteher den Bestand des DHM, von der alten BMW-Limousine über eine umfangreiche Plakatsammlung, von der alten Uniform bis zur mittelalterlichen Münze. Ein winziger Bruchteil davon war bis vor kurzem im Zeughaus zu sehen. Durch das im Bau befindliche neue Haus für Wechselausstellungen des Architekten Ieoh Ming Pei wird die Platznot zwar gemildert, die gesamte Sammlung des DHM aber paßt weder ins umgebaute Zeughaus noch in den Neubau hinein. Das DHM hat deshalb ein Außendepot in Spandau eingerichtet. Allein zwölf Mitarbeiter kümmern sich hier um die Bestände. Inklusive der Restauratoren arbeiten etwa 40 Personen in der ehemaligen Alexander-Kaserne an der Streitstraße. Irgendwann einmal soll die Friedrich Engels-Kaserne gegenüber dem Bodemuseum als Depotgebäude dienen, doch ein genauer Einzugstermin steht noch nicht fest. Das Gebäude muß erst hergerichtet werden.Nun gibt es Fälle, wo selbst der private Sammler seine Bilder und Skulpturen nicht mehr im heimischen Wohnzimmer unterbringen kann, wo Speicher und Keller allein aus klimatischen Gründen als häusliches Kunstlager ausscheiden. Für solche Fälle bietet die Firma Belaj Abhilfe. Belaj unterhält im Bülowbogen das mit 7500 Quadratmetern größte kommerzielle Kunstlager Berlins. Auf drei Etagen lugt aus den Kojen Großformatiges, in wilder Manier gepinselte Bilder oder sperrige Nirosta-Skulpturen. In Kisten geborgen oder in Noppenfolie verpackt, schlummert hier manches Meisterwerk. Auf zwei- bis dreistellige Millionenwerte schätzt Günter Schlien, Geschäftsführer von Belaj, den Wert der hier bewahrten Ware. 200 bis 250 Mark kosten die acht Quadratmeter großen Boxen im Monat. Wer hier welche Werke einlagert, bleibt allerdings geheim. Diskretion ist oberstes Gebot. Mitunter geht die Vorsicht der Kunden so weit, daß sie für ihre Kojen einen eigenen Sichtschutz verlangen. Mancher will sich partout nicht in die Karten schauen lassen.Wahrscheinlich haben die Mitarbeiter bei Belaj den besten Überblick über das private Sammlervermögen zumindest in Berliner Hand. Sie erleben die Fluktuation am Kunstmarkt sozusagen aus erster Hand. Was bleibt liegen, was kommt weg, und welches Bild taucht im Museum wieder auf? Wer bei Belaj arbeitet, blickt buchstäblich hinter die Kulissen des Kunstbetriebs, aber er darf sein Wissen nicht verraten. Schließlich lebt man vom Vertrauen der Kunden, die überwiegend Privatleute sind; Museen wie die Berlinische Galerie sind die Ausnahme. Normalerweise kommt in das Lager auch niemand hinein - auch nicht mit Gewalt, denn die Alarmsicherung hat den gleichen Standard wie bei einem Juwelier. Trotz der vielen Langzeitkunden ist das Lager für Belaj eigentlich Teil des Speditionsgeschäfts. Das Unternehmen übernimmt Kunsttransporte in alle Welt und verfügt in der Bülowstraße auch über eine eigene Tischlerwerkstatt, welche die dafür nötigen Transportkisten baut: als Maßanfertigung für Werke, die auf Reisen gehen, an Museen verliehen werden oder Ausstellungstourneen absolvieren.Bis jetzt ist das Lager am Bülowbogen in Berlin noch ohne Konkurrenz. Doch Hasenkamp, der deutsche Marktführer in Sachen Kunsttransporte, plant Großes: Bisher ist die Berliner Filiale gegenüber dem Kölner Hauptsitz bescheiden dimensioniert. In der Kaiserin-Augusta-Allee in Moabit existiert nur ein kleines Zwischenlager. Ab Mai 2000 aber soll ein 4500 Quadratmetern großes Kunstdepot in der Tabbertstraße in Oberschöneweide zur Verfügung stehen, Teil eines umfangreiche Logistik-Centers mit Platz auch für Überseecontainer. Bislang konzentriert sich Hasenkamp in Berlin - neben dem Transport von Möbeln - auf das Bewegen von Kunst. Etwa die Hälfte aller Kunsttransporte entfallen auf das Unternehmen, so die Einschätzung von Fred Pawlitzki, Geschäftsführer der Berliner Filiale. Zu ihren Kunden gehören alle großen Berliner Museen.Anders als beim Depot verlassen sich die Museen beim Transport ihrer Objekte lieber auf private Firmen. Kunsttransporte, zumal für große internationale Ausstellungen, sind nämlich komplizierte logistische Operationen. Man muß sich nur vergegenwärtigen, was es bedeutet, die rund 2500 Exponate der im Herbst beginnenden Ausstellung "Die Kunst des XX. Jahrhunderts" innerhalb von etwa zwei Wochen aus aller Herren Länder nach Berlin zu schaffen - inklusive Kuriere. Mittlerweile ist es nämlich Usus, daß die Kunstspedition nicht nur verpackt und transportiert, sondern auch quasi als Reiseunternehmen für die Begleitkuriere des Leihgebers fungiert - Betreuung und Hotelbuchung inklusive.Der Markt für Kunsttransporte in Berlin wächst. Der Boom hat erst begonnen, die Umzugswelle rollt, der Ausstellungsbetrieb expandiert. Auch die Firma Atege hofft, auf den Zug aufspringen zu können. Ihre Berliner Filiale in der Quitzowstraße rüstet auf. Einer der heute üblichen luftgefederten, klimatisierten und alarmgesicherten Lkws für Kunsttransporte ist bestellt. Atege, zu Mauerzeiten vielbeschäftigter Transporteur für die Alliierten, inzwischen hauptsächlich mit Industrieprodukten und Stückgutverkehr per Lkw oder Flugzeug befaßt, hat den strukturellen Wandel Berlins erkannt. Die Hauptstadt hat als Industriemetropole ausgedient. Statt dessen kommen Dienstleister, Verwaltung, Verbände, Kultur. Jede Bank, jede Verwaltung, jedes bessere Büro, das nach Berlin zieht, bringt eigene Kunstsammlungen mit. Allein der Bundestag bringt 3000 Kunstwerke mit nach Berlin.Der Bedarf an Lagerfläche ist also groß. Was man aber demnächst an Kunst in Berlin zu sehen bekommt - sei es im Museum oder in den Lobbys der großen Dienstleistungsunternehmen -, ist nur die Spitze des Eisbergs. Der andere, der größere Teil, liegt gut verborgen im Depot.

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