Kultur : Die Spötterin

Neu entdeckt: satirische Texte von Virginia Woolf.

Tomasz Kurianowicz

Sie ist eine der bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts – und eine der rätselhaftesten ihrer Zeit. Nun hat die Anglistin Claudia Olk, Professorin an der Freien Universität Berlin, unveröffentlichte Manuskriptseiten von Virginia Woolf entdeckt, die eine humorvolle, geradezu kecke Seite der Autorin zeigen. Es handelt sich um die Familienhefte „Charleston Bulletin Supplements“, die der Neffe der Schriftstellerin Quentin Bell 1923 gründete und bis 1927 als private Familienzeitschrift veröffentlichte. Die Manuskripte, in denen die Autorin ihr Familienleben aufs Korn nimmt, bilden ein wichtiges Puzzlestück für das Verständnis von Woolfs Entwicklung.

Die von Woolf geschriebenen und von Bell illustrierten Hefte stellen Woolfs berühmteste Romane wie „Orlando“, „Mrs. Dalloway“ oder „To the Lighthouse“, die in der gleichen Zeit entstanden sind, in einen neuen Zusammenhang. Das bestätigt die Literaturwissenschaftlerin Olk, die Virginia Woolfs Bild vom Klischee der manisch-depressiven Selbstmörderin befreien will. „Das spielerische Element kommt in der Woolf-Forschung zu kurz. Man hat sich in den 1970er Jahren viel zu stark auf die psychologisierenden Aspekte konzentriert. Mit den ,Supplements’ haben wir ein ironisches Korrektiv, das Woolfs schonungslosen Humor zeigt, der keine Grenzen kennt.“

Viele der kleinen, szenischen Erzählungen spielen im Haus Charleston in Sussex, das Woolfs Schwester, die Künstlerin Vanessa Bell, im Jahr 1914 erwarb. Dort traf die Autorin auf Familienangehörige und auf Vertreter des Londoner Bloomsbury-Kreises, zu dem wichtige Intellektuelle wie der Ökonom John Maynard Keynes, der Maler Duncan Grant und der Kritiker Lytton Strachey gehörten. Auch sie werden in den Heften auf die Schippe genommen. Jetzt sind die Manuskripte samt der dazugehörigen Illustrationen im Londoner Verlag der British Library erschienen.

In den Zeitschriften nehmen Tante und Neffe den Hochmut der Oberschicht auseinander, wobei auch Bedienstete zur Zielscheibe des Spotts werden. In einem der Hefte schildert Virginia Woolf die Fertigkeiten der Köchin Trizy: „In guter Stimmung würde Trizy zu einem Dutzend Eier greifen und einem Eimer Mehl, dann eine Kuh dazu zwingen, sich selbst zu melken, und dann beim Werfen die Zutaten hoch über dem Horizont vermischen und schließlich in Form von Dutzenden Pfannkuchen wieder auffangen.“ Nach der Lektüre bleibt kein Zweifel: Diese Frau hatte Humor. Tomasz Kurianowicz

Virginia Woolf: The Charleston Bulletin Supplements. Herausgegeben von Claudia Olk. British Library, London 2013. 144 Seiten, 12,99 £. Bestellung per Mail: bl-shop@bl.uk. Online: shop.bl.uk

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