Kultur : Die Sprache der Demokratie

Dänische Karikaturen und deutsche Muslimtests: zur Debatte um die Grenzen der Toleranz in Europa

Caroline Fetscher

Auf dem Kopenhagener Rathausplatz, an einem sonnigen Tag Mitte Oktober 2005, schlendern Einheimische und Touristen friedlich umher. Plötzlich ist von Ferne ein wütender Chor zu hören. Angeführt von etwa einem Tausend männlicher Demonstranten, manche in langen Gewändern und bärtig, nähert sich eine Menschenmenge dem Platz: muslimische Migranten. Im Schlepptau eines langen Männertrosses marschieren verschleierte wie unverschleierte Frauen, Jugendliche tragen coole Islam-Accessoires, auf dem Rücken eines Kapuzenpulli-Trägers prangt der Schriftzug „Soldier of Allah“. Zornig skandieren die Protestler ihren einen, gemeinsamen Slogan: „Allah Hu Akbar! Allah Hu Akbar!“ Man hat den Eindruck, die so genannte Parallelgesellschaft in Aktion, in Aufruhr zu erleben, wie eine bedrohliche Invasion der Unaufgeklärten wider die skandinavische Ruhe und Gefasstheit.

Die Migranten aus vielen Herkunftsländern hatten sich im Oktober versammelt, um gegen das Blatt „Jyllands Posten“ Front zu machen. Auf dessen Seiten waren Ende September ein Dutzend Karikaturen des Propheten Mohammed erschienen, darunter eine Zeichnung, auf der aus des Propheten Turban eine Bombe hervorlugte. Eine andere Zeichnung zeigt den Propheten, wie er sich im Himmel auf einer Wolke gegen den Ansturm von Selbstmordattentätern wehrt, die Einlass fordern: „Stopp, stopp, die Jungfrauen sind aus!“, ruft er den zerzausten Märtyrern zu.

Die Gläubigen fühlen sich kollektiv verunglimpft, sie sehen eine „Verspottung des Koran“ am Werk. Auf einer Rednertribüne gerät ein Sprecher in Rage. Diesmal, brüllte er, bleibe der Protest noch friedlich, „aber wenn noch mal so was passiert, dann....“ Ein Mitstreiter zieht den Mann sanft von der Bühne. Wochenlang setzte sich die dänische Presse daraufhin mit dem Fall auseinander, während Premierminister Anders Fogh Rasmussen die Migranten im Land darauf hinwies, dass in Dänemark nun mal Meinungsfreiheit herrsche – auch wenn er selber solche Karikaturen nicht zeichnen oder drucken würde.

Die dänischen Szenen spielten ein Jahr nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, eine Tat, die auch Ayaan Hirsi Ali, dessen Mitarbeiterin an dem islamkritischen Film „Submission 1“ galt. Bis heute kann die aus Somalia stammende niederländische Politikerin in Den Haag nur unter Polizeischutz leben. Auf das dänische Debakel folgten die Pariser Brandnächte, und nun finden wir uns inmitten einer deutschen Debatte über den „Muslimtest“ für die Einbürgerung und die Sprachpolitik an Schulen mit siebzig bis neunzig Prozent Ausländeranteil.

Europa hat ein Problem mit seinen vierzehn Millionen Muslimen. Eine nicht geringe Zahl unter diesen Millionen Muslimen hat ein Problem mit Europa. Und das Problem greift auch über den Rand Europas hinaus: Inzwischen hat der weiterschwelende, dänische „Fall Mohammed“ auch die arabische Welt erreicht, wo die Terrorformation der Al-Aksa-Brigade Skandinavier nun aufgefordert hat, binnen 48 Stunden „palästinensischen Boden“ zu verlassen. Saudi Arabien und Libyen schließen ihre Botschaften in Kopenhagen, und Ägyptens Außenminister Ahmad Abu el Ghayt ließ die Welt wissen, dass er eine Protestnote an Uno-Generalsekretär Kofi Annan geschickt habe.

Nervös hat sich die „Jyllands Posten“, auch angesichts von Morddrohungen gegen den Karikaturiste Nn und von Boykottdrohungen gegen dänische Produkte, nun entschuldigt. Dänische Krisenhelfer und Geschäftsleute befürchteten Entführungen. Ein Test sei die Publikation der Karikaturen gewesen, „wie weit die Angst vor moslemischen Vergeltungsaktionen begonnen hat, die Meinungsfreiheit in Dänemark einzuschränken“, hatte ein Redakteur der „Jyllands Posten“ zu Protokoll gegeben. Der Zeitung ging es darum, die prophylaktische Selbstzensur anzugreifen, der sich der Westen angesichts von islamistischen Drohgebärden und Terrorakten zunehmend unterwerfe.

Tun wir das wirklich? Vieles spricht dafür. Doch meist kreist die hilflose Debatte beharrlich um die falschen Begriffe. Wie könne man, fragte die Talksendung „Sabine Christiansen“ am vergangenen Sonntag, aus Ausländern „gute Deutsche“ machen? Jedes Wort in solch einer Frage siedelt neben dem Thema. „Ausländer“ oder „Deutsche“ ist kein sinnvoller Gegensatz, so wenig wie man aus jemandem ein Mitglied einer anderen Nationalität „machen“ kann. Implizit akzeptiert die Frage ja, dass es eine national definierte Menschengruppe gibt, die akzeptabler sei als eine andere. Die zur Fernsehdebatte eingeladenen Schüler der Berliner Herbert Hoover Realschule, ein Pakistani und eine Türkin, sahen sich veranlasst, ihre Schul-Vereinbarung, auch auf dem Pausenhof deutsch zu sprechen, gegen die linksgrüne Claudia Roth und den verärgerten Vertreter des türkischen Bundes, Kenan Kolat, zu verteidigen. Roth und Kolat sahen darin „einen Zwang“, quasi eine Sprachdeportation.

Erfreut von den Schülern zeigten sich die konservativen Hardliner in der Runde – und einmal mehr wurde klar, dass drei falsch wahrgenommene Fronten agieren: Ausländer, Rechte, Linke. Weder mit Parteiideologien noch mit Begriffen wie „nationale Leitkultur“ oder mit Multikulti-Zuckerguss lässt sich – von welchem europäischem Staat auch immer – eine fortschrittliche Perspektive zum Umgang mit den Migranten entwickeln, die an Wirtschaft und Gesellschaft partizipieren wollen.

Nur eine einzige Kategorie ist da tauglich: die der Demokratie. Wie erziehen Schulen und Familien deutsche oder dänische oder außereuropäische Heranwachsende zu guten Demokraten mit Respekt vor Wahlen, Meinungsfreiheit und Menschenrechten? Bassam Tibi, der sich einen aufgeklärten EuroIslam wünscht, erklärt dazu: „Die Grenzlinie verläuft nicht zwischen Europa und dem Islam, sondern zwischen der Offenen Gesellschaft und deren Feinden. Ich selbst bin ein Muslim, der auf der Seite der offenen Gesellschaft steht.“

Mit demokratischen Zuwanderern müssen Europas Gesellschaften so viele Allianzen wie möglich bilden und ihnen so viele Chancen wie möglich bieten. Sie dürfen weder von linken Multikulti-Völkerschauen vereinnahmt, noch vom rechten Nationalismus ausgegrenzt werden – zwei Positionen, die einander erstaunlich und erschreckend gut ergänzen: Beide verleiten zu Demokratie-Ignoranz.

In Deutschland wurde den ausländischen Demokraten bisher am wenigsten zugehört, zumal sie fast alle ihrerseits Randgruppen innerhalb der Randgruppen bilden: Feministinnen, Intellektuelle, oppositionelle Exilanten. Nach dem Van-Gogh-Mord in Amsterdam schrieb Ayaan Hirsi Ali: „Momentan stürzen sich alle Medien auf mich: eine schwarze Frau, die den Islam kritisiert. Aber der Tag wird kommen, an dem es wieder Raum gibt für die Sache, um die es geht: die Abhängigkeit der muslimischen Frauen und die Tatsache, dass Integration vor allem wegen der frauenfeindlichen Kultur und Religion des Islam scheitert.“ Auf solche Argumente kommt es an – und darauf, sie politisch statt ideologisch zu verstehen. Mit beiden Ohren, rechts wie links.

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