Kultur : Die Sprache der Glocken

Mein Sibiu, mein Hermannstadt: eine Hommage an Europas Kulturhauptstadt 2007 / Von Eginald Schlattner

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Schon der Weg ins Zentrum enthüllt das deutsch-rumänische Doppelgesicht der europäischen Kulturhauptstadt 2007. Auf allen Ortsschildern macht sich unter dem kurzen Sibiu das lange Hermannstadt breit. Und angekommen, erzählt jeder Kanaldeckel davon. Doch das ist nur das offensichtlichste Zeichen der siebenbürgischen Vielvölkergemeinschaft. Allein in den Mauern der Oberstadt ertönen die Glocken von fünf Kirchen, in denen in einer jeweils anderen Sprache Gott gepriesen wird. In der Fleischergasse, der Strada Mitropoliei, wölbt sich die orthodoxe Metropolitankirche zum Himmel hin, ein 1906 fertig gestellter Zentralbau mit metallenen Kuppeln, unter denen rumänisch gesungen und gebetet wird.

Einen Steinwurf entfernt, am westlichen Ausgang der Straße, befindet sich die kleine evangelische Johanniskirche vom Ende des 19. Jahrhunderts mit einem ehemals sächsischen Waisenhaus, die heute ein kirchliches deutschsprachiges Kulturzentrum beherbergt. Am Anfang der Fleischergasse wiederum steht die reformierte Kirche der Ungarn, errichtet zur Zeit Kaiser Josephs II. Und um die Ecke, auf dem Großen Ring, findet sich die Jesuitenkirche aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts. Hier wird in gleich drei Sprachen gepredigt: deutsch, rumänisch und ungarisch.

Mit Bedacht wurde das Gotteshaus an so prominenter Stelle errichtet, denn nicht mehr von der Hohen Pforte in Konstantinopel wurden von 1700 an die Geschicke Siebenbürgens (auf Ungarisch: Erdély, auf Rumänisch: Transilvania), gelenkt, sondern vom katholischen Erzhaus der Habsburger in Wien. Keinen Steinwurf weiter erobert die evangelische Stadtpfarrkirche den Huetplatz, im 14. Jahrhundert begonnen als katholische Marienkirche, Verkündigungssprache deutsch. Die ganze Stadt wird überragt von 80 Meter hohen Turm dieser Stadtpfarrkirche. Er ist, als höchster des Landes, der Stolz aller Konfessionen. Außerhalb der Stadtbefestigung bilden über 200 Jahre alte rumänisch-orthodoxe Kirchen einen Kranz – „gottdurchlässige Stellen“, wie Nelly Sachs einmal geschrieben hat.

Warum vor den Toren der Stadt? Bis Ende des 18. Jahrhunderts hatten ausschließlich die Sachsen das Bürgerrecht innerhalb der Mauern, die sie gebaut und mit ihrem Herzblut verteidigt hatten. Hier, in der Haupt-Hermannstadt, wie man sie nannte, residierte bis 1876 der Sachsengraf als oberster Verwaltungsbeamter der Sächsischen Nationsuniversität. Im Hochfeudalismus gab es ein Territorium im Apostolischen Königreich Ungarn, den fundus regius, den so genannten Königsboden, auf dem sich die staatspolitische Gewalt von unten nach oben entfaltete. Demokratie als königliches Privileg.

Sogar Engels und Lenin soll diese sächsische Enklave an demokratischer Autonomie aufgefallen sein, die zwischen 1224 und 1876 existierte, bevor sie in der k.u.k.-Monarchie aufging. Der Budapester Reichstag beschloss sogleich ein Gesetz über die „Zertrümmerung des Königsbodens“ und hob alle Sonderrechte der Siebenbürger Sachsen auf.

Heute zählt die auch offiziell so genannte deutsche Minderheit von Hermannstadt weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Doch nahezu 90 Prozent der Bürger haben Bürgermeister Klaus Johannis vom Deutschen Forum schon zum zweiten Mal gewählt. Der Stadtrat besteht zu mehr als zwei Dritteln aus Vertretern des Forums, und über die Hälfte der Abgeordneten des Kreisrates unter dem Vorsitz von Martin Bottesch, gehören dem Forum an. Dabei wissen viele Rumänen nicht einmal genau, wie der Bürgermeister heißt. Aber auf die Frage, warum sie ihn denn gewählt haben, wissen sie eine prompte Antwort: „Este neamtz, este sas! – Er ist ein Deutscher, er ist ein Sachse!“

Ein Sachse? Sachsen heißen wir durch einen Faux Pas der ungarischen Hofkanzlei. Dort wurden irgendwann einmal, zu unserem großen Leidwesen, alle Ankömmlinge aus dem Römischen Reich Deutscher Nation Saxones genannt. Deshalb werden wir Siebenbürger Sachsen von Binnendeutschen ständig mit den Sachsen von der Leine oder der Elbe verwechselt, wenn man uns nicht ins Siebengebirge oder nach Sibirien verweist. In den ersten Dokumenten nach der Einwanderung 1150 hießen wir noch Teutonici und Flandrensis. Am nächsten verwandt ist unserem Dialekt das Letzeburgische, die Volkssprache in Luxemburg.

In Haupt-Hermannstadt residiert heute noch die Dynastie des Königs Cioaba, des monarchischen Oberhaupts aller Roma, seine goldene Krone wiegt 1400 Gramm. Cioabas Vater ist unlängst mit allem Pomp als Tempelritter begraben worden, seine Schwester Luminitza hat Philologie studiert, sie dichtet in drei Sprachen. Luminitzas majestätische Mutter kauert manchmal auf dem Großen Ring vor dem Evangelischen Bischofspalais, wohl verpackt in ihre sieben roten Röcke, schmaucht Pfeife und hält die literarische Roma-Zeitschrift ihrer studierten Tochter feil. Und in Sichtweite von der Hofhaltung König Cioabas sticht der Palast des selbsternannten Roma-Kaisers Iulian ins Auge, ein Gebäude wie aus 1001 Nacht. Vom Kaiser selbst allerdings weiß und sieht man wenig.

Den Hof teilt sich die evangelische Stadtpfarrkirche mit dem Gebäude des ältesten, 1385 erstmals erwähnten Gymnasiums im Lande, dem Colegiul National Samuel von Brukenthal Gymnasium. Unterrichtssprache ist seit über 600 Jahren deutsch. Doch die Schule stand und steht, wie aus den Matrikeln zu ersehen ist, allen Bevölkerungsgruppen offen. Nicht nur sächsische Kinder unterrichtete sie in ihrer Muttersprache, sondern auch Ungarn, Juden, Rumänen, Armenier und Griechen. Nur von Zigeunern weiß man nichts. Seit 1990, seit der Rückwanderung nahezu aller Deutschen aus Rumänien, bevölkern nunmehr Kinder aus mutigen rumänischen Familien die Schule und werden ein, zwei Generationen deutsche Kultur und Bildung weiterführen – vielleicht auch länger.

In Hermannstadt dient das Gebäude der ehemaligen Klosterschule der Ursulinerinnen als Ausbildungsstätte für Grundschullehrer mit der Unterrichtssprache Deutsch. Wobei es für Rumänien spricht, dass dort vorwiegend rumänische Jugendliche ausgebildet werden, die später einmal fast ausschließlich rumänische Kinder unterrichten werden. Nach dem Exodus 1990 bestehen die etwa 12000 verbliebenen Siebenbürger Sachsen aus Menschen über sechzig.

Unterhalb des nördlichen Stadtbefestigung liegt im ewigen Schatten der Galgenwinkel und noch tiefer, in der Siechengasse, das städtische Siechenhaus von 1290, heute noch ein staatliches Altersheim, dessen Wohnhöhlen bevölkert sind von armen Alten, alten Armen. Die Irrenanstalt jenseits der Bahn stammt aus der Zeit Maria Theresias, das für den ganzen Landkreis zuständige Krankenhaus hieß ursprünglich Bürgerspital Franz Joseph. Das Militärspital wiederum verdankt die Stadt, wie vieles andere, der k.u.k.-Monarchie mehr.

Doch die Stadt gehört allen ihren Bewohnern. Wer hier aufgewachsen ist, fühlt sich hier beheimatet. Ob es ein Mädchen war, das ein junger Rumäne einst im Bannschatten des Pulverturms küsste oder heute ein Bursche beim so genannten Schatzkästchen einen jähen Glanz in den Augen einer ungarischen Schülerin zauberte, oder ob doch noch einmal ein junger Sachse, mitten auf der Lügenbrücke von 1859, zwischen Kleinem Ring und Huet-Platz, seiner Geliebten ewige Liebe schwört, im Wissen, dass diese Lügenbrücke jeden Augenblick zerbrechen könnte . . . Ach, es ist die Stadt aller, die hier geliebt und gelitten haben, vor achthundert Jahren, vor achtzig Jahren, vor acht Jahren, jetzt.

Nur die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist fast zu Ende. Aus einem Stück Erde haben sie eine geordnete Welt geschaffen. Schon in der Architektur scheint das auf: Die einzig bewehrten Städte Siebenbürgens sind von meinen Vorfahren erbaut worden. Und die Kirchenburgen von Dorf zu Dorf drücken die Erfahrung Luthers aus: „Ein feste Burg ist unser Gott.“

Das alles haben wir binnen eines Sommers 1990 dahinfahren lassen und uns sang- und klanglos aus der Geschichte verabschiedet. Hörbar bröckelt der Stein. Aber bis an der Ende der Tage wird aus dem Depot von Sibiu eine mit orthodoxen Ikonen geschmückte Lokomotive durch die Lande rollen, von der die junge rumänische Dichterin Liliana Ursu, ein Kind dieser Stadt, singt. In den letzten Zeilen ihres Lieder erinnert sie sich an ihren Großvater, einen Lokomotivführer zur Zeit der atheistischen Diktatur. Er hatte den Mut, zu Ostern den Rumpf der Lokomotive damit zu schmücken.

Eginald Schlattner, geboren 1933, lebt als Schriftsteller und evangelischer Gefängnispfarrer für ganz Rumänien in Rothberg bei Hermannstadt. Im Zsolnay Verlag erschien zuletzt sein Roman „Das Klavier im Nebel“.

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