Kultur : Die Sprache lebt, die Regel bebt

Rechtschreibreform: Kompromiss statt Kulturkampf

Peter von Becker

Es geht nicht um den Untergang des Abendlandes. Und auch nicht um seine Rettung. Es geht bei der nun allenthalben diskutierten möglichen oder nötigen Reform der Rechtschreibreform um etwas, was die Mehrheit der Leute bisher gar nichts angegangen ist. Deswegen ist das Argument der Gegner der Rechtschreibreform, eine Zweidrittelmehrheit der Deutschen habe diese Reform nie akzeptiert, eher schwach. Hier wird die in der Sache verbreitete Arg- und Ahnungslosigkeit ausgerechnet von jenen instrumentalisiert, die „Populismus“ bei komplizierten Materien sonst immer ablehnen.

Vermutlich ist es ja so, wie es „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust am Wochenende angenommen hat: Nicht nur die Ministerpräsidenten, auch die Länderkultusminister, die durch ihre Beschlüsse für die reformierte Rechtschreibung gesorgt haben, schreiben selber „bestimmt alle nach der alten Rechtschreibung“.

Das zeigt, wie diffus und untauglich für ideologische Gewissheiten die Situation ist. Kurios wirkt da auch, wenn insbesondere in der FAZ, dem stärksten Bollwerk gegen die Reform, seit dem Wochenende im Kontrast zur „neuen“ Rechtschreibung nicht mehr von der „alten“, sondern nur noch von der „bewährten“ oder gar „klassischen“ Rechtschreibung geschrieben wird – als klänge „alt“ irgendwie minderwertig oder verstaubt. Und als hätte es im sprachfließenden Deutsch je eine „klassische“ Schreibweise für alle Fälle gegeben.

Im leicht verkrampften, kulturkämpferischen Widerspruch gegen die sogenannte Reform spiegelt sich gleichsam seitenverkehrt nochmals etwas von den ursprünglichen Antrieben oder Sehnsüchten der Reformer. Denn ungeachtet aller Fragen nach einem einheitlichen deutsch-österreichisch-schweizerischen Sprachraum (oder einem drohenden Sprach-Abfall der noch existenten DDR) speiste sich das Unbehagen am „alten“ Deutsch aus einer Aufbruchstimmung, die ab den 60er Jahren politische Veränderungen auch ästhetisch, auch sprachlich neu (ver-)fassen wollte. Es war die Zeit, als die Dichter, allen voran der junge Hans Magnus Enzensberger mit seiner „landessprache“ lyrisch am liebsten in Kleinschrift schrieben; als ein Gedichtband bei Helmut Heißenbüttel nur noch „Textbuch“ hieß, und alle stoffliche Intuition zum „Material“ gerann.

Auch unter dem wachsenden Einfluss des Englischen zielte die neuere Rechtschreibreformbewegung zunächst auf völlige oder vermehrte Kleinschreibung. Das sollte weltläufiger wirken und einfacher sein. Wie die Wiederentdeckung des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit dann in der Architektur der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik sich gemein machte im Flachschachtelbau und der betonierten, glasklinkergestützten Bungalowitis, so ist auch jeder gut gemeinte orthographische Reformwille irgendwann umgeschlagen.

Während die Planwirtschaft schon weltweit gescheitert war, entstand ausgerechnet im deutschen Bildungswesen der Regulierungswahn. Und weil Regulierung im Geistigen meist weniger mit künstlerischer Disziplin als mit technokratischer Verbiesterung zu tun hat, sind die Folgen unübersehbar. Wer die Papiere der Rechtschreib-Reformkommissionen in ihrem unsäglichen Deutsch je gelesen hat, für den ist klar: Der Weg begann mit den einst berühmt-berüchtigten, auch andernorts praktizierten „Hessischen Rahmenrichtlinien“ für den Deutschunterricht – der Kinder und Jugendliche nicht mehr mit Literatur, sondern nur noch mit „Textsorten“ bekannt macht; und er führt als Geist vom Ungeist zum jetzigen „Regelwerk“, dessen chaotisch pedantische Filosofie zu keiner Philosophie gereicht.

Worum müsste es gehen? Um Vereinfachung und Klarheit – und allemal um Bedeutungsreichtum, Lebendigkeit, Sinnhaftigkeit der geschriebenen Sprache. Dabei ist die neue Unterscheidung zwischen „ss“ und „ß“ eine in jeder Hinsicht sinnvolle Reform. Nach kurzen Vokalen „Fluss“ und „Fass“ statt „Fluß“ und „Faß“ zu schreiben, aber auf dem länger intonierten, festen „Fuß“ zu stehen, leuchtet ein. Und wirkt differenzierter als das Schweizer Modell, das nur noch den „Fuss“ und kein „ß“ kennt. Wer wie Elias Canetti „Massen“ nur „in Maßen“ erträgt, kann dies im geschrieben Schweizerdeutsch nicht unterscheidbar ausdrücken. Warum die Reformgegnerin Christina Weiss also als Ausnahme ausgerechnet die Schweizer Lösung vorschlägt, in der noch die „Muße“ zur „Musse“ (und nicht zur Muse) wird, ist nur, wie sie selbstironisch anmerkt, mit ihrem Namen zu erklären.

Weiterhin aber nicht zu erklären und auf Dauer niemandem zu vermitteln, sind die zahllosen widersinnigen neuen Getrennt- und Zusammenschreibungen oder – in Umkehrung zur gottseidank abgewehrten allgemeinen Kleinschreibung – die neu eingeführten verkomplizierenden, oft ihrerseits sinnwidrigen Großschreibungen von Adverbien, Wort- und Sinnpartikeln.

Also sollten die Ministerpräsidenten bei ihrem nächsten Treffen im September die zum 1. August 2005 geplante Allgemeinverbindlichkeit der inzwischen von schätzungsweise 3000 Varianten durchlöcherten Neu-Unregelungen aussetzen und mit ihren Kultusministern tatsächlich neu nachdenken. Dazu könnte der Rat einiger wirklicher Sprachkenner eingeholt werden – zum Beispiel unter der Ägide des Schweizer Schriftstellers und Berliner Akademiepräsidenten Adolf Muschg. Ein Kompromiss, der Sprachfreiheit und Sprachfeinheit zusammenbringt, wäre – ob „neu“ oder „alt“ – auf der Basis der tatsächlich von Schriftstellern, Journalisten, Eltern, Lehrern und Kindern geschriebenen Sprache leichter zu finden, als jetzt manche laut denken wollen.

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