Kultur : Die Spur der Königin

Pina Bausch hat den Tanz revolutioniert – und das Theater. Jetzt kommt sie zu einem ihrer seltenen Gastspiele nach Berlin

Anne Linsel

Wenn Pina Bausch an diesem Freitag in der italienischen Botschaft in Berlin das „Komturkreuz des Verdienstordens der italienischen Republik“ erhält, ist das Ausdruck einer langjährigen freundschaftlichen Verbindung: Seit 1980 wurde die Choreographin mit über zehn Preisen und einer Ehrendoktorwürde in Italien bedacht. Für Pina Bausch aber ist, wenn sie an Italien denkt, noch etwas anderes wichtig: die Produktion ihres Stückes „Viktor“. Es war die erste Zusammenarbeit mit dem Ausland – dem „Teatro Argentina“ und der Stadt Rom 1986, der Beginn von Koproduktionen mit Theatern, Städten, Institutionen in der ganzen Welt, an die sich triumphale internationale Gastspiele anschlossen. Pina Bausch, Tänzerin, Choreographin, Chefin des Tanztheaters Wuppertal, hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts den Tanz revolutioniert.

Ihre künstlerischen Wurzeln liegen in Essen an der Folkwang Schule. Kurt Jooss, der legendäre Tänzer und Choreograph war ihr Lehrer. 1973 kam der Ruf als Ballettchefin nach Wuppertal. Die ersten größeren Arbeiten hielten sich noch im traditionellen Rahmen, Gluck, Brecht, Weill, „Iphigenie“, „Orpheus“, „Die sieben Todsünden“. Schon hier, spätestens bei Strawinskys „Frühlingsopfer“, war zu sehen und zu spüren, dass sich bei Pina Bausch etwas Neues tat, dass sie die existenziellen Themen Liebe und Tod mit ungewöhnlich archaischer Kraft und visionären Bildern anfüllte.

Das Neue entwickelte sich Schritt für Schritt. Die Stücke hatten keine Vorlage mehr, erzählten in kleinen Geschichten von der Suche und Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, von Angst, Einsamkeit, Verletzungen, Verstörungen, von Macht, vor allem der Männer über die Frauen. Bei alledem blickte Pina Bausch mit ihren Tänzern fragend weit zurück in die Kindheit. Und sie entdeckten im Kinderparadies Himmel und Hölle. Auf der Bühne tanzten die Tänzer immer weniger. Sie rannten, sprangen an den Wänden hoch, sprachen, schrieen, lachten, weinten, erzählten Witze. Der Bühnenboden war bedeckt mit Erde oder Wasser oder Gras (Bühnenbildner seit 25 Jahren: Peter Pabst).

Auf der Bühne bewegten sich falsche Nilpferde, Krokodile oder echte Hunde, Artisten, Stuntmen, Zauberer. Die Technik der Collage, die Stilprinzipien von Wiederholung, simultanen Handlungen und Brechungen ergaben Bilder voller Poesie, aber auch von Gewalt. Rätselbilder, vielschichtig und vieldeutig und oft mit wunderbar hintergründigem Humor. So erfand Pina Bausch mit ihren Tänzern eine neue Körper-Kunst-Theatersprache, die auch auf Schauspielregisseure großen Einfluss hatte. Heiner Müller nannte das Bausch-Theater einmal ein Theater, so, wie man früher eingekauft habe, ohne Verpackung, „ein Theater ohne Plastiktüten.“ Pina Bauschs Einfluss auf das Theater der letzten Jahrzehnte ist immens.

In den Anfängen war nicht nur das Publikum irritiert und verstört. Auch die meisten Kritiker schienen ratlos. Bei den Zuschauern in Wuppertal schlug das Unverständnis lange Zeit um in Aggression. Heute ist das kaum noch nachzuvollziehen. Überall und bei jeder Vorstellung, ob in Wuppertal oder in den großen Städten der Welt: Jubel. Vor wenigen Wochen in Japan: Szenenapplaus, stehende Ovationen, nicht die sonst in japanischen Theatern übliche höfliche Zurückhaltung. Weit über 30 Stücke hat Pina Bausch während dreier Jahrzehnte Tanztheater herausgebracht. Sie gastierte überall in der Welt, leider nur sporadisch in Berlin. Seit „Viktor“ sammelt sie dafür mit ihren Tänzern Erfahrungen und Anregungen in der ganzen Welt. Und wenn sie in einem Land war, dann „möchte ich immer wieder an den Ort zurückkommen“. Sehnsucht ist für sie eine Kraftquelle.

Wenn, wie bei den meisten Stücken der letzten Jahre, eine Kooperation besteht, dann lebt die Truppe einige Wochen im Gastland. In Wuppertal werden dann die auswärtigen Eindrücke in Tanz umgesetzt. Dabei geht es nie um eine vordergründige oder touristische Sicht. Wie zum Beispiel im Stück „Nefés“, entstanden in der Türkei, das nun zum krönenden Abschluss von „Tanz im August“ in der Volksbühne gezeigt wird. Türkisches Bad oder Bauchtanz, türkischer Honig oder Kaffeehaus, Klischees aller Art werden verfremdet, ins Komische verwandelt, ins Groteske und Absurde.

Es gab Zeiten, sagt Pina Bausch im Gespräch, da hatten die Tänzer ein anderes Bedürfnis, sie wollten nicht nur tanzen, sie wollten sich anders ausdrücken. Das hatte etwas mit der Zeit zu tun. Die jungen Tänzer heute wollen wieder mehr tanzen. Zeigen, „dass man mit dem Körper alles sagen kann“. Die Themen der Stücke, so hatte Pina Bausch früher einmal gesagt, bleiben gleich, nur die Farben wechseln. Heute leuchten sie heller, fröhlicher, freundlicher. Schönheit, Lebenslust, Sinnlichkeit, vermischt mit Melancholie, weniger Schrecken und Schärfe. Das habe auch mit der Zeit zu tun – mit Überleben, sagt Pina Bausch. Die Stücke heute seien wie die frühen aus Fragen entstanden und wie früher „aus Ernsthaftigkeit und Traurigkeit geboren“. Das Lachen gehöre dazu. Und sie seien alle ein Teil von ihr. So gehe sie ihren Weg weiter, gemeinsam mit den Tänzern, um dem, was sie will, „immer ein Stückchen näher zu kommen“. Und, mit Nachdruck: „Ich habe mich nicht verlaufen.“

Pina Bausch wird im Herbst ihr Stück „Nelken“ von 1983 wieder aufnehmen. Dann ist zu erkennen, dass ihre Stücke zeitlos sind. Wenn mitten in heiteren Kinderspielen im rosa Nelkenfeld ein Mann im Anzug von einem anderen den Pass fordert, ihn dann zwingt, ein Hund zu sein, auf allen Vieren zu laufen und zu bellen: Wer dächte nicht an aktuelle Foltermethoden, zum Beispiel im Irak? Auf Eindeutigkeit aber will Pina Bausch sich nicht festlegen lassen. Sie findet es wichtig, dass man in ihre Stücke soviel hineininterpretieren kann. Jeder soll seinen eigenen Gefühlen vertrauen. Ihr Wunsch: „Man darf alles denken und fühlen.“

„Nefés“, Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz, 2.–4. 9., 19.30 Uhr

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