Kultur : Die Spur des Godzilla

Silvia Hallensleben

Japan war im 20. Jahrhundert Ort unvorstellbarer Katastrophen. Viele Forscher meinen, dass dieser reale Horror in der kollektiven Fantasie Früchte trug und das Land in der Produktion filmischer Mutationen und Monsterdramen extrem beflügelte: etwa mit Godzilla/Gojira, Gamera und Gappa, der feuerspeienden Schildkrötendame. Der Berliner Filmemacher Jörg Buttgereit ist durch eigene Horror-Filme wie „Nekromantik“ ausgewiesener Genre-Spezialist. Jetzt hat er seiner Leidenschaft in schriftlicher Form Reverenz erwiesen: Japan – Die Monsterinsel heißt die Veröffentlichung, die Sonntagabend im HAU 1 noch druckwarm aufgetischt werden soll. Mit dabei sind Freunde & Mitstreiter und eine Auswahl erlesener und rarer Filmtrailer.

Drei Jahrzehnte, bevor Hondas radioaktiv verseuchter Gojira Tokio in Schutt und Asche legte, imaginierte Fritz Langs Metropolis sein Szenario einer totalitären futuristischen Gesellschaft in einer Architektur, die filmstädtebaulich die heutigen asiatischen Mega-Citys vorwegnahm. Die Stadt Metropolis im Film hat knapp überlebt, der Film selbst aber die Zeit nicht unversehrt überstanden. Doch moderne Digitaltechnik gestattet es, dem Publikum 2001 eine digital restaurierte und nach bestem Wissen rekonstruierte Fassung vorzulegen, die heute noch einmal im Zeughaus zu sehen ist.

Rekonstruktionen sind bei vielen Filmen gang und gäbe. Ebenso neu wie sinnfällig aber ist eine andere Form der Adaption technischer Errungenschaften für die Filmgeschichte. Die unter Filmhistorikern eher verpönte DVD macht für den Film erstmals eine Form der Editierung möglich, wie sie bisher den klassischen Textwissenschaften vorbehalten war: die „Studienfassung“, die statt einer erzählerischen Rekonstruktion das Fragmentarische des Überlieferten samt Lücken und Leerstellen präsentiert und mit Querverweisen zu Drehbuch und Partitur aufwartet. Als DVD ist die Studienfassung von „Metropolis“ bisher nur für Institutionen zugänglich. Freitag lässt sie sich im Zeughaus auf der Leinwand studieren.

Ergänzend zu den „Metropolis“-Aufführungen werden einige Filme gezeigt, die Fritz Lang als Inspirationsquelle für eigene Fantasien nutzte: David Butlers Science-Fiction-Musical Just Imagine (USA 1930, Zeughaus, morgen und Sonntag) spielt sich voraus ins New York der 80er Jahre und prunkt mit beeindruckendem Produktionsdesign. Auch Alex Proyas’ 1998 entstandener Dark City (Samstag) zitiert das Vorbild vor allem in filmarchitektonischer Hinsicht. Hoffen wir nur, dass das vor knapp zehn Jahren entworfene Zukunftsszenario nicht so realistisch ist wie die Visionen aus Maurice Elveys britischem Metropolis-Äquivalent High Treason (GB 1929, heute Abend), das damals mit hellseherischer Präzision Bildtelefonie, Internet und weibliche Wehrpflicht vorhersah.

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