Kultur : Die Stadt der lebenden Toten

Das „Beirut“-Festival im Berliner HAU 2

Jan Oberländer

„Typisch libanesisch?“ Ghassan Salhab schnaubt. Typisch libanesisch sei vielleicht Muttabal, eine Auberginenpaste. „Aber nicht Kunst. Wenn ich Kunst sagen darf“. Auch Joana Hadjithomas, Regisseurin wie Salhab, sieht ihre Filme im Kontext einer internationalen Filmsprache. Repräsentativ für die Situation ihrer Generation oder gar ihres Landes seien sie nicht. Auch der libanesische Performer Rabih Mroué versucht in seiner Eröffnungsrede zu dem von ihm kuratierten Festival „2732 km from Beirut“ etwaige Erwartungen zu dekonstruieren. Jeder der über 20 vertretenen Künstler repräsentiere nur sich selbst, sagt Mroué. Außerdem sei die Auswahl subjektiv, eben seine persönliche. Man sei nicht hierhergekommen, um den Deutschen den Libanon zu erklären. Vielmehr habe man selbst Abstand von Beirut gesucht. Um eigene Fragen zu stellen.

Zwei Tage lang hat Mroué das HAU 2 mit Filmen und Installationen, Podiumsdiskussionen und Musik bespielen lassen, außerdem hat er noch eine eigene Performance gezeigt, vor Beginn des Festivals, um Künstler- und Kuratorrolle getrennt zu halten. In dem Powerpoint-Vortrag „Make me stop smoking“ gibt Mroué den Ton vor: die sanfte Ironie im Erzählen, das Anti-Illusionistische, das Wissen um die Gemachtheit von Geschichte, der Umgang mit dem kulturellen Archiv – Mroués Forschungsfelder seit langem. Auch die Themen sind da: die Toten, die vor allem. Die Toten des Bürgerkriegs 1975 bis 1990, die Toten des Kriegs vom Juli 2006. Die 17 000 zu Bürgerkriegszeiten Verschwundenen. Die ermordeten Politiker und die „Märtyrer“ der Hisbollah. Überall in der Stadt hängen ihre Fotos. Beirut ist voller Geister.

Wie geht man mit denen um? „Mohamed!“ ruft eine Figur in Mohamed Soueids Dokumentation „Civil War“ seinem toten Bruder zu, „Welche Filme liebst du?“ Die Performerin Lina Saneh lässt der poetisch zwingendsten Arbeit des Festivals, dem Video „I had a dream, mom“, ihre Mutter immer wieder vergessen, immer wieder nachfragen, was ihr die Tochter erzählt hat: den Albtraum von einer leeren Stadt, deren Bewohner ermordet wurden, in die am Tag Touristen kommen und nachts die „Phantome“ zurückkehren: Wie sahen die aus? Wer hat sie getötet? „Ach so, das war ein Traum? Es könnte ja wahr sein.“

Kunst sei die einzige Möglichkeit, den „Überschuss“ an Toten zu verarbeiten, sagt der Autor Walid Sadek zum Thema „Trauern“. Die politisch und konfessionell zerrissene Gesellschaft des Libanon habe alle anderen Verarbeitungstechniken verlernt. Man schweige „am offenen Sarg“. Oder man instrumentalisiere die jeweils eigenen Toten als politische Waffe. Wie die Selbstmordattentäterin, die sagt: „Wir gehen, um zu sterben, weil wir das Leben lieben.“ Die junge Frau in der Sommerbluse schaut direkt in die Kamera. Sie muss grinsen. So sehen Phantome aus.

Die libanesische Zerrissenheit zeigt sich auch in Maher Abi Samras Dokumentation „Women of Hezbollah”. Der Film zeige die Bedeutung der islamistischen Organisation für die Unterprivilegierten. Da wird Religion auch zur Klassenfrage. Und wenn die kleinen Söhne einer Aktivistin von einer Villa und einem Mercedes träumen, zieht sich die Frontlinie mitten durch die Familie. Auch Sadek spricht von konkurrierenden „Investitionsprojekten“ eines globalisierten Konsumismus und eines anti-israelischen Arabismus – modernes nation building spiele im Libanon heute keine Rolle mehr.

Eben weil es ein Verständigungsproblem gibt. Die verschiedenen Fraktionen – nicht nur im Libanon, auch im restlichen Nahen Osten – sind so sehr damit beschäftigt, ihre jeweils eigene Wahrheit zu beschreien, dass sie das Zuhören verlernt haben. So hält man denn auch nichts von Lösungsvorschlägen. Einzig das „kritische Beschreiben“ mache noch Sinn, so Sadek.

Es scheint schier unmöglich, die Toten daran zu hindern, immer wieder aufzustehen. Dabei ist das Rabih Mroués wichtigster Punkt: Man müsse den Sarg schließen und versuchen weiterzuleben. Sonst werde man selbst zum Zombie. Wie der Vampir in Ghassan Salibs Film „Last Man“. Der lebt, so eine Lesart, vom Blut derjenigen, die es nicht schaffen, die zerfallende Stadt zu verlassen. Am Ende bliebe nur einer übrig.

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