Kultur : Die Stadt der Städte

Für einen Filmdreh ist Berlin ideal – es kann als Moskau, London oder Paris durchgehen

Andreas Conrad

Die Warnung aus dem Autoradio klang dramatisch: „Bitte die Lichtenberger Brücke weiträumig umfahren. Dort staut es sich wegen Dreharbeiten.“ Herr Bensch, waren Sie das? Aber Markus Bensch, Location Scout bei Studio Babelsberg und damit der Pfadfinder des Hollywood-Teams, das vorige Woche in Berlin einige Moskauer Szenen für „The Bourne Ultimatum“ drehte, schüttelt ratlos den Kopf. „Da waren wir gestern. Heute drehen wir am Platz der Vereinten Nationen. Vielleicht sind die Autofahrer über unseren Kunstschnee an der Brücke irritiert, und es kommt deshalb zu Staus."

Die vier Berliner Drehtage, die für den Abschlussfilm der „Bourne“-Trilogie eingeplant waren, sind abgeschlossen, Matt Damon kann sich in Ruhe auf seinen Berlinale-Auftritt vorbereiten, am Sonnabend in Robert De Niros „The Good Shepherd“. Er spielt einen CIA-Agenten, den sein Job auch ins Nachkriegs-Berlin führt – in diesem Fall nur Nebenschauplatz, anders als in Steven Soderberghs „The Good German“ am Freitag, der ebenfalls 1945 spielt, mit Berlin und Potsdam als zentralen Orten. Noch eines haben die Filme gemeinsam: Gedreht wurde in Hollywood.

Üblich ist der umgekehrte Weg, dass also Berlin eine andere Stadt darstellt. Denn bei den vielen größeren und kleineren Drehterminen, die es hier mittlerweile fast täglich gibt, darf die Stadt oft nicht einfach sie selbst bleiben, sondern muss eine andere darstellen. Für das Umland gilt das ebenso. Das hat Tradition. Schon der erste „Titanic“-Film 1912 wurde nicht im Atlantik, sondern am Krüpelsee bei Königs Wusterhausen gedreht. „Das indische Grabmal“ von 1921 war ein märkisches, entstanden bei Woltersdorf. Und den Brand der Danziger Synagoge in der „Blechtrommel“ drehte Volker Schlöndorff in den Kriegsruinen des Berliner Asyl-Vereins in der Weddinger Wiesenstraße. In den letzten Jahren häufte sich das. Für „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan baute das von Henning Molfenter geleitete Studio Babelsberg den Gendarmenmarkt zum Platz in London um. Auch in „V for Vendetta“ stellte Berlin London dar, für „Aeon Flux“ wurde es zur Science-fiction-Kulisse. Und schon im zweiten Film der „Bourne“-Reihe war Berlin neben Berlin auch Moskau.

Spezialisten für solche geografischen Eulenspiegeleien sind Leute wie Markus Bensch, als Location Scouts die Spürhunde für Drehorte. Überwiegend arbeiten sie freiberuflich, wie lange Zeit auch Bensch. Seit 20 Jahren lebt er in Berlin, arbeitete erst als Aufnahmeleiter, unter anderem für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ – damals war Drehortsuche im Job noch inbegriffen. In den letzten zehn Jahren habe sich die Branche stark professionalisiert und damit auch spezialisiert, sagt er.

Natürlich hat er eine Fotosammlung möglicher Drehorte, „falls mir nichts einfällt“, arbeitet für die erste Suche auch oft mit Google-Earth, aber das wichtigste Archiv bleibe sein Kopf, ein Arbeitsspeicher, der aber nicht ständig neu gefüllt werden muss, da sich Motive ja auch wiederholen. Wenn er, wie üblich, für eine Szene 20 mögliche Orte vorschlägt, aus denen über die Kette Production Designer – Regisseur – Kameramann ein einziger herausgefiltert wird, so bleiben ihm für künftige Aufträge immer noch 19.

Drehortsuche – das bedeutet für ihn zunächst, „Klischees zu bedienen“, sofern nicht gerade das Gegenteil gewünscht wird. Aber in der Regel frage er sich: „Wie stelle ich mir Moskau vor? Wie stellt es sich der Zuschauer vor?“ Nämlich „trist, kalt, Plattenbau, viel Neon“. Die Suche nach einem Moskauer Supermarkt schloss daher Gropiusstadt oder Märkisches Viertel schnell aus, es blieben Frankfurter Allee und Platz der Vereinten Nationen – den schließlich nahm das Filmteam.

Für seine Arbeit, schwärmt Bensch, sei Berlin ideal, vielseitig verwendbar, darin anderen Städten voraus. Paris sei Paris, London London, Berlin dagegen könne wegen der vielfältigen Architektur vieles darstellen. Andererseits gebe es nur wenige Landmarken, die im Ausland sofort als Berlin erkannt werden, das Brandenburger Tor, den Reichstag, mittlerweile sogar den Fernsehturm. Wo er eine Szene mit typischem Berliner Ambiente drehen würde? Bensch muss nicht lange nachdenken: „Am Chamissoplatz.“ Aber er ist sich sicher: „Nur in Deutschland erkennt man das als Berlin.“

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