Kultur : Die Stadt der Zukunft

Architekt Daniel Libeskind über seine Pläne für Ground Zero und die größte Herausforderung

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Als Daniel Libeskind auf der „SS Constitution" 1960 zum ersten Mal New York sieht, prägt sich dem 14jährigen Jungen aus Lodz unauslöschbar ein Bild ein: die Freiheitsstatue mit der Skyline von Manhattan im Hintergrund. In der Bronx geht er zur Schule, studiert an der Cooper Union for the Advancement of Science and Art, während die Zwillingstürme des World Trade Centers in den Himmel wachsen. Mehr als 40 Jahre danach soll der Architekt nun die Lücke füllen, die seit dem 11. September 2001 in der Stadt-Silhouette klafft. Sein Plan, den mit 541 Metern höchsten Wolkenkratzer der Welt entstehen zu lassen und die Fußabdrücke der zerstörten Türme als begehbares Denkmal zu erhalten, hat sich, wie hier gestern berichtet, gegen sieben Konkurrenten durchgesetzt. Das Projekt soll rund 330 Millionen Dollar kosten und spätestens zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge realisiert sein. Mit einer bislang beispiellosen Werbe-Kampagne hatte Libeskind die New Yorker Öffentlichkeit von seinem Entwurf zu überzeugen versucht. Sein Kopf-an-Kopf- Rennen mit der von Rafael Vinoly und Frederic Schwartz angeführten New Yorker Architektengruppe „Think“ habe mehr an einen Politik-Wahlkampf denn an einen Architektur-Wettbewerb erinnert, befand die „New York Times".

Wie haben Sie reagiert, als der Telefonanruf kam, dass Sie den Wettbewerb für die Neubebauung des Ground Zero gewonnen haben?

Ich war zuerst sprachlos. Denn es gab so viele großartige Entwürfe, von einigen der bedeutendsten Architekten der Welt.

Und wie haben Sie die letzten Wochen vor der Entscheidung erlebt?

Alles war wie in Watte gepackt, wie in einem großen Nebel. Wir haben 24 Stunden am Tag nur gezeichnet, Modelle gebaut und unsere Idee und was sie bedeutet der Jury erklärt. Jetzt bin ich einfach sehr glücklich, dass ich gewonnen habe. Und erschrocken.

Erschrocken?

Man muss sich mal die Dimension vorstellen: Das ist eine Verpflichtung für die nächsten zehn Jahre, die mein Leben verändert. Wir müssen durch all die Wasser der Kompromisse navigieren, die jetzt kommen. Den Entwurf durchboxen, seine Idee nicht verraten – und New York am Ende das geben, was man versprochen hat.

Wie lautet Ihr Versprechen?

Das zentrale Thema des Entwurfs ist die Verbindung von einem Gedenken an die Opfer und der Erschaffung einer neuen Stadt rund um Ground Zero. Eine Stadt, die nach vorne schaut, eine Stadt der Zukunft. Diese scheinbar gegensätzlichen Aspekte in einem Design zu vereinen, das vom Sockel bis zur Spitze für Optimismus und trauernde Erinnerung gleichermaßen steht, das war die Herausforderung dieses Ortes.

In der zweiten Phase des Wettbewerbs mussten Sie Ihren Entwurf bereits an Vorstellungen der Auftraggeber anpassen. Was haben Sie verändert?

Ich habe die Gelegenheit genutzt, das Fundament der alten Türme, das als begehbares Denkmal erhalten bleibt, besser abzustützen und den Boden anzuheben.

Von dem Fundament der Zwillingstürme werden jetzt aber nur noch rund neun statt ursprünglich 20 Meter zu sehen sein. Verwässern die Änderungen Ihren Ansatz?

Architektur ist Verhandlungskunst. Sie muss auf alle Bedenken eingehen, und sie muss stets integrieren.

Soll deshalb auf dem Grund der so genannten „Badewanne“ nach den Wünschen des Pächters von Ground Zero auch ein riesiger Busbahnhof entstehen?

Darüber möchte ich jetzt lieber nicht sprechen. Man arbeitet mit allen Leuten, greift Ideen auf, wenn sie gut sind. Ich bin kein Architekt, der sagt: Fertig, so wird es gemacht! Man muss bis zum letzten Türgriff dabei sein. Erst, wenn der richtig angeschraubt ist, funktioniert es.

Welche Ideen Ihres Entwurfs dürfen aber nicht verändert werden?

Die Anordnung der einzelnen Elemente im Raum, die Lichtführung, die Straßenführung, die Komposition der Gebäude, der Platz des Denkmals und seine Umgebung – das alles ist fundamental. Aber es wird vieles geben, das sich ändert. Das ist die organische Entwicklung jedes guten Entwurfs. Ziel bleibt, die Stadt des 21. Jahrhunderts zu bauen. In New York, das sich mit keiner anderen Stadt vergleichen lässt.

Viele halten den Umgang mit den Fußabdrücken der Zwillingstürme für die größte Stärke Ihres Planes.

Meine Eltern sind Überlebende des Holocaust. Vielleicht habe ich deshalb tief im Innern gespürt, was die Menschen in New York meinten, als sie von einem Denkmal für die Toten des 11. September sprachen. Ich wollte für das Memorial einen besonderen Platz schaffen, einen Ort, der ruhig ist, der sich unterhalb des Straßenniveaus befindet. Ein Platz, an dem man sich sammeln und nachdenken kann.

Wann wird Ihr Wolkenkratzer an der Skyline Manhattans zu sehen sein?

Das Kernstück ist ein Bürogebäude mit einer großen Antenne – das produziert Einkommen. Weshalb der Pächter des Grundstücks dieselben Interessen hat. Wenn wir bald anfangen, können die Schlüsselelemente schon in vier Jahren fertig sein: also das Wahrzeichen, der 1776 Fuß hohe Turm, das Zentrum für Darstellende Kunst, das Museum, das Denkmal und der Regionalbahnhof.

Werden Sie jetzt Ihren Wohnsitz von Berlin nach New York verlegen?

Das habe ich schon weitgehend getan. Unsere Tochter beendet gerade in Berlin die achte Klasse. Wenn Ende Mai in der Schule Schluss ist, werden wir wohl endgültig nach New York ziehen. Ich selbst bin ja in der Bronx aufgewachsen, bin dort zur Schule gegangen und habe meinen Abschluss gemacht. Meine Eltern waren Fabrikarbeiter, als sie aus Polen nach New York kamen. Sie haben diese Stadt geliebt für die Möglichkeiten, die sie ihnen und ihren Kindern bot.

Ist der Wiederaufbau des World Trade Centers der größte Erfolg Ihres Lebens?

Ich denke, es ist eher die größte Herausforderung – emotional, intellektuell, spirituell. Das ist einfach das großartigste Projekt, mit dem ich je zu tun hatte.

Das Gespräch führte Matthias B. Krause.

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