Kultur : Die Stadt ist der Star

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Von Ulf Meyer

Berlin gehört zu den architektonisch interessantesten Städten der Welt. Nicht zuletzt deshalb hat die Stadt als attraktiver Austragungsort auch das Rennen um die internationale „Architektenolympiade“ gewonnen. Morgen beginnt im Internationalen Congress Center (ICC) der XXI. Weltkongress der Architektenschaft. Bundeskanzler Gerhard Schröder wird ihn am Dienstag eröffnen. Während der fünf Kongresstage wird sich zeigen, was für die angereisten Architekten interessanter ist: die Stadt, das Rahmenprogramm oder der Kongress selbst. Berlin ist die erste deutsche Stadt, der die Ehre zuteil wird, den Weltkongress auszurichten.

Der Kongress als Volksfest

Die in Paris ansässige „Union Internationale des Architectes“ (UIA) veranstaltet zusammen mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) ihre diesjährige Konferenz unter dem Motto „Architektur als Ressource“. Mindestens 6000 Architekten aus aller Welt werden dazu erwartet. Die Organisation des Kongresses ist für den BDA als Organisator ein logistischer und finanzieller Kraftakt. Mit Barcelona 1996 und Peking 1999 hat Berlin als Gastgeber zwei denkbar gegensätzliche Vorgänger: Während in Barcelona ein architektonisches Volksfest veranstaltet wurde, von dem die mehr als 14000 Besucher noch heute schwärmen, mussten die Besucher in Peking eine dröge Funktionärsveranstaltung absitzen. Große Konferenzen stehen und fallen mit ihrem Veranstaltungsort.

Damit es die angereisten Planer in den klaustrophobischen Räumen des Berliner ICC und der begleitenden Messe „PlanCom“ hält, müssen die Organisatoren also ein mitreißendes Programm bieten. Allerdings wird häufig übersehen, dass die UIA-Kongresse ihrem Charakter nach keine Publikumsveranstaltungen sind, sondern in erster Linie von den Funktionären der nationalen Architektenverbände besucht werden. Der Eintrittspreis in Höhe von 530 Euro schreckt junge Architekten leider ab, aus eigener Initiative teilzunehmen. Um den Ruf einer Altherrenveranstaltung abzuwehren, setzen die Veranstalter deshalb auf „zukunftsweisende Beiträge vor allem jüngerer Berufskollegen sowie Experten anderer Disziplinen“.

Ohne Stars kommt kein UIA-Kongress aus. Denn die meisten Architekten schätzen den Diavortrag eines berühmten Kollegen mehr als die eloquenteste Gesprächsrunde von Funktionären und Fachleuten. Angekündigt sind berühmte Gäste: Norman Foster aus London, Peter Eisenman aus New York, Greg Lynn aus Los Angeles, Shigeru Ban aus Tokio und Mathias Klotz aus Santiago de Chile.

Dabei sparen die Veranstalter bei ihren Programmen nicht mit Pathos. „Auf dem UIA-Kongress trifft sich die Welt zum Dialog über die Zukunft der gebauten Umwelt“, heißt es. „Einen Dialog der Zivilisationen, der Ideen, der Wissenschaften, der Kulturen und der Generationen“ wollen die Architekten führen – die Messlatte hängt hoch. Den meisten Planern dürfte derzeit jedoch nicht nach so Hochtrabendem zumute sein, denn viele drängen ganz konkrete Sorgen. Der Berufsstand der Architekten ist in einer Krise, die weit über das gegenwärtige konjunkturelle Tief hinausgeht. Niedrige Honorare, arbeitslose Kollegen, mangelnde Kompetenz in einigen Fachgebieten, internationale Konkurrenz und aufstrebende konkurrierende Berufszweige gehören zu den Problemen der Branche. Der bröckelnde Sozialstaat hat vielen Architekten ihre Existenzgrundlage entzogen. Der gravierende Wandel des Berufsbilds wird weder in der Berufspolitik noch in der Ausbildung angemessen berücksichtigt.

Der BDA als Berufsverband der elitären deutschen Architekten betont, dass „die ganze Verantwortung für die gebaute Umwelt“ in den Händen der Architekten liegen müsse. Da die gebaute Umwelt zwangsläufig auf Kosten der unbebauten geht, fallen den Architekten neue Aufgaben zu, auf die sie nur bedingt vorbereitet sind. Das Modewort „nachhaltiges Bauen“ ist seit Jahren in aller Munde. Die deutsche Architektenschaft hat zwar einen Vorsprung im umweltbewussten Bauen. Dennoch sind die Zeiten, in denen die Planer aus der Ersten Welt denen aus der so genannten Dritten Know-how vermitteln konnten, wohl endgültig vorbei.

Denn die Probleme sind völlig verschieden: Während die Städte in Westeuropa, Japan und Nordamerika von Überalterung der Bevölkerung, Abzug der Familien und Industriebrachen geprägt sind, stehen die Zeichen überall sonst auf Wachstum. Ein stürmisches Wachstum, das niemand glaubt, der es nicht selbst gesehen hat. Schanghai beispielsweise boomt trotz weltweiter Wirtschaftskrise in einem Schwindel erregenden Tempo. Wenn dieser Boom anhält, dürfte Schanghai bald die größte Stadt der Welt sein. Dabei ist die chinesische Metropole nur eine von mehreren Dutzend Megastädten in Ost-Asien, Afrika und Lateirika, die zur Größe von ganzen Nationen herangewachsen sind. Hier setzt sich kaum jemand ernsthaft mit Nachhaltigkeit auseinander.

Umweltfreundliches Bauen bedeutet hingegen in den Industrieländern häufig, überhaupt nicht (neu) zu bauen, sondern bestehende Gebäude umzunutzen. Der Verbrauch unersetzlicher Rohstoffe und ihre ungleiche Verteilung gehen weiter. Die Veranstalter wollen deshalb aus dem Kongress eine politische Symbolveranstaltung mit Kundgebungscharakter nach Vorbild der Umweltkonferenz von Rio machen. Ob das im Sinne der Besucher ist und mittelfristig zu einem höheren Ansehen der Architektenschaft in der Öffentlichkeit führt, bleibt abzuwarten.

Reinhart Wustlich, als Sekretär des wissenschaftlichen Komitees des UIA Kopf des Kongresses, ergeht sich in Phrasen, die vom Beitrag der Architekten zum Weltfrieden handeln. So fordert er die „globale Entwicklung einer friedlichen Welt-Umweltpolitik“. Tatsächlich entfällt der überwiegende Teil des weltweiten Energieverbrauchs auf das Heizen von Wohnungen und Arbeitsstätten und den innerstädtischen Verkehr; er ist also von der Arbeit der Architekten und Stadtplaner abhängig.

Was genau ist gewollt?

Wustlich formuliert: „Kulturelle Reflexion und Innovation ist im Austausch aller Weltkulturen erforderlich“. Architektur erhalte die „Dimension einer Existenzfrage für den zustimmungsfähigen Konsens im Horizont des Geistes und damit vor dem Horizont der Erde. Gefährdende Faktoren der Zukunftsentwicklung der Städte sind vorausschauend zu definieren und durch positive Umdeutung aufzufangen. Prozesse der Verarmung der Lebensbedingungen in der Stadt sind aufzuhalten. Ein sinnstiftender Umgang mit den Möglichkeiten der Modernisierung und der Modernität muss möglich werden.“ Was die Veranstalter genau von dem Kongress erwarten, bleibt angesichts derartig blumiger Allerweltsaussagen ihr Geheimnis.

Im Kern bedeutet das Thema „Architektur als Ressource“ wohl, dass umweltfreundliche Planung not tut. Das ist zweifelsfrei richtig, wenn auch seit 30 Jahren bekannt. Nur wie das Ziel zu erreichen sei, ob durch mehr oder weniger Technik, mehr „solare“ Glasfassaden oder im Gegenteil eine Rückkehr zum Massivbau, darüber gibt es bislang keine Übereinstimmung. Architekten profitieren nach wie vor mindestens so stark von umweltfeindlichen Projekten wie von ökologischen. Den endlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Welt sollen nach Willen des BDA „die unendlichen Fähigkeiten der Planer“ entgegengestellt werden.

Die neue Positionierung der Architektenschaft als Hüter und Weiterentwickler des Gebäudebestands und der Städte ist zwar sinnvoll und in der zunehmend verstädterten Welt nachvollziehbar, jedoch bisher nicht mehr als ein frommer Wunsch. Die Zeiten, in denen Gebäude noch als zivilisatorische Aneignung der Architektur gefeiert wurden, sind vorbei und mittlerweile müsste die Menschheit –weltweit betrachtet – froh sein über jedes Gebäude, das nicht errichtet wird.

Der letzte UIA-Kongress in Peking hatte die Atmosphäre eines Parteitags der chinesischen KP in den 50er Jahren und bot nur ein unstrukturiertes Potpourri von Themen und eitlen Werkvorträgen. Dafür war er reich an bizarren Randerscheinungen. Da spielte zur Verleihung der UIA-Goldmedaille das Orchester der chinesischen Staatsbahnen zum Tanz der Teller-Akrobatinnen. Derartiges muss Berlin nicht bieten, um einen interessanten Kongress zu organisieren, der qualifizierte Fachgespräche ermöglicht und den Charakter eines Festes dennoch nicht verliert. Trotz schlechter Zeiten.

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