Kultur : Die Stadt ist die Mitte

Triumph der Soziologie: Rundgang über die 10. Architektur-Biennale in Venedig – auf der die Architekten fehlen

Bernhard Schulz

Der deutsche Pavillon in den Giardini von Venedig hat im Lauf der Zeit schon einige Veränderungen erfahren. Dass man ihm aufs Dach steigen kann, ist die neueste und radikalste Variante. Armand Gruentuch und Almut Ernst, die Berliner Architekten und Kommissare des Pavillons bei der 10. Architektur-Biennale, haben die temporäre Terrasse ersonnen, zu erklimmen über eine im Inneren des Gebäudes beginnende, sich dann außen knallrot fortsetzende Stahlgerüsttreppe. So wird der Pavillon selbst zum Ausstellungsstück seines Themas der „Convertible City“, der wandelbaren Stadt, mit dem Gruentuch & Ernst die Aufgaben künftiger Architekten in den saturierten Städten Deutschlands beschreiben.

Dass die Zeit der großen Projekte vorüber sei und der kreative Umgang mit der vorhandenen Substanz im Vordergrund stehe, ist indessen im Weltmaßstab eine eher periphere Hypothese. Die Welt hat diese Architektur-Biennale im Blick wie noch keine vor ihr, seit dieser Seitenzweig der ehrwürdigen, in diesem Jahr 111 Jahre alt gewordenen Institution namens Biennale erstmals im Jahr 1980 – und seither nicht ganz regelmäßig – veranstaltet wurde. „Städte: Architektur und Gesellschaft“, lautet ihr Generalthema, das ihr Leiter Richard Burdett vorgegeben hat.

Auf den 300 Metern der langgestreckten Seilerei im uralten Arsenal werden 16 Beispielstädte ausgebreitet, darunter das vergleichsweise kleine und noch dazu als einziges Beispiel stagnierende Berlin, während ringsum die Millionenzahlen nur so in die Höhe schießen. Auf schwarzen Wänden finden sich Fotografien, Diagramme, Monitore, die die Auswahl von Bogota bis Tokio, von Johannesburg bis Bombay in ihren schier überwältigenden Extremen vor Augen führen.

Stets erstrecken sich diese wuchernden Stadtteppiche bis zum Horizont und gewiss darüber hinaus, wartet eine jede Stadt mit einem spezifischen Superlativ auf, und sei es der der lokalen Mordrate. Besonders anschaulich ist die in dreidimensionale Styroporgebirge übersetzte Bevölkerungsdichte je Quadratkilometer, die in Berlin im Schnitt 3800 beträgt, in Bombay indessen 49 160.

Im Jahr 1900 lebten zehn Prozent der Weltbevölkerung in Städten, jetzt ist es – bei erheblich mehr Weltenbürgern – bereits die Hälfte; die jüngere Generation wird noch das Anwachsen auf drei Viertel erleben. Wie damit umgehen, so dass überhaupt noch menschenwürdiges Leben möglich bleibt, ist der Tenor dieser statistischen Überwältigung im Arsenal. Dabei ist Burdett kein Pessimist. Er fasst am Ende seines eindrucksvollen Parcours einige Kernprobleme zusammen, die das Generalthema handhabbar machen sollen, etwa den Zusammenhang von „Öffentlichem Raum und Toleranz“ oder von “Nahverkehr und sozialer Gerechtigkeit“.

Nur eines sucht man in dieser von einem gleichermaßen eindrucksvollen Katalog begleiteten Ausstellung vergeblich: die Architektur, die dieser Biennale doch ihren Namen gibt. Das war bei den Vorgängerveranstaltungen anders, die ein ums andere Mal zumindest auch als Werbeplattformen der weltweit konkurrierenden Architekturbüros dienten. Burdett hat damit Schluss gemacht und gleich an den allerersten der drei Vorbesichtigungstage ein stadtsoziologisches Symposium gesetzt, in dem sich einschlägige Kapazitäten wie Saskia Sassen und Richard Sennett ihre auch nicht mehr ganz taufrischen Thesen zur „strategischen Rolle“ der Stadt zuwarfen. Eingeleitet wurde der rhetorische Intensivbeschuss von einer freihändigen Rede des Philosophen-Bürgermeisters von Venedig, Massimo Cacciari, der seltsam deplatziert die Geschichte der überkommenen europäischen Stadt beschwor und sein zum Museum herabgesunkenes Venedig vor Augen hatte.

Aber ist denn alles nur Stadtplanung? Diesmal ja, denn auch die Länderbeiträge – knapp 30 in eigenen Pavillons in den herrlich baumbeschatteten Giardini, weitere 20 in anderen Gebäuden der Stadt – haben sich an die offizielle Vorgabe gehalten. Findet die ganze Welt nunmehr in Stadtreparatur, bürgerbezogenem Planen und vor allem Nachhaltigkeit – diesem Zauberwort unserer Zeit – ihre Erfüllung? Offensichtlich schon. Großbritannien führt fröhlich den Alltag des proletarischen Sheffield vor, Frankreich hat seinen Pavillon zur gerüstdurchzogenen Bastelbaustelle samt Etagenbetten und Großküche für ein Mehrmonats-Lebensexperiment überformt, als Stadt unterm Mikroskop der Besucher: Nicht die Architektur zählt, sondern das Leben selbst.

Die sonst so gern großsprecherischen USA führen die Rekonstruktion des überfluteten New Orleans als nationale Stolzaufgabe vor. Im japanischen Pavillon wandelt man schuhlos über Tatami-Matten, um eine naturseilbespannte Urhütte zu bewundern, als ob das Hightech-Land in die Zeit der Shogune zurückgesunken wäre. Russland als Hort ewiger Melancholie lässt im abgedunkelten Pavillon ein Video schmutzig-verschneiter Moskauer Wohnvorstädte als Kontrastprogramm zum venezianischen Sonnenschein abspulen. Entstehen in Moskau nicht derzeit Europas höchste Hochhäuser? Einzig Israel schert vollständig aus und zeigt 15 nationale Gedenkstätten vom Holocaust bis zum jüngsten Nahostkrieg als schwarz-weiße Abbreviaturen von Leiden und Tod.

Der deutsche Pavillon, schon beim letzten Mal ein Hort gut gelaunter Bescheidenheit, ist bei Gruentuch & Ernst zum Kaleidoskop minimalinvasiver Stadtreparatur mutiert. 36 Projekte zeigen den bundesweiten Umgang mit überkommener Substanz, eine Parkhausaufstockung hier, ein schmalhüftiger Lückenschluss dort, ein farbenfroher Altbau-Anbau drüben. „Vielschichtigkeit, Nutzungsüberlagerung, soziale Mischung“, das sind die Stichworte, die das Architektenduo hervorsprudelt, „maßgeschneiderte Lösungen finden, Optimismus verbreiten, ein positives Gefühl für die Stadt entwickeln“. Die Zeit der Brachialsanierungen ist vorüber. Zumindest in Deutschland ist genug Stadt vorhanden – ein Blick auf die demografische Entwicklung genügt.

Die sieht weltweit nicht gar so unterschiedlich aus. Japan überaltert, selbst China, derzeit das Boomland Nummer 1, in Venedig aber unterrepräsentiert, wird um 2050 eine alte Gesellschaft sein. Ob dann die 3000 Wolkenkratzer, die sich Schanghai in den vergangenen zehn Jahren zugelegt hat, noch selbstverständlich nutzbar sein werden? Auch die derzeit förmlich in die Vertikale schießenden Emirate wären ein weißer Fleck auf der alteingefahrenen und noch jedes Mal zäh verteidigten Länderkarte von Venedig geblieben, hätte sich nicht Rem Kolhaas dieses Landgewinnungs- und Hochbauwettstreits abseits der im Westen bekannten Architekten angenommen.

Am Persischen Golf findet sich der letzte Landstrich auf dem Globus, der noch einmal die Schöpfung von Städten aus dem blanken Nichts heraus ermöglicht. Dubai, nicht London wird womöglich die Drehscheibe des globalen Ost-West-Verkehrs der Zukunft sein, in Finanzen wie im Tourismus gleichermaßen. In Kairo, belehrt uns die Statistik, steht jedem der geschätzten 11 Millionen oftmals halblegaler Einwohner gerade mal ein einziger Quadratmeter öffentlichen Raumes zur Verfügung. Da ist das grüne Berlin, global gesehen, ein wahres Paradies. Die Probleme, mit denen wir uns plagen, sind Luxusprobleme. Small is beautiful, könnte als sympathische Losung nicht zuletzt über dem deutschen Pavillon schweben.

Venedig, Giardini und Arsenal, ab morgen (10. September) bis 19. November. Zweibändiger Katalog 60 Euro, deutscher Katalog als Heft 180 der Zeitschrift archplus 19 Euro. www.labiennale.org

0 Kommentare

Neuester Kommentar