Kultur : Die Stadt und die Frauen

BERNHARD SCHULZ

Seit einigen Jahren zählt er zu den Stammgästen von Fotoausstellungen im Westen, in seiner Tokyoter Heimat aber ist er der Superstar der Fotoszene schlechthin: Nobuyoshi Araki.Kaum glaublich, daß ihm jetzt zum ersten Mal überhaupt eine Retrospektive in einem (nicht-privaten) japanischen Museum gewidmet wird.Die allerdings fällt im Museum für zeitgenössische Kunst von Tokyo mit rund 1000 Fotografien umfangreich aus.Im Westen hat man seit Beginn der neunziger Jahre seine "eindeutigen" Aufnahmen japanischer Frauen, zumal jene von kunstvoll gefesselten Schönheiten, mit jenem Prickeln aufgenommen, das die Grenzverwischung zwischen Fotokunst und Voyeurismus begleitet, und dabei übersehen, welches gewaltige Werk dieser unermüdliche Tokyoter Flaneur in mehr als drei Jahrzehnten geschaffen hat.Im Zusammenhang seiner Retrospektive ordnen sich auch die S/M-Arrangements ganz selbstverständlich in das Bild der ausufernden Megalopolis ein.So künstlich, so unwahrscheinlich und nicht eigentlich pornographisch seine verschnürten Damen wirken, so selbstverständlich nehmen sie sich im Kontext der Augenblicks-Stadtansichten, aus denen sich Arakis Tokyo-Zeitbild zusammensetzt.Diese Stadt selbst ist künstlich, unwahrscheinlich und wie die zahllosen Akten, die Araki seit Jahrzehnten festzuhalten pflegt, zugleich unschuldig und obszön.

"Sentimentale Photographie, sentimales Leben" ist die Retrospektive überschrieben; und wenn man sich anmaßen wollte, diesen vor den wandhoch an den Museumswänden ausgebreiteten Fotos unmittelbar als passend einleuchtenden Titel zu interpretieren, darf man vielleicht als "sentimental" erkennen, wie der 1940 geborene Araki den Übergang der traditionsbewußten japanischen Gesellschaft und ihrer Lebensumstände in die übertechnisierte Gegenwart begleitet.Aus den schönen, mal teilnahmslosen, mal wachen Augen seiner Protagonistinnen scheint den Betrachter eine wortlose Verwunderung über die unglaubliche Beschleunigung der Zeit anzublicken, die dieses Japan erfaßt und etwas derartiges wie den Moloch Tokyo hervorgebracht hat.

"Ararchy" - wie er sich selber nennt - ist ein Zauberer und ein Chamäleon, der die heterogensten Bilder nebeneinander zu stellen vermag, verwirrend wie ein Kaleidoskop und jeder Rangordnung abhold.Bei der als opulente Party inszenierten Eröffnung im weiträumigen Museum freute sich der Meister über die ihm zugedachte Verehrung - nicht zuletzt von Modellen, die auf den Fotos in den Ausstellungsräumen wiederzuerkennen waren - und machte gutgelaunt den Conferencier zu einer Diashow, die das Kaleidoskopische seines Blicks unterstrich.Alles ist gleich wichtig und gleich schön, schien Araki andeuten zu wollen; und sei es nur beim Blick durch seine Kamera.

In 22 Kapitel hat Araki seine bisherige Arbeit gegliedert; 22 Bände umfassen seine neuerdings in Buchform gesammelten Werke.Aus diesen Kapiteln setzt sich die kunstvoll arrangierte Retrospektive zusammen, die mitleidlose Alltagsszenen neben beinahe schon schwülstige Interieurs, Reiseaufnahmen aus Bangkok oder Hongkong neben farborgiastische Vergrößerungen von Blumenblüten stellt und ihnen eine unübersehbare Bildertapete von Polaroids an die Seite stellt, als Verweis auf das "Rohmaterial", das Araki tagtäglich aufzeichnet.Die erotischen Motive, die Akte, die Bordellszenen und die scheinbar pornographischen Arrangements ziehen sich ohnehin als roter Faden durchs Gesamtwerk.Araki baut seine Welt mit Tokyo als Kulisse und "der" Frau als einziger Protagonistin (einerlei, ob auch ein Mann im Bild ist).Wäre der Meister nicht der Selbstironie fähig, würde er sich wohl einen Romantiker nennen.So aber trifft das doppelte Adjektiv "sentimental" im Ausstellungstitel genau den Ton zwischen Selbstdarstellung und Augenzwinkern, der die erfrischend unprätentiöse Ausstellung bestimmt.Tokyo sieht danach anders aus, auch wenn nackte Damen nicht die Straßen, sondern nur die eigene Phantasie bevölkern.

Tokyo, Museum of Contemporary Art bis 4.Juli.Katalog im Magazinformat.

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