Kultur : Die steinerne Haut

Unbekannter Egon Schiele: Landschaften im Wiener Leopold Museum

Christina Tilmann

Die Tote Stadt: nicht Erich Korngold hat den Begriff erfunden, mit seiner 1920 uraufgeführten Oper gleichen Namens. Schon neun Jahre früher betitelte der damals 21-jähriger Egon Schiele eines seiner Bilder ebenso. Wer das Bild – heute im Leopold-Museum in Wien — sieht, versteht den Ausdruck sofort: die Häuser bleich wie Schädelbein, die Fenster gähnend schwarz wie Augenhöhlen, das Ganze umflossen von schwarzem Wasser wie den Fluten des Styx.

Krumau (Krumlov) an der Moldau, von Schiele zur Totenstadt gemacht, ist einer der malerischsten, buntesten Orte Böhmens – und heute wieder eine der Haupttouristenattraktionen Tschechiens. Auch für den 21-jährigen Schiele, der 1911 aus Wien nach Krumau umzieht, ist die Geburtsstadt seiner Mutter zunächst der freundlichste Aufenthaltsort: Am linken Moldauufer, dort, wo das Gelände in Terrassen steil zum Fluss hin abfällt, findet er ein biedermeierliches Gartenhaus, verfallen zwar, doch mit Charme. Schiele ist begeistert, zieht mit seiner Geliebten Wally Neuziel ein, träumt von einem dauernden Aufenthalt im „Terrassenhäuschen“ am Fluss. Doch er hat nicht mit den Krumauer Bürgern gerechnet: Das „Lusthäuslein“ wird schnell zum Ärgernis. Wilde Ehe, und der junge Maler malt auch noch nackte Mädchen im Garten. Nach drei Monaten muss Schiele die Stadt wieder verlassen.

Da hatte ihn der Skandalruf wieder eingeholt, den er provozierte und vor dem er floh, sein ganzes, kurzes Leben lang. Umso wichtiger, dass eine Ausstellung im Wiener Leopold Museum einmal die andere Seite des Aktmalers zeigt. „Schieles Landschaften“ ist eines der Highlights des Wiener Kunstwinters – und mit 90 Bildern ein Heimspiel: Ein Großteil davon stammt aus der Sammlung Leopold selbst. Rudolf Leopold engagiert sich eloquent für die Rehabilitierung der unbekannten Seite seines Hausheroen, plädiert dafür, das Landschaftswerk, immerhin fast die Hälfte des Gesamtoeuvres, als ebenbürtig neben die Akte und Porträts zu stellen. Und der Sammler hat sich die Mühe gemacht, die Bildmotive alle aufzusuchen, stellt nun Fotografien neben die Veduten und lässt auf dem Fußboden die Topographie der Stadt Krumau erstehen – der Blickachsen wegen.

Denn schnell wird klar, dass Egon Schiele zwar wenige, immer wiederkehrende Bildmotive verwendet, diese aber beliebig verändert und abwandelt. Da ist die ehemalige Jodokuskirche, längst in ein Wohnhaus umgewandelt, mit ihrer zum Fluss hin liegenden Holzveranda und den charakteristischen Rundbogenfenstern: für Schiele wird sie zum menschlichen Gesicht, mit fleckiger Haut und hochgezogenen Augenbrauen. Oder der Häuserbogen zwischen der Langen Gasse und dem Abflussgraben der Stadtmühle: Schiele umgibt die Straßenfront mit dunklem Wasser, macht sie zur „Inselstadt“, und führt den Blick mit kühnem Schwung rechts oben aus dem Bild. Und für eine Ansicht der Stadt Stein schiebt er die Frauenbergkirche neben das in Wirklichkeit rund 250 Meter entfernte Minoritenkloster: Wer das Bild sieht, meint die Vedute so zu kennen.

Hausputz wie Haut, Fenster wie Augenhöhlen: Schieles Landschafts- und Stadtbilder behandeln Gegenstände wie Menschen. Da werden Schindeln lebendig, Äste recken sich wie Arme in den Himmel, bleich wie Knochen liegt Gehölz am Boden und darüber kreisen unheildrohend die Raben. Süßes, zartes Frühlingslaub wird schon vom Wind gezaust, und die Erde liegt, schwarz und feucht, aufgeworfen wie ein Grab. Dass allem Anfang schon der Tod innewohnt, wer sollte es besser wissen als der stets kränkelnde, mit 28 Jahren an der Spanischen Grippe verstorbene Maler. Mehr noch als seine bekanntesten Motive, seine Mädchen oder Mönch und Tod künden die hier endlich zu entdeckenden Landschaftsbilder davon.

Leopold Museum, Wien, Museumsquartier, bis 31. Januar. Katalog im Prestel Verlag, 49,95 €.

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