Kultur : Die stille Heldin

Berlin erinnert an die Theologin Elisabeth Schmitz, die in der Nazizeit großen Mut bewies.

André Schmitz

Sie war eine aufmerksam-kritische Protestantin. Und erst lange nach ihrem Tod wurde ihr Wirken bekannt. Sie kam 1915 als junge Studentin aus Hanau nach Berlin, um bei Koryphäen wie Adolf von Harnack und Friedrich Meinecke Geschichte und Theologie zu studieren. Nach ihrer Promotion 1920 trat sie in den Schuldienst ein und erlangte, nach langer Durststrecke mit befristeten Verträgen, im Jahr 1929 endlich eine Studienratsstelle an der Luisenschule in Berlin- Mitte.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten alarmierte Elisabeth Schmitz sofort. Schon bald engagierte sie sich in der Bekennenden Kirche. 1935/36 verfasste sie aus eigener Initiative und anonym eine scharf anklagende Denkschrift gegen die NS-Judenverfolgung („Zur Lage der deutschen Nichtarier“). Sie stellte das brisante Schriftstück der Bekennenden Kirche zur Verfügung, die freilich davon nicht öffentlichen Gebrauch zu machen wagte.

Der Schock des Novemberpogroms 1938 veranlasste die verbeamtete Lehrerin unter hohem persönlichen Risiko, ihre Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand zu beantragen. Sie weigerte sich aus Gewissensgründen, ihren Schülerinnen Nazi-Ideologie zu verabreichen und sie gemäß Lehrplan zu „nationalsozialistischen Menschen“ zu erziehen. „Als wir zum 1. April 1933 schwiegen“, schrieb sie zwei Wochen nach dem Pogrom an Helmut Gollwitzer, „als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte ‚Gesetze’, zu den Methoden von Buchenwald – da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938.“

Als frühpensionierte Lehrerin, im Alter von 45 Jahren, stellte sie sich der kirchlichen Oppositionsarbeit noch intensiver zur Verfügung, vor allem bei den Bekenntnispfarrern Gollwitzer in Dahlem und Wilhelm Jannasch in Berlin-Friedenau. Zusammen mit Mitstreiterinnen wie der Studienrätin Elisabeth Abegg und der Biologin Elisabeth Schiemann stand sie während der Kriegsjahre im Rettungswiderstand zugunsten verfolgter Juden und christlicher „Nichtarier“. Im Laufe des Jahres 1943 häuften sich die Zugriffe der Gestapo in ihrem persönlichen Umfeld immer mehr. Elisabeth Schmitz zog sich in ihre Geburtsstadt Hanau zurück, wo sie 1977 starb.

Erst 1999 konnte ihre verdeckte Widerstandstätigkeit, namentlich auch ihre Identität als Verfasserin der Denkschrift von 1935/36, nachgewiesen werden. In Berlin, wo sie im kulturprotestantischen Umfeld der Harnacks und Meineckes zu jener Persönlichkeit heranreifte, die sich in der Katastrophenzeit seit 1933 so eindrucksvoll bewähren sollte, fehlt es noch immer an angemessener Anerkennung und Würdigung.

Immerhin konnte im Oktober 2011 an der Lankwitzer Beethoven-Schule – wo Schmitz zuletzt von 1935 bis zu ihrem Ausscheiden 1938/39 unterrichtet hatte – eine Gedenktafel eingeweiht werden. Die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem ehrte die mutige Lehrerin als „Gerechte unter den Völkern“.

Insbesondere die Berliner Kirche und die Schulen sind aufgerufen, dies nun endlich zu tun, durch Benennung einer Schule oder einer anderen öffentlichen Einrichtung, durch eigene kreative Gedenkinitiativen. Noch immer wird eine geeignete Straße in der Hauptstadt gesucht, die nach ihr benannt werden kann.

Das Land Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz erinnern am heutigen Dienstag im Roten Rathaus in einer Gedenkveranstaltung an diese so beeindruckende und leider immer noch viel zu unbekannte Frau – an eine beispielhafte Protestantin, die tatsächlich protestierte, als die Nazis kamen. André Schmitz

Der Autor ist Kulturstaatssekretär in Berlin und mit Elisabeth Schmitz nicht verwandt. – Literaturhinweis: Manfred Gailus, „Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz“, Göttingen 2011.

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