Kultur : Die Stille hören

Istanbuler Miniaturen: Semih Kaplanoglu und sein Film „Melegin Düsüsü“

Daniela Sannwald

Zuerst ist da nur ein Keuchen. Das Geräusch von Schuhen auf Kies, von Schritten, die schneller und dann wieder langsamer werden. Das Schnaufen und Scharren stimmt auf einen Film ein, der mit einem Schwarzbild beginnt und zunächst zum Zuhören zwingt: Geht es hier um Flucht – oder gar um Kampf?

Es sind Zeyneps Schritte, und auf die Wende in ihrem Leben hat sie schon lange gewartet: Denn das Hotel, in dem sie als Zimmermädchen arbeitet, ist kaum weniger düster als die schäbige Wohnung, in der sie mit ihrem Vater haust. Sie führt ihm den Haushalt, und wenn er getrunken hat, muss sie ihm die Ehefrau auch in anderer Hinsicht ersetzen. Tülin Özen spielt die missbrauchte, erwachsene Tochter als in sich gekehrte, passiv-aggressive Dulderin, die aktiv wird, wenn man es nicht mehr erwartet.

Auch die Bilder sind rätselhaft. Eine junge Frau mit offenem Haar, in Rock und gefüttertem Parka, läuft einen Weg in einem winterlichen Park hinauf. Dabei hält sie eine Rolle mit gelb-goldenem Garn in der Hand, das sich während des Laufs abspult. Dann stockt sie, weil der Faden offenbar gerissen ist, kehrt um, sucht das Ende des Fadens am Wegesrand und knotet es erneut an einem Baumstumpf fest. Wieder läuft sie die Anhöhe hinauf, wieder reißt der Faden. Am Ende hat sie es geschafft: Sie steht mit der Garnrolle an einem Abgrund und schaut aufs Meer. Jetzt ahnt man, worum es geht: Die junge Frau darf sich etwas wünschen. Vielleicht wünscht sie sich dies: Dass sich in der Zwölf-Millionen-Metropole Istanbul ein Mann und eine Frau begegnen, ohne voneinander Notiz zu nehmen. Aber immerhin das Schicksal der Frau ändert sich daraufhin.

„Melegin Düsüsü/Angel’s Fall“ heißt der zweite, düstere Spielfilm von Semih Kaplanoglu – und sanft und still wie der gefallene Film-Engel ist auch sein Schöpfer, der 42-jährige Istanbuler Regisseur, Drehbuchautor und Cutter. Vor vier Jahren hatte Kaplanoglu für sein Kinodebüt „Herkes kendi evinde/Away from Home“ nicht nur im eigenen Land, sondern auf Festivals viel Lob und manchen Preis eingeheimst.

Semih Kaplanoglu nimmt sich Zeit, um seine Stoffe zu entwickeln. Und bevor der fertige Filmstudent eigene Spielfilme realisierte, hat er rund 15 Jahre lang die Medienbranche gründlich kennen gelernt: als Kameramann bei Dokumentarfilmen, als Redakteur einer wöchentlichen TV-Filmsendung, als Autor und Regisseur einer Fernsehserie. Und, wie fast alle seine Kollegen, mit Werbespots, schließlich sogar als Filmkritiker und Kolumnist der Zeitung „Radikal“.

In seinen Filmen ist Istanbul stets präsent. Der aus Izmir stammende Kaplanoglu liebt die Stadt und meint, dass seine Filme nirgendwo sonst spielen könnten. Er zeigt in ihnen die wenig spektakulären Seiten der Bosporus-Metropole, von deren fantastischer Schönheit seine Protagonisten gänzlich unberührt scheinen. Es sind die Verlierer der Großstadt – und Kaplanoglu weiß sie überall zu finden, im kleinbürgerlichen wie im intellektuellen Milieu. Dem allgegenwärtigen Lärm und Geschrei setzt er die Stille entgegen – und akzentuierende Geräusche. „Angel’s Fall“ kommt fast ohne Dialoge aus, aber seine Heldin hört, was sie nicht hören will, während ein Tontechniker vergeblich versucht, Töne aufzunehmen.

Kaplanoglu ist ein strenger, minimalistischer Regisseur. Er sensibilisiert sein Publikum für Bilder, nicht für Sprache. Auf die Frage nach seinen Plänen antwortet er lächelnd: „Ich habe mich immer für Dinge interessiert, die auf den ersten Blick einfach und offen scheinen, in Wahrheit aber undurchdringlich sind. Solche Filme braucht das Kino, nicht nur das türkische.“

„Melegin Düsüsü“ läuft in Berlin im fsk-Kino am Oranienplatz (OmU)

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