Kultur : "Die Stille nach dem Schuss": Frauen sind die besseren Terroristen (Interview)

Herr Schlöndorff[Ihr neuer Film ist Ihre ers]

Volker Schlöndorff (61), ehemaliger Geschäftsführer der Babelsberger Filmstudios, wurde als Filmemacher vor allem für seine oscar-prämierte "Blechtrommel" gefeiert.

Herr Schlöndorff, Ihr neuer Film ist Ihre erste Kino-Arbeit in deutscher Sprache seit zwanzig Jahren.

Ich habe mich selten so wohl gefühlt, schon beim Drehbuchschreiben. Die Themen sind mir so vertraut, dass ich nicht groß recherchieren musste. Das Allerschönste waren die Besetzung und die Dreharbeiten selbst. Ich fühle mich mit dem Film sehr identisch. Das ist meine Art von Kino. Sie mag überholt sein, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Die Heldin Rita Vogt knüpft ja nicht nur an die Figur der Katharina Blum an. Auch ihre Darstellerin, Bibiana Beglau, hat große Ähnlichkeit mit Angela Winkler.

Das ist so, wie wenn man sich immer wieder in die gleiche Frau verliebt. Als ich die Muster sah, dachte ich: "Ach so, deshalb hast du sie genommen."

Beide geraten durch die Liebe in das hinein, was ihr Schicksal wird.

Bei Katharina Blum, die eher eine Kunstfigur ist, ist das stärker als bei Rita Vogt. Zwar sagt die am Anfang "Ich war einfach verknallt". Aber wir lernen sie dann in ihrem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn kennen.

Sie treiben Ihre Heldinnen immer über Liebesgeschichten ins politische Engagement.

Das ist leicht zu beantworten. Wolfgang Kohlhaase und ich sind Männer, die es aufregender finden, die Geschichte einer Frau zu erzählen. Terrorismus und bestimmte weibliche Eigenschaften haben viel miteinander zu tun: eine gewisse Radikalität in der Haltung, die bei Männern Machismus wäre. Rita Vogt bricht lieber mit allem, als einfach so weiterzumachen. Das läuft gegen die Beziehungsgeschichte und ist eine wirklich politische Haltung. Politisches Engagement heißt doch, dass man öffentliches und privates Leben mit den gleichen Maßstäben misst und in Einklang bringt.

Frauen gelingt das eher?

Margarete von Trotta, mit der ich zwanzig Jahre lang zusammen war, praktiziert das ihr Leben lang. Auch wenn ich an Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin denke, dann haben die die bessere Variante des Terrorismus - falls es die überhaupt gibt - verkörpert, weil die tatsächlich versucht haben, Leben und Ideen in Einklang zu bringen.

Gleich zwei heiße Eisen fassen Sie mit Ihrem Film an: den immer noch nicht bewältigten westdeutschen Terrorismus und die DDR-Vergangenheit.

Wir haben gar nicht gewusst, dass das so heiße Eisen sind, Drehbuchautor Kohlhaase und ich. Wir waren überrascht von der Vehemenz der Kritik. Offensichtlich existieren Vorstellungen, denen dieser Film zuwiderläuft. Wir haben gedacht, das ist alles vorbei - der Terrorismus seit 20, die DDR seit zehn Jahren - , da kann man jetzt vielleicht unverkrampft drüber reden. Im Gegensatz zu den Zeiten von "Katharina Blum", der in der Hitze des Gefechts entstand und selbst eine Waffe war und ein Pamphlet, hat man jetzt doch Abstand. Die Hauptsache in meinem Film ist das Leben in der DDR. Deren Alltag war ja nicht so, dass man dauernd unter der Last des Unrechtsstaates gebückt lebte. Das zeigt auch ein Film wie "Sonnenallee" - man suchte eine Schallplatte, man verliebte sich, man feierte eine Party.

Mit Ihren Bildern von der Tristesse ostdeutscher Norm-Architektur betreten Sie visuelles Neuland.

Klar, man kann Plattenbauten als Horrorvision filmen. Ich wollte sie aber anders zeigen, nämlich so, wie Rita Vogt sie empfindet. Die ist erst mal froh, dass sie eine Wohnung hat. Es war ein Privileg, im Plattenbau zu wohnen, da gab es heißes Wasser, Badezimmer und Klo.

Zur Uraufführung auf der Berlinale hat sich die Ex-Terroristin Inge Viett, die Sie zu Ihrer Hauptfigur inspirierte, ablehnend geäußert.

Ich habe dafür gesorgt, dass Inge Viett den Film vor der Berlinale sieht. Und dann hat sie gesagt, sie will sich gerichtlich dagegen wehren, weil das ihre Geschichte sei. Dazu ist es nie gekommen, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gibt. Wenn man sich so massiv in die deutsche Geschichte einmischt, wie sie das getan hat, darf man auch nicht zimperlich sein, wenn die deutsche Geschichte zurückschlägt - in dem Sinne, dass man sich damit auseinandersetzt und sagt: "Daraus machen wir jetzt eine Kunstfigur".

Hätte sie gern mitgearbeitet?

Ihr wäre es lieber gewesen, wenn der Film nicht gemacht worden wäre. Sie wirft dem Film ja nicht vor, dass er ihr Leben ist, sondern dass er nicht genug ihr Leben ist. Aber wir wollten keine "wahre Geschichte" erzählen. Ein Spielfilm ist immer eine Fiktion, und wenn ich zehnmal behaupte, so ist es gewesen. Übrigens, als die Aussteiger in die DDR einreisten, waren sie alle über 40 - und wir wollten lieber die Geschichte von jungen Menschen erzählen. Man stellt sich bei Terroristen junge Leute vor, die noch das Leben vor sich haben. Keine Frührentner, die in die DDR gehen.

Taugt Politik heute überhaupt als Filmthema?

Filme über politische Ideen sind schon immer schwer gewesen. Aber ein Film über Leute, deren Lebensinhalt Politik ist und die sich einmischen, das gehört doch zu unserem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemals out sein soll. Es geht nicht um eine abstrakte Auseinandersetzung für oder gegen die Todesstrafe oder für oder gegen dieses oder jenes Gesellschaftssystem, sondern es ist ein Film über Leute, die sich mit etwas herumgeschlagen haben.

Sehen Sie derzeit deutsche Filmemacher, die ihre Arbeit auch als politisch begreifen - und in Ihre Fußstapfen treten?

Im Augenblick ist das wohl auf unsere Generation beschränkt. Es fehlt an zündenden Ideen, auf die heute politisch ein junger Mensch einsteigen könnte. Ich glaube nicht, dass die heutige Generation weniger interessiert ist an der Welt als unsere, nur haben wir sie uns damals durch eine politische Brille angeschaut. Durch welche Brille die Jungen die Welt sehen? Ich weiß es nicht.

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