Kultur : Die Stille nach dem Stuss

Peter Laudenbach

Einige Stunden, nachdem Christopher Roths Film "Baader" auf der Berlinale Schiffbruch erlitten hatte, konnte man in den Sophiensälen noch einmal schrill stilisierten Wiedergängern der RAF-Gründer begegnen. In Fred Kelemens Uraufführungsinszenierung von Oliver Czesliks pathosgeladenem Stück "stammheim proben" sind Gudrun Ensslin (Natascha Bub), Irmgard Möller (Ingrid Sattes) und Ulrike Meinhof (Sanja Spengler) hinter einer Gazewand eingesperrt, scheinbar aus dem Jenseits zu uns sprechend. Anders als in Roths Film geht es hier nicht um RAF-Anfänge, sondern um das selbstmörderische Ende. Das erste Bild lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Zwischen den erhängten Toten, Meinhof und Ensslin, steht Irmgard Möller, die Überlebende. Ihre aufgesteilte Sprache versucht, den Duktus von RAF-Kommandoerklärungen mit Heiner Müllers apokalyptischem Sound und Ernst Jüngers kaltem Pathos kurzzuschließen. Das klingt dann so: "Ich bin gestorben. Manchmal komme ich wieder zu mir und mustere euch kritisch mit den Augen der Kriegerin." Wenn Kitsch und Menschenverachtung Allianzen eingehen, entstehen solche Sätze. Daneben stehen Beleidigungen ("Selbstmord ist doch das Beste, was du mit deinem verkorksten Leben machen kannst"), Parolen, die den Selbstmord als "letzten Akt der Rebellion" verklären und Scherze, die für Justizbehörden interessant sind, so der Hinweis auf Uwe Barschel, "die Schlaftablette in der Badewanne."

Die Figuren sind weniger in die analytische Distanz gerückt, als zu Heroen des Tötens überhöht. Czesliks Text weidet sich an den großen, groben Vokabeln von Krieg, Blut, Revolution. Kein Wunder, dass sich zwischen den das Morden feiernden Zitaten aus Frantz Fanons Manifest "Die Verdammten dieser Erde" lüsterne Beschreibungen der Folter, Verweise auf den Marquis de Sade und Reden von der Sehnsucht nach antiker Heldengröße mischen. Schrecken als purer Reizwert. Der mit Namen, Zitaten, Photoprojektionen hergestellte Echoraum bundesrepublikanischer Geschichte, der Verweis auf die historischen Terroristen und ihre Opfer, behauptet eine Ernsthaftigkeit, die in der Aufführung an ein entpolitisiertes Spektakel verraten wird. Das verleiht Czesliks wichtigtuerischem Text einen obszönen Geschmack. Man wüsste gerne, was Irmgard Möller, die die Stammheimer Selbstmordnacht überlebt hat, dazu sagen würde, dass ihr Bühnendouble verkündet: "Ich bleib am Leben, das ist zum Kotzen."

Die Inszenierung ist ebenso hilflos effektverliebt wie der Text, ob die Schauspielerinnen seilspringen, das Prozedere einer Zwangsernährung beschreiben oder Parolen brüllen. Neben den drei in ihren Blut- und Befreiungstiraden verstrickten Terroristinnen tritt eine Art Abendregisseurin auf (Peggy Lukac). Sie sitzt vor der Gazewand an einem kleinen Arbeitstisch, raucht, erhält ab und zu Anrufe von ihrem aufdringlichen Liebhaber und betrinkt sich ansonsten zügig, um sich am Ende der Vorstellung in den Blecheimer der Zelle zu übergeben. Wer könnte ihr das angesichts dieser Aufführung verdenken!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben