Kultur : Die Stille nach dem Stuss

Caroline Fetscher

Es klang wie die Verkündung einer Amnestie: "wir haben uns entschieden, dass wir von uns aus die eskalation zurücknehmen. das heißt, wir werden angriffe auf führende repräsentanten aus wirtschaft und staat für den jetzt notwendigen prozess einstellen."

Der Offene Brief der Rote Armee Fraktion an die Welt ist jetzt auf den Tag zehn Jahre alt. Seine Diktion oszillierte zwischen größenwahnsinnig und kleinlaut, doch dazwischen flackerte auch etwas Realitätssinn auf - er lässt das Dokument, das damals bei der Agentur AFP einging, stellenweise nahezu rührend wirken: "uns ist klar geworden (...), dass es so nicht weitergeht (...). gefehlt hat die suche nach unmittelbaren, positiven zielen und danach, wie eine gesellschaftliche alternative hier und heute schon anfangen kann zu existieren."

Ein Heilungsprozess? Vielleicht. Aber was war die Verwundung, was die Krankheit? Wie konnte es zum Phänomen RAF kommen, das inzwischen posthum seine Bewunderer unter den Jüngeren findet, unter denen, die seinerzeit in den Kindergarten gingen und Sesamstraße sahen?

Am Anfang war das Wirtschaftswunder. Dessen Kinder wuchsen auf im Ambiente der blitzenden Waschmaschinen, Weißmacher und Weichspüler. Und die Eltern der Kinder des Wirtschaftswunders konnten ihr Glück kaum fassen, so kurz nach der Epoche des Heil-Hitler-Gebrülls, der Rassengesetze, Massenmorde und des Zweiten Weltkrieges. Unter der Ägide der West-Alliierten brachte gerade der Kalte Krieg den schützenden, warmen Mantel nicht nur des Vergessens. Echter Wohlstand zog ein in Adenauers "Treibhaus", wie Wolfgang Koeppen es nannte: wo man den jovialen Fabrikanten mit Zigarre erfand und als Dreingabe den nahezu fiktionalen "deutschen Dschungeldoktor" Albert Schweitzer, der in den Medien der USA als "der beste Mensch der Welt" gepriesen wurde. Man brauchte dort schließlich "gute Deutsche", um der Bevölkerung zwischen New York und Los Angeles zu erklären, weshalb man plötzlich mit den Feinden von eben paktierte.

Ausgerechnet jenem Land, das Millionen ermordet und traumatisiert hatte, wurde es gestattet, sich satter zu entfalten als den meisten der von ihm Überfallenen. "Britain won the war, but Germany won the peace", sagten die Engländer. Die Realpolitik nahm den moralischen Skandal in Kauf - was zerknirschten wie reuigen Tätern gleichermaßen passte. Bis eine neue Generation von Studenten ab Mitte der sechziger Jahre immer schärfer ins Auge fasste, was ihre Väter und Großväter und deren neue Verbündete auf sich geladen hatten. In Heidelberg und Frankfurt am Main, in München und Göttingen begannen die Studenten zu demonstrieren gegen den "Muff von 1000 Jahren" unter "den Talaren" - und gegen Altnazis, Vietnamkrieg, Kapitalismus, Kulturindustrie, Staat. Kommunistische und sozialistische Gruppen, Antiautoritäre wie Mao-Autoritäre entwickelten in der Folgezeit ihre je eigenen Reaktionen. Bald gab es ein Patchwork aus Ideologien und Sekten, schön gespiegelt in den bunten Anschlägen an den Schwarzen Brettern des Unis.

Doch die Revolution fand nicht statt. Die Pragmatiker unter den Protestlern machten Karriere an den Unis, später sogar im Staatsapparat. Viele wurden Lehrer. Wer kaum analytische Neigung besaß, wandte sich der Esoterik zu, den Baghwans und Tarotkarten. Das war immerhin noch "anti" - wenn auch nicht klar war, anti-WAS. Und als Großersatz für das nichtgewichene Böse begannen die Umweltsünder ("Atomkraft - Nein Danke!") zu fungieren.

Nur ein radikaler Kern gab sich nicht geschlagen. Die Rote Armee Fraktion, die RAF, entstand im Mai 1970, als Ulrike Meinhof den Kaufhausbrandstifter Andreas Baader aus der Haft befreite. Die RAF, kann man mit dem Psychoanalytiker Lacan sagen, war "das Reale" "der Bewegung". Sie war der harte, symbolrestistente Kern der deutschen außerparlamentarischen Opposition. In der RAF sammelten sich die starrsten Ideologen, die unerbittlichsten Moralisten, die Verranntesten unter den besten Köpfen. RAF-Mitglieder lebten in einem phantasmatischen Untergrund, als seien sie Guerilleros in Südamerika, und nicht Bürger eines Staates mit Schulpflicht, allgemeiner Krankenversicherung und Meinungsfreiheit - von "taz" bis "FAZ". Sie verfassten phantasmatische Texte in Kleinschreibung, sie verfolgten als religiös anmutendes Ziel, das "System an seinen Widersprüchen zugrunde gehen zu lassen" - und begingen ganz reale Straftaten: Morde, bei denen als "Kollateralschäden" auch Chauffeure oder Polizisten dran glauben mussten. In ihrer Kälte spiegelte die RAF mehr die Paranoia des Kalten Krieges und die der Altnazis, als die Welt der Menschlichkeit, von der sie - gelegentlich - sprachen.

Hatte Jürgen Habermas vor dem verbalen (und akademischen) "Linksfaschismus" gewarnt, so lieferte die RAF die dazugehörigen Handlungen. Doch wirkte die "Erste Generation RAF" der Meinhof, Baader, Ensslin, Raspe, die fast alle als Kinder oder Kleinkinder den Krieg erlebt hatten (Meinhof wurde 1936 geboren, Baader 1944), für manche faszinierend in ihrem Zorn und ihrer Kompromisslosigkeit. Es waren die Noch- oder Eben-Pubertierenden mit dem für die Adoleszenz typischen Hang zum "Realen", die klammheimlich oder offen Sympathien für die verzweifelte und selbstgerechte Gruppe hegten, so, wie man auf dem Fensterbrett Marihuana-Pflanzen zieht. Und es waren vor allem die Sprösslinge des Bildungsbürgertums, die sich mit den Helden identifizierten, die deren Spiel mit der Melange aus Mörderischem und Suizidalem wütend genossen. Als Ulrike Meinhof nach Stammheim verfrachtet wurde, fassten A., die Pfarrerstochter, und ich einander auf dem Pausenhof bei den Händen, trauernd: "Jetzt ist alles anders. Sie ist weg." Wir hatten ihr Sozialarbeiterdrama "Bambule" gelesen. Wir hatten nicht verstanden, dass der grenzenlose Zorn über die Verbrechen des Nationalsozialismus gerade nach der anderen Reaktion ruft - nach mehr Ruhe, Respekt, Forschung, Gesetzlichkeit und Klarheit - aber niemals nach Terror.

Als Rainald Goetz 1986 seinen ersten Roman mit dem Titel "Irre" schrieb, taufte er den Helden, der als Arzt an der Psychiatrie selber irre wird, auf den heroischen Namen "Raspe" - wie Jan-Carl Raspe von der RAF. Deutschland war eine einzige Psychiatrie, und die Raspes ihre Seher und Heiler, die Gescheiterten und Wahnsinnigen, die einzigen, die das angebrachte Maß des Zorns kannten: Hölderlins mit Kalaschnikow. Goetz schreibt inzwischen seine von Stakkato und Szenejargon, Reflexion und Lyrismen durchbrochenen Tagebuchtexte, und in seinem Hang zu Denunziationsorgien hallt das RAF-Pathos ein wenig nach. Sublimationsleistungen wie seine haben freilich dafür gesorgt, dass Menschen mit soviel Pathos, Kreativität und Zornüberschuss uns weder terrorisieren noch regieren, sondern heute Bücher schreiben oder Filme drehen, oder sich im Komittee für die Freilassung von Slobodan Milosevic engagieren, anrührend und faktenresistent.

Vom "Prada-Meinhof-Schick" modischer T-Shirts bis zu einer Vielzahl von Kino- und Bühnenproduktionen ist "RAF" eine Chiffre für Aufruhr geworden, eine geborgte und peinliche, die sowohl die Verzweiflung und Verirrung der Täter ignoriert, als auch das eklatante, brutale Unrecht, dessen sie sich schuldig machten. Margarethe von Trothas "Bleierne Zeit" hatte die Geschichte der Ensslin-Schwestern 1981 noch deutsch-romantisch geschildert und eine realistische Milieustudie als Kulisse gewählt. Was inzwischen bebildert und beschworen wird, gleicht der Stille nach dem Stuss, es präsentiert eine pathetische Verranntheit dritter Ordnung, es ist nicht mehr als das Geborgte des Geborgten. Auf ihrer Suche nach radikalem Stoff plündert die Jugend der Kulturindustrie das Arsenal des Leidens einer anderen Epoche - und die Epochen im Nachkriegsdeutschland folgen rasch aufeinander, während das allgemeine Amnesiepotential zunimmt. "Baader" von Christian Roth, ist ein Beispiel, und die Zweite-Hand-Deklarationen von Kino- wie Theaterjungs. Am besten schneidet noch das Dokufiction-Drama "Black Box BRD" ab, oder Gerd Conradts Dokumentarfilm "Starbuck" über Holger Meins, zu dem es einen ebenfalls bewegenden Bild-Text-Band gibt. Ansonsten kann der Rat an die Dreißigjähren & Co nur sein: Befasst euch ernsthaft und ohne den Übersprung in die Gewalt mit dem aktuellen Mangel an Demokratie, mit Menschenrechtsverletzungen, wie mit der Geschichte des Dritten Reiches, die für diese RAF Anlass ihres Entstehens war. Und macht es anders als sie. Macht es viel besser.

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