Kultur : Die stille Siegerin

Julia Jentsch gewinnt mit „Sophie Scholl“. Sie spielt große Tragödinnen – und ist nicht gerne ein Star

Annabel Wahba

Die Gala fand ohne sie statt. Als Julia Jentsch gestern im Berlinale-Palast den Silbernen Bären als beste Darstellerin erhalten sollte, stand sie in München auf der Theaterbühne. Als Olga in der Kieslowski-Adaption „Zehn Gebote“. Heute feiert sie ihren 27. Geburtstag, und wieder steht sie in den Kammerspielen auf der Bühne. Julia Jentsch sagt, dass sie zur Zeit nachts nicht zum Schlafen kommt.

Ausgezeichnet wird sie für die Hautptrolle in Marc Rothemunds „Sophie Scholl“; der Film über die letzten Tage vor der Hinrichtung der Widerstandskämpferin kommt am Donnerstag in die Kinos. Julia Jentsch als charakterstarke 21-jährige Studentin: Ihr schlichtes, ungeschminktes Gesicht steht im Zentrum der Bilder. Das ist gewagt – aber Marc Rothemunds Mut hat die Jury mit dem zusätzlichen Regie-Preis belohnt. Julia Jentsch ist der Star des Festivals. Alle bringen sie ganz groß raus: kaum ein Zeitungstitel, kaum ein Magazin-Cover, auf dem sie in den letzten Wochen nicht zu sehen war. Eigentlich hatte sich die gebürtige Berlinerin geärgert über Dieter Kosslicks Satz, sie stehe vor einer internationalen Karriere. Das setze sie unter Druck. Aber nun ist sie überglücklich.

Auf der Premierenfeier sah sie aus wie eine Meerjungfrau, in einem zarten grünen Kleid, das sich eng um die Beine schmiegte. Etwas schüchtern und verloren stand sie da, gestrandet. Dutzende Fotografen prügelten sich fast um sie. Solche Momente sind Julia Jentsch unangenehm. Vor der Uraufführung am letzten Sonntag sagte sie noch, sie werde sich einfach an den anderen vom Team festhalten. Auch letztes Jahr, als sie in Cannes für „Die fetten Jahre sind vorbei“ über den roten Teppich schritt, hatte sie wen zum Unterhaken: Daniel Brühl und Stipe Erceg. Diesmal steht sie alleine da, im Mittelpunkt der Pressekonferenz am Nachmittag, und nimmt ihre Trophäe vorab entgegen. Und tut abends zur Gala-Zeit das, was sie am liebsten tut: spielen.

Auch wenn Inszenierungen wie „Othello“ oder „Antigone“ bei der Kritik manchmal nicht gut wegkamen: Alle lobten stets „den Kampfgeist einer Lara Croft“, ihre enorme Präsenz. Es ihr Blick, das minimalistische Spiel, das die letzten Tage der Sophie Scholl so beklemmend macht. Immer wieder ist sie im Kino in solchen Rollen zu sehen – in „Die fetten Jahre“ oder Hans W. Geißendörfers „Schneeland“, aber auch in den Münchner Kammerspielen, zu deren Ensemble sie 2001 nach ihrem Abschluss an der Berliner Ernst-BuschSchauspielschule stieß. Und alle fragen nach der Rebellin in ihr. Dabei ist es der unbedingte Einsatz, der sie auszeichnet. „Sie hätte sich wohl den linken Arm abgeschnitten, um Sophie Scholl spielen zu dürfen“, sagt Marc Rothemund. Als Sophie verliert sie beim Gestapo-Verhör nie die Fassung. Wer sie fragt, wann sie selbst je aus der Rolle fiel, erntet langes Schweigen. Sie spricht eben nicht gern. „Ich habe die Kommunikation auf ein Minimum beschränkt“, sagt sie über die Dreharbeiten zu „Sophie Scholl“. Nicht einmal mit ihrem Vater, einem Richter, hat sie sich über die Verhör- und Gerichtsszenen ausgetauscht.

2004 erhielt Sibel Kekilli Berlinale-Silber für „Gegen die Wand“. Die Boulevard-Presse zerrte anschließend deren bewegte Vergangenheit ans Licht. Das diesjährige Jury-Votum erscheint da wie ein Gegenprogramm. Der Boulevard, die Sensation passen nicht zur Preisträgerin. Zu viel Lob, sagt sie, mache sie skeptisch. Sie habe dann keine Möglichkeit mehr, etwas noch besser zu machen. Julia Jentsch, die Kampfgeistreiche.

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