Kultur : Die Stimme der Stadt

Seit 75 Jahren existiert das Berliner Haus des Rundfunks – es ist das älteste seiner Art. Über alle Zeitläufte hinweg erfüllt es bis heute seinen Zweck. Sechs Etappen der Radiogeschichte

Andreas Austilat

1931

Das Haus

Siegfried Kracauer war sich in seinem Urteil nicht ganz sicher. Fand er das Haus nun pathetisch oder doch schlicht, feierlich oder eher bedrohlich? Das war 1931 und Kracauer, Architekt und Feuilletonist, schrieb an einer Kritik für das neue Haus des Rundfunks an der Berliner Masurenallee.

Das Urteil ist heute noch nachzuempfinden. Die schwarze Lasur der Ziegel, das strenge Muster der Fassade geben dem Haus etwas Respekteinflößendes. Ein Eindruck, der sich drinnen noch verstärkt. Über alle vier Etagen erstreckt sich der Lichthof, schwarz in der Vertikalen, gelb die gemauerten Geländer. Das ist schlicht und zugleich imposant.

Kracauer schrieb, dass es dem Radio seiner Zeit an einer Idee fehlte, was es denn eigentlich sein wolle. So müsse es halt mit seinem Haus beeindrucken. Richtig vorstellen konnte man sich da wohl noch nicht, dass der Rundfunk tatsächlich Massen bewegen würde. Der Beweis wurde erst ein paar Jahre später erbracht. Nicht von Goebbels, sondern von Orson Welles, der mit dem Hörspiel „Krieg der Welten“ in den USA eine Panik auslöste. Weil die Hörer die Fiktion für real hielten und tatsächlich mit einem Angriff der Marsmenschen rechneten.

Als der Architekt Hans Poelzig dieses Haus entwarf, war es als erstes seiner Art nur für einen einzigen Zweck gedacht – und als einziges in der Welt erfüllt es diesen Zweck von der Eröffnung am 22. Januar 1931 bis heute über 75 Jahre fast ununterbrochen. Wie ein Schiffsbug ragt der Bau in die Tiefe des Grundstücks. Die Funktion folgte auf grandiose Weise der Form. An alles war gedacht, an Kabelschächte, an variable Wände, an Studios und Sendesäle – von Büroräumen abgeschirmt, so dass ihre akustische Raffinesse immer noch ihresgleichen sucht.

Das Haus wirkt heute in seiner Art ein wenig einsam an seinem Platz, fast wie ein Fremdkörper, zwischen Fernsehhaus, ICC und den Messehallen mit ihrer pseudoklassizistischen Fassade, die Richard Ermisch 1935 gegenüber errichtete. Vorgesehen war etwas anderes: ein Masterplan, der Messegelände und Haus des Rundfunks als Einheit ansah. Doch dieser Plan wurde nie verwirklicht.

Die Nazis mochten Poelzig nicht. Und sie mochten sein Haus nicht. Was keine Überraschung ist, denn wenn, wie es heißt, die innere Farbgebung tatsächlich authentisch ist, das Schwarz der Ziegel, das Rot des Treppenhauses und das Gelb der gemauerten Geländer, dann war dieses Schwarz-Rot-Gelb auch die Farbe der Weimarer Republik. Dieses Haus, sagte einmal ein Zeitgenosse, ist nicht nur ein Denkmal für die Rundfunkgeschichte, es ist auch ein Denkmal für die letzte große Epoche vor Hitler.

1935

Fernsehen

Am 22. März 1935 wollte es Eugen Hadamovsky den Briten so richtig zeigen. Und nebenbei würde er einen weiteren verhassten Gegner in die Schranken weisen: die Deutsche Post.

Der Mann war ein Nazi der allerersten Stunde. Noch am Abend der Machtübernahme war er im Haus des Rundfunks aufgetaucht, damit der Fackelzug am Brandenburger Tor mit dem gewünschten Bombast übertragen würde. Ein halbes Jahr später trug Hadamovsky den Titel Reichssendeleiter, fast die komplette alte Leitungsebene war im Konzentrationslager Oranienburg interniert, und die „Berliner Funkstunde“ hieß „Reichssender Berlin“.

Zwei Jahre später, am 22. März 1935, wollte Hadamovsky an der Masurenallee sein Meisterstück abliefern: Im zweiten Stock würde das weltweit erste Fernsehen ein regelmäßiges Programm aufnehmen. Noch vor der britischen BBC. Und vor den Konkurrenten von der Post.

Der Streit ums Fernsehen gehört zu den Kuriositäten des Naziregimes. Die Reichspost experimentierte bereits seit 1929 mit der neuen Technik. Nach so viel Vorarbeit war die Behörde nicht bereit, das Feld dem Propagandaministerium zu überlassen. Man sicherte sich die Unterstützung des Goebbels-Konkurrenten Göring. Der setzte durch, dass das Fernsehen ausgerechnet dem Luftfahrtministerium unterstellt wurde. Und schon am 1. November 1934 engagierte die Post für ihren Versuchsbetrieb mit der 22-jährigen Ursula Patzschke die erste Ansagerin des deutschen Fernsehens. Aus technischen Gründen wurden der bedauernswerten Frau die Lippen schwarz gefärbt, Rot konnten die Fotozellen nicht darstellen, über die Augen kam Olivgrün, auf die Haare Goldstaub. Die Kleidung hatte schmutzig grau zu sein, bei starken Farbkontrasten streikte die Kamera.

Hadamovskys Festakt dagegen begann desaströs, nach wenigen Sekunden fielen sämtliche Geräte aus. Nach den Ansprachen gab es dann doch noch ein Programm, mit Führerrede und Marschmusik. In der Folgezeit wurde montags, mittwochs und samstags von 20 Uhr 30 bis 22 Uhr gesendet. Aber im ganzen Reich gab es nur 50 Empfänger, davon zehn in Privatbesitz. Der Rest stand in öffentlichen Fernsehstuben, jeweils 30 Interessenten konnten sich dort vor den 18 mal 22 Zentimeter großen Bildschirmen versammeln.

Immerhin die Übertragung der Olympischen Spiele 1936 war für das Fernsehen ein respektabler Erfolg. Aber die Nazis schätzten die neue Technik nicht. Zu kompliziert, zu teuer, vielleicht erkannten sie auch die Gefahr für den Rundfunk. Denn als im November 1935 der Film „Das Auge der Welt“ für die neue Technik warb, beklagte die Radioindustrie einen Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent.

1939

Wunschkonzert

Der große Sendesaal in der Mitte des Hauses hat keine unmittelbare Verbindung zur Außenwelt, kein Fenster und keinen direkten Eingang. Er hat sogar sein eigenes Fundament, damit ungewünschte Schallwellen nicht eindringen können. Im Grunde ist der große Sendesaal so etwas wie ein Studio, damals wie heute eines der größten seiner Art. 1000 Leute passen rein, fast 200 finden auf der Bühne Platz.

Im diesem Saal startete Nazideutschland 1939 sein beliebtestes Programm: das Wunschkonzert der Wehrmacht. Schwer einzuschätzen, wie populär die Sendung wirklich war. Aber der gleichnamige UFA-Spielfilm lockte 23 Millionen Zuschauer in die Kinos. 75 Mal moderierte Heinz Goedecke die Sendung, die so etwas wie die Großmutter aller Unterhaltungsshows ist. Eine schwer propagandalastige Großmutter allerdings, deren von Goebbels erklärter Auftrag es war, „die Volksgemeinschaft“ zu stärken. Und wenn Ilse Werner lustige Melodien pfiff oder Zarah Leander sang, dann hörte notgedrungen halb Europa zu, von Nordnorwegen bis Nordafrika.

Das einfache Konzept lautete: Hier werden Hörerwünsche erfüllt – gegen eine Spende. Gefragt waren Sachspenden oder Bargeld, gesammelt wurde für Hinterbliebene, Lazarette oder auch mal für eine U-Bootbesatzung. Das Programm changierte zwischen Varieté und Operette, Schlager und abenteuerlichen Frontgeschichten. Zwischendurch wurden Familienmeldungen verlesen, vor allem Geburtsanzeigen. Und auch der Tod war Thema: Schon in einer der ersten Sendungen wurde der letzte musikalische Gruß des gefallenen Sohnes an die Mutter übertragen. Lieber aber hatte man es lustig oder sogar ein wenig frivol. So plätscherte die Schauspielerin Irene von Meyendorff mit der Hand in einer Wasserschüssel, weil sich Soldaten des Afrikakorps angeblich das Badegeräusch einer schönen Frau gewünscht hatten.

Auch Sport kam vor – bis am 6. Mai 1940 ein Fußballspiel gegen Italien 2 : 3 verloren ging. Goebbels verfügte, dass nie wieder „Sportreportagen im Rahmen des Wunschkonzerts gebracht werden“.

1945

Kalter Krieg

Markus Wolf landete am 25. Mai 1945 in Berlin-Tempelhof. Der Mann, der später die DDR-Spionage leitete, gehörte der so genannten „Zweiten Gruppe Ulbricht“ an. Als Kind war er mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau geflohen, nun kehrte er mit 22 Jahren zurück und Ulbricht hatte einen Job für ihn: „Du machst Rundfunk, mit Hans Mahle“, dem ersten Berliner Nachkriegsintendanten. So kam Wolf in die Masurenallee, als „einer von sieben Antifaschisten“, wie er selber sagt, die jetzt mit rund 600 Mitarbeitern Radio machen sollten, „die schon unter Goebbels gearbeitet hatten“. Wolf erinnert sich, dass die ihren Dienst gewissenhaft weiter versahen, wenn man irgendetwas schreiben wollte, musste man Papier beantragen.

Dass überhaupt weiter gearbeitet werden konnte, lag auch an Major Popow, Kommandeur jenes Trupps der Roten Armee, der das kaum beschädigte Haus des Rundfunks am 2. Mai 1945 besetzte, morgens um 9 Uhr 50, ziemlich genau neun Stunden, nachdem der erst 19-jährige Ansager Richard Baier den großdeutschen Rundfunk mit den Worten „Der Führer ist tot, es lebe das Reich“ endgültig abmoderiert hatte. Popow kannte sich aus, er hatte selbst bis 1933 in diesem Haus als Praktikant gearbeitet.

Am Morgen des 13. Mai 1945 meldete sich der Sender wieder und am Mittag machte der 17-jährige Jürgen Graf, später der Starreporter des Rias, des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“, seine erste Ansage: „Sie hören Rita Serrano mit Roter Mohn.“ Rita Serrano übrigens hatte auch schon zu den Stars des „Wunschkonzerts der Wehrmacht“ gehört, zunächst war also vom kommunistischen Einfluss beim neuen Sender „Berliner Rundfunk“ nicht viel zu spüren.

Die Sowjets blieben in der Masurenallee, mitten im inzwischen britischen Sektor, auch als ihnen der französische Stadtkommandant 1948 den Sendemast in Tegel sprengte, und selbst dann, als die Briten das Areal 1952 mit Stacheldraht einzäunten. Der Draht rief Karl-Eduard von Schnitzler auf den Plan, Chefkommentator des ostdeutschen Rundfunks: „Man möchte das Haus stumm machen“, rief er erregt ins Mikrofon, ein Sender, der „den Widerstandskampf unserer Brüder und Schwestern in Westdeutschland und Westberlin widerspiegelt und beflügelt.“ Erst 1956 räumten die Sowjets das Feld, ein weiteres Jahr dauerte es, bis der Sender Freies Berlin in dem bis auf die Hülle ausgeschlachteten Haus auf Sendung gehen konnte.

1967

Der Beat

Am 6. März 1967 ging für den SFB ein neues Programm auf Sendung. Und die Moderatoren begrüßten ihre Hörer jeden Tag um 18 Uhr 05 mit Ansagen wie „Hey, hey, hier ist SF-Beat“. Das war ziemlich locker damals. Wozu man wissen muss, dass es im deutschen Radio bis dahin so gut wie keine Sendungen für junge Leute gab – außer vielleicht DT 64 in Ost-Berlin und Radio Luxemburg, aber die waren nicht wirklich Avantgarde.

Hauptsächlich ging es um Musik, um Platten, die die Moderatoren selbst besorgt hatten, in Holland, in London, manche hatten sogar Quellen in den USA. Platten also, die nicht mehr aus dem Hörfunkarchiv kamen, wo sie nach gründlicher Prüfung eingelagert worden waren. Es ging um eine Stunde täglich, schwer vorstellbar heute, wo Rundfunkstationen die einmal erfasste Zielgruppe unter Dauerberieselung stellen.

Wolfgang Kraeße zählte zu den ersten Moderatoren von SF-Beat. Beim Zahnarzt habe man sich mal Lachgas besorgt, erinnert sich Kraeße. Dann sprachen die Moderatoren wie Micky Maus, das war sozusagen die Antwort des Hörfunks auf die damals so modernen psychedelischen Bilder mit ihren verschwommenen Konturen und den bunten Farben. Rundfunk, sagt Kraeße, hatte damals etwas Steriles, jetzt wollte man ihn ganz einfach schneller machen.

Es war die Zeit der außerparlamentarischen Opposition. Man führte endlose Debatten, ob man zu Demonstrationen aufrufen dürfe – und tat es mehr oder weniger versteckt: Heute treffen wir uns dann und dann da und da zum gemeinsamen Spazieren. So etwas provozierte, plötzlich wurde der SFB als Rotfunk bezeichnet.

Helmut Lehnert moderierte ab 1978 bei SF-Beat. Die Sendung war immer noch Avantgarde und Lehnert schaffte es sogar, den ehrwürdigen großen Sendesaal, den gleichen Saal, in dem Ilse Werner für die Wehrmacht gepfiffen hatte, 1984 für ein Beatkonzert zu öffnen. Später kamen dann Paul Weller, Elvis Costello und David Byrne in die Masurenallee.

Lehnert fiel auch die Aufgabe zu, die letzte Sendung zu organisieren, am 30. April 1989 aus dem Tempodrom. Ein Fiasko, weil Rio Reiser plötzlich nicht mehr singen wollte, Campino von den Toten Hosen ihn darauf als blöde Schwuchtel titulierte und die Sendung aus dem Ruder zu laufen drohte. Am nächsten Tag ging „Radio 4 U“ auf Sendung. Das Jugendradio hatte eine eigene Welle bekommen.

2006

Das Wort

Wenn man zu Wolfgang Bauernfeind will, muss man erst mal durch sein Vorzimmer. Praktisch jede Lücke an der Wand ist dort mit irgendeinem Preis verhängt, dem Prix Europa, dem Prix Italia, zwei müssen aus Japan oder China sein, der Schrift nach zu urteilen. Alles Reportagepreise, die Galerie reicht bis in die 60er Jahre zurück. Bauernfeind ist Feature-Chef beim Kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, kurz RBB. Alles was heute im Haus des Rundfunks gemacht wird, Info-Radio, Radio Berlin 88,8, Kulturradio und Radio Multikulti, kommt seit der Fusion von ORB und SFB vor zwei Jahren vom RBB.

Irgendwo zwischen all diesen Preisen muss auch der Name Peter Leonhard Braun auftauchen. Braun war der Autor eines legendären Radiofeatures mit dem knappen Titel „Hühner“, das am 5. April 1967 ausgestrahlt wurde. „Hühner“ beginnt ganz harmlos, mit dem Krähen eines Hahns. Dann steigert sich das Geräusch zum vieltausendfachen Gackern der gepeinigten Kreatur. Braun nahm den Hörer mit in eine Legebatterie. „Hühner“ kam in Stereo, eine Technik, in der der SFB damals weltweit vorne war. Kaum drei Jahre vorher hatte man das erste Hörspiel in dieser Technik ausgestrahlt, nun kam das Feature. Bilder im Kopf wollte man erzeugen, dem Fernsehen Paroli bieten, das längst dabei war, dem Rundfunk den Rang abzulaufen. Der Versuch war gut, aber die Fernsehbilder vor den Augen des Zuschauers erwiesen sich am Ende doch als stärker.

Bauernfeind macht seinen Job seit 1978. „Der Wortanteil ist seit zehn Jahren unverändert“, sagt er. Er meint damit, dass er nicht weiter sinkt. Wer Radio nur noch als Hintergrundrauschen, als Dudelfunk mit den besten Hits vergangener Jahrzehnte wahrnimmt, mag das kaum glauben. Aber Bauernfeind setzt sogar noch eins drauf. „Das Feature kommt zurück“, sagt er, „in neuen Fünf-Minuten-Formen, glauben Sie mir, das Formatradio hat seinen Höhepunkt überschritten. Radio kann nicht mehr nur Moderation und Musik sein, die Programme müssen wieder unterscheidbarer werden.“

Wenn man Bauernfeinds Büro im Erdgeschoss des Westflügels verlässt, kommt man am Paternoster vorbei. Ein Fahrstuhl, vorne offen, der nie stillsteht. Wer ihn benutzen will, muss aufspringen. Paternoster werden heute gar nicht mehr gebaut. Dass es so etwas noch gibt.

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