Kultur : Die Stimme der Steppe - Ein Film über den Blues-Musiker Paul Pena

Kai Müller

"Genghis Blues": Der Titel klingt merkwürdig genug. Wie der Klagegesang aus einem versunkenen Reich. Und tatsächlich ist das, was man als erstes hört, mit nichts Irdischem vergleichbar: ein pfeifendes Geräusch, ein hohes zirpendes Gurgeln, das irgendwo zwischen Schlüsselbein und Nasenschleimhaut zu entstehen scheint. Man sieht im Profil einen mongolischen Sänger, der die Lippen schürzt und diese eigenartigen, sphärischen Laute herauspresst. Sie scheinen dem Flirren der Luft nachempfunden, die sich in der Mittagshitze über einer baumlosen Steppe erhebt.

Er habe diese Klänge zum ersten Mal im Radio gehört, sagt Paul Pena. Nach dem Tod seiner Frau sei das Radio die einzige Verbindung mit der Außenwelt gewesen. Paul Pena ist Bluesmusiker - und blind. Er hat mit Johnny Lee Hooker, B. B. King oder T-Bone Walker gespielt. Aber das ist lange her. Jetzt sitzt er in einem Verlies in San Francisco, die Gitarre auf dem Schoß, schürzt die Lippen und presst aus seinem Brustkasten plötzlich jene Laute hervor, die zu erzeugen ein Geheimnis der Kultur Tuvas ist.

Tuva, das ist kein Märchenreich, sondern eine Provinz Russlands, an der Grenze zur Mongolei gelegen. Jahrzehntelang war die Region politisch abgeschnitten, wehrte sich gegen die kulturelle Vereinnahmung der Sowjetunion, so dass sich in dem einstigen Herkunftsland des Dschingis-Khan eine hochentwickelte Gesangstradition erhalten konnte - das "khoomei" (Obertonsingen). Dabei werden die in der menschlichen Stimme mitschwingenden Obertonreihen von den Tuvanesen isoliert. Wie sie das machen? Für Wissenschaftler ein Rätsel.

Dass ausgerechnet Paul Pena, der schwarze Hüne mit dem Kindergesicht, sich diese Technik angeeignet hat, ist das erste von mehreren kleinen Wundern, auf denen der Zauber dieses Dokumentarfilms gründet. Denn "Genghis Blues" erzählt davon, wie unüberwindliche Barrieren fallen, wie das Unerwartete plötzlich Wirklichkeit wird, wie jemand durch blanke Nachahmung einer Sache, die er eigentlich nicht versteht, ihr umso näher kommen kann. Die Brüder Roko und Adrian Belic begleiteten Pena mit der Kamera nach Tuva, wohin er eingeladen worden war. Man hatte ihn gebeten, bei einem Sängerwettstreit in der Haupstadt Kyzyl teilzunehmen.

"Eine der guten Seiten von Blindheit ist", sagt Pena einmal, "dass man dabei sein kann, ohne zu wissen, was überhaupt los ist." Man sieht ihn derweil Hände schütteln und Kinderköpfe betasten. Ihm schlägt tiefe Freundlichkeit entgegen. Dabei ist der Besuch des Amerikaners keineswegs ohne Missverständnisse: Minuten vor seinem Auftritt wird dem vor Aufregung zitternden Pena bedeutet, dass er das einstudierte Lied nicht singen soll. Der Komponist sei im Land eine unbeliebte Person. Das wirkt, als habe man eine Falltür geöffnet. Was eben noch wie eine Entdeckungsfahrt aussah, ist im nächsten Moment ein Trauerzug. Diese Nähe zwischen Freude und Schmerz ist eine der Stärken dieser für einen Oscar nominierten Dokumentation. Wenn schließlich das Scheppern von Penas Gitarre einsetzt und er eines seiner Lieder anstimmt, begreift man, dass "Genghis Blues" seinen Titel zu Recht trägt.Hackesche Höfe, Eiszeit (OmU)

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