Kultur : Die Stimme der Vergänglichkeit

ALEXANDER VON BORMANN

Günter Kunert, der heute seinen 70.Geburtstag feiert, hat früh angefangen zu schreiben.In seinen Erinnerungen mit dem schönen Titel "Erwachsenenspiele" (1997) erläutert er mit gekonntem Understatement, wie es vor 50 Jahren dazu kam: "Kurze Zeilen setze ich untereinander.Dem optischen Eindruck nach sähe so etwa ein Gedicht aus.Ist das ein Gedicht?" Erste Erfolge bestätigen die Vermutung und verstärken die Motivation zum Immer-Weiterschreiben: "Schreiben als Droge? Mit nachlassender Wirkung.Die `UrworteÔ werden bald zu alltäglichen.Und damit hebt das unerfüllbare Verlangen nach dem primären Erleben der Sprache an." Diesem Verlangen hat Kunert nachgegeben - er nennt ungefähr so viele Bücher wie Jahresringe sein eigen.

Urworte in Alltagssprache - das ist ein zutreffendes Paradox.Die französische Philosophin Julia Kristeva hat dem ein dickes Buch gewidmet ("Die Revolution der poetischen Sprache").Kunerts Hauptvermögen ist die Verknappung.Sein Lakonismus hat etwas mit der Sachlichkeit Berlins zu tun, mit der Nachkriegszeit, ist vom Mißtrauen in den Sturm-und-Drang-Aufschrei des Subjekts getragen, wie er die DDR-Lyrik bis tief in die 70er Jahre hinein dominiert.

Kunert, von so unterschiedlichen Größen wie Becher und Brecht gefördert, kann für sich eine "staatlich verpfuschte Kindheit" in Anspruch nehmen, was seine Texte nie privat-gemütlich werden ließ.Er begann mit aphoristisch zugespitzten Gedichten, Lied und Ballade setzten sich weniger durch.Gleichzeitig mit Erich Fried veröffentlichte er Warngedichte.Aber die Weltkritik Kunerts ist so konstant und so entschieden, daß sie allen Erfahrungen und Bestätigungen vorauszuliegen scheint - geprägte Kindheit also.Kunert wünschte sich 1970 (in "Warnung vor Spiegeln"), gegen jede Politdoktrin verstoßend, Gedichte hermetisch, "aus Kunststoff" also.Und das nicht nur zur Abwehr der Mithör-Sprache, des Jargons: Solche Gedichte seien "undurchdringlicher / als das Gespinst der Spione, pensionsberechtigter / Spinnen, amtlicher Asseln, glamourösen / Gewürms".Nein, euphorische Aufbau-Gedichte waren von Kunert weder zu erwarten noch zu bekommen.Jeder, findet er, sei "ein König / beraubt seines Reiches eh ers besessen".Entsprechend hat er große Kollegen gedeutet: Kleist, Heine, Lenau.Und immer wieder Kafka, dessen so verstörenden wie funkelnden Paradoxalstil seine Prosa mit dem lakonischen Gestus "So ist es eben" einzuholen, wenn nicht zu überbieten sucht.Seinen Roman "Im Namen der Hüte" (1967) schrieb Kunert gegen die Tendenz, "das Vergessen vergessen zu machen".Aber bald schon sind solche aufklärerischen Impulse selbst "vergessen" - der barocken Erfahrung eines nichtigen Weltzustandes preisgegeben.

Kunerts Erinnerungen lesen sich spannend, bitter-amüsant, trostlos wie trostunbedürftig.Dem gutteils grauen Stoff werden immer wieder Glanzlichter aufgesetzt.Wer kann das schon: von einem so reich facettierten Leben erzählen, ohne ins Plaudern zu kommen.Kunert bleibt lakonisch.

Spannend vor allem die Vorbereitung und die Umstände seiner Ausreise aus der DDR 1979.Die DDR gab vor, an ihm nicht viel verloren gehabt zu haben.Ein offizieller Berichterstatter, Professor Hans-Jürgen Geerdts (Greifswald), urteilte anläßlich von einigen treffsicher gesetzten Sprüchen Günter Kunerts, der Autor zeige "hier deutlich seine Zurückgebliebenheit und Verwirrung.Denn das, was er mitteilt, ist banal und belanglos, weil es verschwommen und abstrakt ist und kaum mithelfen kann, denjenigen, der Aufschluß auf neue Seiten des Lebens gewinnen will, zu bereichern." Töne, die nicht ganz vergessen werden sollten.

Im Westen wurde Kunerts höchst konkrete Abtraktheit gutteils als "Sklavensprache" aufgefaßt.Wie es sich für Lyrik gehört, sind die Bilder mehrdeutig.Der Witz der "Sklavensprache" liegt darin, daß die Mehrdeutigkeit nur als Gestus, als Formzitat erhalten ist, vom Publikum aber eindeutig entziffert werden kann.Ein Beispiel von 1962, das in der Mitte der Erinnerungen figuriert: "Als unnötigen Luxus / herzustellen verbot, was die Leute / Lampen nennen, / König Tharsos von Xantos, der / von Geburt / Blinde."

Es wäre unfair, den Ausdruck "Sklavensprache" zu strapazieren.Kunerts Lyrik hat immer schon mehr gewollt, mehr bedeutet.Der neue Band bekräftigt das ein weiteres Mal.Die ersten beiden Abteilungen gelten den Beständen, die beiden letzten den Verlusten und Bedrohungen.Die Anlehnung an die Tradition geschieht durchsichtig, aber nicht augenzwinkernd.Ironie ist nicht dabei, wohl aber ein Direktton, der den Wohllaut mindern soll: "Rege das Glied und die Glieder", heißt es da im Reim auf "Denn niemand kehrt jemals wieder", und das macht auch die zweite Strophe `sinnlichÔ: "Bevor Blätter und Häute welken, / und was da blühte, erschlafft, / gilt es die Tage zu melken,/ bis zum letzten Tropfen den Saft."

Vielleicht könnte man ja schon beim vorletzten Tropfen aufhören, wenigstens im Gedicht.Kunert hält sich hier an bewährte Vorbilder, an die Barock-Travestien von Arno Holz, an Peter Rühmkorf, weniger an die Lateiner, wenn er "Gier und Gunst" und "Reibung naturell" beschwört."Morgen soll uns nichts betrüben, / wenn wir heute Beischlaf üben", das ist die barocke Trutzgeste gegen Vergänglichkeit, nur direkter.Und auch Benn wird ein wenig beerbt: "Abschied heißt etwas verlieren / von deinem eigenen Ich./ Nichts mehr zu multiplizieren / unter dem Strich."

Es sind Verse, die mit dem Alter auch nicht die Belesenheit verleugnen und die sich immer wieder mal kästnerisch quer und gerade legen.Es gibt viele Anspielungen, auch deutliche Kritik, etwa am ostalgischen Ton Volker Brauns, dem Kunert vorhält: "Erstickt, Genosse, ist Deine Stimme / an einer längst verrotteten Sprache." Vor allem die politisch perspektivierten Gedichte werden durch die Einsicht der Gefühls-Entfremdung verschärft, die Einklang nur als Zitat zuläßt: "So bebildert das Jetzt und Nun / dein Empfinden." Jetzt und Nun: das ist Immer-Schon.Und also auch ein wenig Litanei.Unser Jahrhundert gibt dieser Tonart mehr Recht, als ihr zustehen sollte.Die Sehnsucht geht auf einen Ausweg.Der muß keine Utopie sein: "Wenn doch bloß die Straßen / sonstwohin führten statt zu anderen Straßen." Was das Sonstwohin sein könnte, ist vergessen.Und entsprechend häufen sich die kulturkritischen Impulse in den Gedichten so stark, daß die unter dieser Last gutteils zusammenbrechen.

Dagegen helfen, so heißt es, Märchen, Verstellungen und beiläufige Wunder, mythische Anspielungen, Notizen mit metaphysischer Pointe, wozu auch das Unterwegssein gehört: "Die Pracht passierend, wirst du / deiner eigenen Unwirklichkeit inne." Das hatte Benn zwar schöner gesagt ("Reisen"), aber auch noch "das sich umgrenzende Ich" wahrgenommen.Kunert findet dieses "Im Abseits" verloren, beschreibt die Lebensorte Dorf und Kleinstadt als Nirwana, als "allseits verhehltes Memento mori", häuft wiederum lustvoll apokalyptische Bilder."Komm, wir spinnen uns ein" - so beginnt das letzte Gedicht, das den Titel "Vergeblichkeit" trägt.Mag sich die Geste als vergeblich erweisen, die Lyrik macht doch "Kunst daraus" (Wedekind).Warum nicht eine, die "kreatürlich klingt".

Günter Kunert: Nachtvorstellung.Gedichte.Carl Hanser Verlag, München 1999.96 Seiten, 24 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar