Kultur : Die Stimme eines Herrn

Zum 100. Geburtstag des Maestro erfindet ein Berliner Tonstudio den legendären Karajan-Sound neu

Frederik Hanssen

Kurz vor seinem 100. Geburtstag ist er noch einmal in die Philharmonie zurückgekehrt, in den „Zirkus Karajani“, der seit 1963 sein Haus war. Als Geist kehrte er heim, die Weggefährten von einst fand er nicht wieder. Nur noch wenige Musiker sind heute übrig von der legendären, auf berauschenden Schönklang eingeschworenen Karajan-Truppe. Nach seinem Tod 1989 begann ein Generationswechsel, und heute meint man an manchen Abenden ein Jugendorchester vor sich zu haben, lauter junge Leute auf dem Podium, denen der Name Karajan nur noch von den CD-Covern geläufig ist. Sogar den alten Bühnenboden haben sie rausgerissen, das Parkett, über das er unzählige Male zum Dirigentenpult geschritten ist, auf dem er beim Schlussapplaus Zeitlupenpirouetten drehte, Verbeugungen in alle vier Himmelsrichtungen des „Weinbergs“, wie Architekt Scharoun die konzentrisch aufsteigenden Besucherblöcke der Philharmonie nannte.

Als Herbert von Karajan im vergangenen Sommer in den Konzertsaal zurückkehrte, wählte er folgerichtig die Geisterstunde. Die Pförtner in der Loge am Künstlereingang staunten nicht schlecht, als um Mitternacht aus ihren Lautsprechern Richard Strauss’ „Heldenleben“ dröhnte, im unverkennbaren, brillant-virtuosen Karajan-Sound – obwohl auf den Kontrollmonitoren der Pförtner doch gar kein Orchester zu sehen war. Zu sehen war nur ein Mann namens Philipp Nedel, umgeben von kühlschrankgroßen Boxen und einem Wald aus Mikrofonen.

Der Gründer des Berliner Tonstudios b-sharp realisierte da gerade die einzigen Neuaufnahmen, die im Karajan-Jubeljahr 2008, zum 100. Geburtstag des Dirigenten, erscheinen: Mit seinem Team verpasste Nedel den Video-Konzertmitschnitten des Meisters aus den 80er Jahren eine neue Klangspur: Er spielte die alten Bänder noch einmal an ihrem Entstehungsort ab, unter akustischen Originalbedingungen, um den Klang dann mit modernster Technik wieder einzufangen, in feinstem Dolby Surround.

Der Multimedia-Maestro wäre begeistert gewesen. Denn wann immer es eine Neuerung auf dem Markt gab, war Karajan einer der ersten, der sie besaß, ein Technik-Freak, der sich von Zukunftsvisionen begeistern ließ. Vor allem von solchen, mit denen sich sein Ruhm festhalten ließ. An der Entwicklung der CD war er 1981 zusammen mit der Firma Sony maßgeblich mitbeteiligt.

Während Karajans klingendes Vermächtnis auf CD noch immer anständig Rendite abwirft, liefen die Videos des Maestro von Anfang an nicht besonders gut. Bei Sony wurde man darum sofort hellhörig, als Philipp Nedel und sein Partner Michael Bramann im Frühjahr 2007 mit ihrer Idee anklopften: Karajan-DVDs im Mehrkanalton – das wäre ein echtes Verkaufsargument! Interessant sowohl für Hi-Fi-Aficionados als auch für die ständig wachsende Masse derer, die das Wunder Karajan nicht mehr live erleben konnten. Das kleine, unabhängige Studio aus Berlin-Niederschönhausen bekam den Auftrag vom Unterhaltungsgiganten.

Als sich der Maestro in den 80er Jahren anschickte, seine Kunst nicht nur im Ton, sondern auch im Bild festzuhalten, bevorzugte man eine Stereoaufnahmetechnik mit möglichst weit gespreiztem Klang: Die ersten Geigen ganz weit links, die Kontrabässe rechts, dazwischen fast nichts. Längst sind die Toningenieure dazu übergegangen, die Mitte aufzufüllen, weil die Besitzer der Fünf-Lautsprecher-Technik, also des Dolby-Surround-Systems, nicht mehr vor dem Orchester sitzen wollen, sondern mittendrin, dreidimensional umspült von Wohlklang. Genau so ein akustisches Lifting wollte Philipp Nedel den alten Karajan-Aufnahmen angedeihen lassen, die alten Videos zu vollgültigen DVDs machen, die so aussehen und klingen, wie es sich Karajan heute wohl gewünscht hätte. Insgesamt 40 Titel galt es ästhetisch aufzufrischen, mit mehr Flächigkeit, mehr Räumlichkeit, kurz, einem ausgewogenen Klangspektrum. Das Motto der Aktion: „Lass uns jetzt nachholen, was damals vergessen wurde.“

Und so wurde die Philharmonie zur Schaltstelle vom analogen zum digitalen Klang. Da der Saal tagsüber mit Proben und abends mit Konzerten voll ausgebucht ist, wurde das Karajan-Revival zwangsläufig zur Nacht-und-Nebel-Aktion: Jeweils von null bis sechs Uhr morgens standen die Säle zur Verfügung. Zuerst mussten die acht riesigen Lautsprecher so ausgerichtet werden, dass sich die Schallwellen im Raum verteilen, als säßen tatsächlich Musiker auf der Bühne. Danach galt es, die Mikrofone so zu platzieren, dass sich die flüchtigen Töne dieses virtuellen Orchesters perfekt einfangen ließen. Die richtige Anlage vorausgesetzt – fünf Boxen, die jeweils das volle Frequenzspektrum abbilden können –, präsentiert sich die DVD-Jubiläumsedition jetzt mit einem neuen, „fetten“ Sound, der Karajan zweifellos gefallen hätte.

Dadurch entsteht gleichzeitig eine spannende Diskrepanz zu den Bildern. Die wirken nun nicht mehr 25 Jahre alt, sondern irritierend gestrig, wie aus einer sehr fernen Epoche. Karajan hatte seine eigenen Vorstellungen von der für ihn vorteilhaftesten Kameraführung, und er konnte als sein eigener Produzent seine Wünsche auch hundertprozentig durchsetzen. Die Totale gibt es kaum, Kamerafahrten ebenso wenig. Stattdessen ist vor allem Karajan selber zu sehen, in der Pracht seiner Silberlocke, mit strengem Titanengesicht, ein von der Musik Durchdrungener, der oft minutenlang mit geschlossenen Augen agiert. Musiker tauchen dagegen nicht als Individuen auf, weil Karajan andere Konterfeis „hässlich“ fand, wie er gegenüber seinem Biografen Roger Vaughan offen zugab: „Es sind ja Gesichter zu sehen, aber sie bleiben unscharf. Das soll den Eindruck erwecken, dass die Musik von den Instrumenten allein hervorgebracht wird.“

In welcher Form auch immer, die wichtigsten Gruppen des Orchesters, erste Violinen und Celli, sind fast nie im Bild – aus dem schlichten Grund, dass der Maestro stets nur seine linke, seine Schokoladenseite gefilmt haben wollte. Bläser lässt er stets in Reihe einblenden, streng symmetrisch, Beckenschläge werden als Lichtblitze inszeniert. Den Musikern waren die Aufnahmesitzungen ein Graus: „Der Umgangston, den Karajan wählte, war für uns desavouierend“, erinnert sich der Geiger Hellmut Stern: „Er bellte Kommandos wie ein Feldwebel: Zweites Pult links, aufstehen! Bogen hoch!“

Das Erstaunlichste aber ist: Die allerkleinste Rolle spielt der Aufnahmeort. Die Philharmonie bleibt im völligen Dunkel. Als habe Karajan sein Stammhaus – das doch eigentlich sein Tempel war – bewusst ausblenden wollen.

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