Kultur : Die Stimme seines Herrn

Herzensbrecher für Handybenutzer: Robbie Williams singt weltexklusiv im Berliner Velodrom

Sebastian Handke

Pünktlich um acht lässt sich Robbie Williams von unten auf ein ins Publikum vorgelagertes Kreisrund schieben, das durch einen geschwungenen Steg mit der Hauptbühne im Berliner Velodrom verbunden ist. Dort haben sich bereits ein achtköpfiger Chor und ein kleines, mit Frauen besetztes Streichorchester eingefunden. Los geht’s: mit dem Human-League-artigen Song „Ghosts“, der auch Williams’ neues Album eröffnen wird, es folgen „Feel“, „Love Supreme“ und zwei weitere neue Stücke. Der ausgewogene Mix aus Altem und Neuen setzt sich fort, fast ohne Pause folgt ein Titel auf den nächsten. Williams agiert wie beiläufig auf der Bühne, mit und ohne sein Mikro-Zepter, das er auch diesmal für die unanständigen Gesten mitgebracht hat. Er trägt einen schwarzen Anzug mit violetten Applikationen. Oder sind sie nicht doch magentafarben? Später jedenfalls nimmt der Popstar einem Gast dessen Handy ab und telefoniert von der Bühne aus. Ein Bildmotiv, das vermutlich seine Weiterverwertung finden wird.

Denn der Sänger hat sich für achtzehn Monate an seinen neuen „Hauptsponsor“ gebunden: Die Kunden von T-Mobile können Williams-Songs ein bisschen früher hören als andere. Und sie haben Zugriff auf ein exklusives Handy-Modell, das gewissermaßen mit musikalischem Ausschuss ausgeliefert wird: mit Songs, die es nicht bis auf Robbies neue CD geschafft haben. Das Konzert wird außerdem nach ganz Europa übertragen: auf die Handys des Bonner Mobilfunkanbieters (im Mobilfunkstandard UMTS, dessen Durchbruch immer wieder angekündigt wird) sowie als „Cinecast“ über Satellit in 21 europäische Kinos. Die erste Übertragung im „High Definition“-Format übrigens, noch so eine Formatrevolution, die bislang kaum jemand mitmachen wollte.

„Ich liebe euch“, begrüßt Williams die Zuschauer am Sonntagabend denn auch in den Dunkelräumen Europas. „Das ist die Zukunft!“ Im selben Atemzug kündigt er dann allerdings eine ausgedehnte Welttournee für das nächste Jahr an. Eine Ankündigung, die ihm sein Management angeblich strikt verboten hatte.

Eigentlich ist Robbie Williams ja berühmt dafür, dass er sein Publikum immer wieder überrascht. Doch die neue Facette, die er an diesem Abend in Berlin zeigt, dürfte nur wenigen seiner Fans gefallen. Denn wohl zum ersten Mal, seit er Take That verließ, gibt Robbie Williams ein Konzert ohne Herz, ohne Humor – ohne Seele. Zwar hatte sich Williams, der sich tags zuvor beim zwanglosen Kick mit dem BFC Preußen den rechten Arm angebrochen hatte, Spritzen geben lassen, um ohne Verband auftreten zu können. Eingezwängt ist er trotzdem: in das fest gezurrte Gerüst eines von außermusikalischen Umständen diktierten Auftritts.

Die neuen Lieder, sagt er, lägen ihm sehr am Herzen. Zwei Jahre hat er an der Platte gefeilt, die am 24. Oktober erscheint. „Intensive Care“: Der Titel spricht von dieser besonderen Zuwendung. Nur ist der Star eben gleichzeitig die Software, die in geballter paneuropäischer Gesamtberieselung neue Technologien durchsetzen helfen soll. Ein Paradox: Tausende mehr als in einem gewöhnlichen Konzert können auf diese Weise an dem hoch gehypten Abend teilhaben – und eben dadurch erhöht sich dessen exklusiver Ereignischarakter.

Die Songs aus „Intensive Care“ lehnen sich an den Bombast-Pop der Achtzigerjahre an. Das liegt nicht unbedingt daran, dass Duran-Duran-Gründer Stephen Duffy Williams beim Songwriting unter die Arme griff. Robbie hat sich vielmehr vorgenommen, Stücke zu schreiben, die genau wie die „Heartbreaker“-Songs seiner Jugend den Hörer auch in 20 Jahren noch rühren sollen. Allein, es fehlt der intime Rahmen dafür, ein Rahmen wie bei seinem Swing-Konzert in der Londoner Royal Albert Hall, als das Publikum andächtig lauschend an gedeckten Tischen saß. Dann hätte er Geschichten zu den Songs erzählen oder aus dem Nähkästchen plaudern können, mit Co-Songwriter Duffy, dem eher scheuen Folk-Musiker, der im Velodrom mit seiner Akustikgitarre reichlich verloren wirkt. Stattdessen lässt Williams sich sein Showcase zum Großevent aufblähen, das im Kern seltsam leer wirkt – einziger Special Effect bleibt die zweimalige Entblößung seines Bauchtattoos.

„Ihr seid hier, um die beste Show der Welt zu erleben!“, hatte Williams dem Publikum seiner letzten Tour entgegengerufen. Am Sonntag entschuldigt er sich dafür, dass er die neuen Songs an seinen Fans ausprobiere. „Danke, dass ihr es mir so einfach macht.“

Das Publikum, zwiegespalten zwischen der Aufmerksamkeit, die das besonnene Hören neuer Songs eigentlich erfordert, und der Notwendigkeit, die 100-Euro-Investition für eine Eintrittskarte in ein ausgelassenes Partyerlebnis umzumünzen, entscheidet sich mit fortschreitendem Abend denn auch dazu, die zunächst mit banger Ernüchterung aufgenommenen neuen Stücke mit Klatschen und Gesang zu begleiten, als seien es alte Bekannte – was Robbie im Übrigen sehr amüsiert. „Habt ihr meine Platte etwa schon im Internet runtergeladen? Ist mir doch egal!“ Dann hat er plötzlich eine Zigarette in der Hand und macht es sich in lässiger Crooner-Pose auf einem Hocker bequem. „Noch nie habe ich mich während eines Auftritts so entspannt gefühlt. Ich weiß nicht, ob das eine gute Sache ist.“ Die 8000 Fans tun ihm den Gefallen und zerstreuen jubelnd seine Bedenken. Da wussten sie noch nicht, dass Robbie ihnen nicht eine einzige Zugabe schenken würde.

„Es gibt eine Musikrevolution mit mobiler Musik. Mein Management hat mich ausgewählt, diese Technologie an forderster Stelle zu präsentieren“, hatte Williams am Freitag auf der Berliner Pressekonferenz gesagt. Wer steht hier in wessen Dienst? Am Ende des kurzen Konzertabends hat er dazu dann doch einen ironischen Kommentar vorbereitet: Ein alter Kassettenrekorder wird ihm auf die Bühne gereicht, und der Sänger fertigt von seinem letzten Stück, der hübschen Ballade „Make Me Pure“, ganz altmodisch ein Bootleg an. So nannte man in der Frühzeit des Pop den analogen Vorgänger der Raubkopie. Williams tut dies für Olli, einen Robbie-Fan und -Doppelgänger, der ihm in der ersten Reihe aufgefallen ist. Olli wird sich, wenn er das Dokument abhören will, wohl ins Technikmuseum bemühen müssen.

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