Kultur : Die Stimme von anderswo

Zum Tod des französischen Dichters Maurice Blanchot

Gregor Dotzauer

Von Auslöschung wollte er nichts wissen. Maurice Blanchot lag nichts ferner als ein Akt der Aggression gegen sich selbst. Es war eher so, dass er sich als Autor ständig verfehlte: Das Ich, das Ich sagt und damit einen festen Sinn verbindet, war ihm ebenso suspekt wie das vermeintlich zuverlässigere Er, mit dem das Ich seine Fadenscheinigkeit kompensiert. Zwischen der ersten und der dritten Person Singular, mit der sich Erzähler gewöhnlich ihrer Subjekthaftigkeit versichern, schrieb er sich mit seinen Texten in ein dunkles Reich der Schrift hinaus, das jedes bewusste Meinen verschluckt.

Was der Philosoph Michel Foucault, ein großer Bewunderer Blanchots, im berühmten Schlusssatz seiner „Ordnung der Dinge“ den Humanwissenschaften prophezeite, nämlich „dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, das probte Blanchot mit allen seinen Dichtungen. Und dass er 95 Jahre brauchte, um sich, umgeben von all dem Schweigen, der Abwesenheit und dem Tod, die sich in seinen Texten angesammelt hatte, auch physisch abhanden zu kommen, spricht für einen relativ leidensfreien Umgang mit der Einsicht in die eigene Entbehrlichkeit. Es sei denn, in der von Kafkas Prosa überwölbten Welt, in der er sich bewegte, wäre dieses Ausharren die Strafe gewesen, die ein unbekanntes Gericht über ihn verhängte.

Maurice Blanchot, geboren am 22. September 1907, war ein Vordenker jenes unaufhörlichen Spiels von Differenzen, das Jacques Derrida dann mit einem einzigen Buchstaben markierte: als Unterschied zwischen der gewöhnlichen, ein Bewusstsein von Identität erst ermöglichenden différence und der absoluten différance. Aber indem er es literarisch tat, entging er allen philosophischen Querelen, die Derrida schließlich dazu verführten, sich wolkiger zu äußern, als es der elegante Stilist Blanchot jemals gewagt hätte. „Wer spricht?“ Schon in seinen ersten erzählenden Büchern „Thomas der Dunkle“ oder „Warten Vergessen“ war er „Une voix venue d’ailleurs“, wie der Titel eines seiner zahlreichen Essaybände heißt: eine Stimme von außen, von anderswo, von weit weit her. Ein Dekonstruktivist avant la lettre, ohne den auch die Arbeiten von Paul de Man oder Geoffrey Hartman undenkbar wären. Und er schrieb in dieser Stimme, wie Derrida Blanchots Werk einmal im Gegensatz zur Autobiografie kennzeichnete, eine „Heterothanatografie“: Er beschäftigte sich mit dem Tod des anderen, der er war.

Was ihn als Mensch bewegte, darüber gibt hoffentlich noch einmal Monique Antelme Auskunft, die engste Freundin seiner letzten Jahre und Witwe von Robert Antelme, dem ersten Mann von Marguerite Duras. Denn so körperlos er womöglich sein wollte, und so sehr er aus seinem einzelgängerischen Leben ein Geheimnis machte, dass selbst sein Tod am letzten Donnerstag erst nach der Beerdigung öffentlich wurde, hat er sich in seinen jungen Jahren als politischer Journalist doch in höchst irdische Verstrickungen begeben. Zwischen 1931 und 1944 arbeitete Blanchot, Sohn einer katholischen Familie und entschiedener Monarchist, für zahlreiche Blätter der äußersten Rechten, darunter „L’Insurgé“ und „Combat“. Jeffrey Mehlman hat diese Zeit in seinem Buch „Legacies of Anti-Semitism in France“ und für die Zeitschrift „Tel Quel“ untersucht und dem Schreibtischtäter Blanchot zu Recht schwere Vorwürfe gemacht.

Obwohl sich Blanchot später von seinen nationalrevolutionären Wurzeln lossagte und der Linken zuwandte, bleibt das Stigma der geistesaristokratischen Verirrung an ihm hängen – ein Zug, den er mit Pound und Céline teilt, aber auch mit Heidegger, dessen Denken er viel verdankt. Dieser Zug ist doppelt rätselhaft, weil ihn mit dem jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas die engste Freundschaft seines Lebens verband. Jedenfalls gewinnt Blanchots leitmotivisches „Noli me legere!“ – das individuelle Verantwortung verweigernde „Du sollst mich nicht lesen!“ – einen ähnlichen unangenehmen Beigeschmack wie Paul de Mans Flucht vor seiner Vergangenheit als Kollaborateur in den Dekonstruktivismus. Lesen sollte man Blanchot natürlich trotzdem – am besten so wie Hélène Cixous: „Je le lis avec des oreilles aux yeux“ – ich lese ihn mit Ohren in meinen Augen. Egal, wessen Stimme man dabei hört.

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