Kultur : Die strahlenden Farben der Metaphysik

BERNHARD SCHULZ

Max Beckmann blickte zeitlebens nach Paris.Von 1929 bis 1932 unterhielt er dort sogar Wohnung und Atelier, um dem damaligen Zentrum der Weltkunst nahe zu sein.Er suchte den Vergleich, ja den Wettstreit mit den Heroen seiner Zeit, mit Picasso und Matisse.Merkwürdigerweise hat sich bislang keine thematische Ausstellung dieser besonderen, im übrigen unerwiderten Zuneigung angenommen."Max Beckmann und Paris" heißt die Ausstellung, mit der nun das Kunsthaus Zürich das Versäumte nachholt - und opulent vor Augen stellt, womit sich Beckmann (1884 - 1950) vergleichen wollte, wenn sich die Pariser Kollegen dem hätten stellen wollen.

Sie wollten nicht, und Paris, die Kapitale der Kunst bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, mochte schon gar nicht.Als Beckmann 1931 auf der Höhe seines bis zum Einbruch der NS-Herrschaft errungenen Ruhmes endlich groß in Paris ausstellt, bleibt die Reaktion verhalten."Er ist sehr stark", soll Picasso zu seinem Kunsthändler Vollard gesagt haben, mit dem er die "Galerie de la Renaissance" in der vornehmen Rue Royale besucht hatte.Das ist auch schon alles.Paris nimmt den Maler von jenseits des Rheines kaum zur Kenntnis.Es bleibt beim Stereotyp vom teutonischen Kraftbolzen, der von der französischen peinture mindestens so weit entfernt ist wie die Bürgerstadt Frankfurt am Main, wo Beckmann lebte und an der Städelschule lehrte, von der Metropole an der Seine.

Das ist Geschichte.Geschichte ist auch die Vormachtstellung von Paris im Kunstgeschehen.Max Beckmann hat sich nach seiner Übersiedlung aus dem Amsterdamer Exil in die USA 1948 in den zwei knappen Jahren, die ihm noch blieben, in der Neuen Welt glanzvoll durchgesetzt.Wenn er heute als der bedeutendste deutsche Maler des Jahrhunderts gilt, so nicht zuletzt, weil die maßstabsetzenden Sammlungen der Vereinigten Staaten ihm früh diesen Rang eingeräumt haben.Vollends seit der Zentenarausstellung von 1984 ist Beckmanns Bedeutung über jeden Zweifel erhaben.Zahllose Ausstellungen, zuletzt in Murnau, Leipzig und Hamburg, belegen eine eher noch wachsende Aktualität des vielschichtigen µuvres.

Beckmanns Arbeiten - dies nicht zuletzt macht ihre deutsche Schwere aus - erschließen sich aus dem rätselvollen Inhalt.Die Deutungsversuche füllen eine veritable Spezialbibliothek.Ob dem Verständnis damit immer gedient ist, steht auf einem anderen Blatt.Die Exegeten, nicht zuletzt aus dem Umfeld der Universitäten, übersehen allzu oft die malerische Leistung - "Inhaltismus", wie Brecht dergleichen nannte.

Es geht vielmehr um peinture; ob verfeinert oder roh, tut insoweit nichts zur Sache.Auf dieser Ebene suchte Beckmann den Wettstreit mit den Pariser Stars Matisse, Braque, Léger, Delaunay und voran dem Zentralgestirn Picasso."Wenn man nur unsere Bilder einmal zusammen sehen könnte", wünschte sich Beckmann damals.Die Zürcher Ausstellung hat diesen Wunsch erfüllt und stellt gut 60 seiner Gemälde einer annähernd gleichen Anzahl französischer Werke gegenüber, ordnet sie vielmehr nebeneinander, so daß in jedem der locker in die großzügige Ausstellungsarchitektur gefügten Kabinette Beckmann mit einem der Pariser Heroen verglichen wird.Der Vergleich erstreckt sich auf die klassischen Genres der Portraits und Akte, der Stilleben und Landschaften; die metaphysischen und mythologischen Szenen bleiben außer Betracht.

Der Vergleich geht in Zürich eindeutig zugunsten Beckmanns aus - derart eindeutig, daß man der Fairness halber hinzusetzen muß, daß die Auswahl der gezeigten Werke, die im Falle Beckmanns grandios und fast in jeder Arbeit überzeugend ist, bei den Franzosen um Längen hinter dem Denk- und Wünschbaren zurückbleibt.Das gilt insbesondere für Picasso.Denn selbst wenn man beispielsweise die leichthändige Flächigkeit eines Matisse nicht mit dem kraftvollen Beckmann zusammengespannt sehen mag - um so weniger, als der Zürcher Vergleich sich pedantisch an motivische Übereinstimmungen klammert, einen Krug hier, eine Gitarre dort -, hätte doch Picasso mit Arbeiten vertreten sein müssen, die im prometheischen Temperament denen des Deutschen verwandt sind.Genau diese fehlen in Zürich.In der Ausstellung wirken die französischen Arbeiten vielfach nur als Stichwortgeber, die Beckmann den ersehnten Auftritt wenigstens post mortem ermöglichen.

Von diesem Eindruck gibt es nur wenige Ausnahmen.Delaunays Sportbild "Mannschaft von Cardiff" von 1912/13 läßt Beckmanns "Rugbyspieler" von 1929 zum schmächtigen Nachklang schrumpfen.Und die allerdings vorzüglich gewählten Arbeiten Fernand Légers führen das Zürcher Konfrontations-Konzept ohnehin an seine Grenze.Zu verschieden ist die Auffassung der beiden Künstler darüber, was ein Bild überhaupt sein soll.Légers kühne Konstruktionen zielen auf eine Aneignung der zeitgenössischen Welt in ihrer spezifischen Modernität, der Beckmann fremd, ja gleichgültig gegenüberstand.

In Ganzfigurenbildern wie dem "Strelitzien-Portrait" oder dem "Akrobaten auf der Schaukel" zeigt sich Beckmann von bezwingender Kraft.Wie so oft, wirken seine Bilder, als seien sie von Scheinwerfern weißkalt ausgeleuchtet.Das Licht fällt mitleidlos.Dunkle Schatten entstehen, aber keine weichen Zonen des Dämmerlichts.Um so strahlender, aber auch härter und kälter drängt die Farbe "nach vorn".

Und welche Betonung der physischen Attraktion der Frau - während etwa Matisse weiche Sinnlichkeit in dekorative Farbmuster einbettet! Dem bei den Expressionisten gängigen Topos der Frau als Hure stellt Beckmann die selbstbewußte Frau gegenüber, die sich ihrer Wirkung aufs Entspannteste gewiß ist.An solchen Bildern läßt sich erahnen, welch lebenslangen Einfluß "Quappi", die Beckmann 1925 heiratete, auf den hinter der zur Schau gestellten Kraft tief melancholischen Maler gehabt hat.Nirgends sind dessen Bilder diesseitiger, ja beinahe ohne Geheimnis, als in der späten "Frau mit Mandoline" oder dem zauberhaften "liegenden Akt" von 1929.Die neben diesem hängenden "Vergleichsbilder" von Picasso und Matisse umreißen allenfalls die Spanne der künstlerischen Möglichkeiten.

Damit stellen sie zugleich die Frage, was die Ausstellung mehr als die Vergleichbarkeit zeitnah entstandener Bilder behaupten will.Die im Katalog von verschiedenen Ausgangspunkten her entwickelte These der Beeinflussung Beckmanns durch, ja Abhängigkeit von den französischen Vorbildern ist mit den gezeigten Arbeiten schwerlich zu belegen.Kunst kommt von Kunst.Der metaphysische Realismus ist allein Beckmanns Sache, was immer er bei den Kollegen gesehen und bisweilen sich anverwandelt haben mag.Einzig in Georges Rouault fand Beckmann einen verwandten Charakter.Dessen Düsternis - etwa der "Alten Clowns" - nimmt es mit derjenigen Beckmanns in den "Artisten" auf.

Doch Beckmann muß nach dieser Vergleichsausstellung nicht mehr auf den inhaltsschweren Metaphysiker verengt werden, im Gegenteil.Was sich in Zürich neuerlich bestätigt findet, ist seine grandiose Entfaltung als einer der bedeutendsten Koloristen nicht allein der deutschen, sondern der europäische Malerei des zweiten Jahrhundertviertels.Das ist Beckmanns bleibende Leistung.Sein Wunsch nach Anerkennung auf dem Pariser Salonparkett schrumpft demgegenüber zur biographischen Fußnote.

Zürich, Kunsthaus, Heimplatz 1, bis 3.Januar 1999.Katalog im Taschen Verlag, Köln, sFr.50, im Buchhandel 49,95 DM.

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