Kultur : Die Strategie des Terrors

Wird der Irak zum neuen Vietnam der USA?

Hans Christoph Buch

Die Serie von Terroranschlägen zu Beginn des Fastenmonats Ramadan im Irak erinnert an die Tet-Offensive des Vietcong Anfang 1968: Damit wurde aller Welt, vor allem der amerikanischen Öffentlichkeit, vor Augen geführt, dass der Vietnamkrieg für die USA nicht mehr zu gewinnen war. Hier wie dort waren es Selbstmordattentäter, die durch keine Vorkehr zu stoppen sind, und damals wie heute haben Fernsehbilder die Rechtfertigungsversuche der Politiker widerlegt.

Die vorübergehende Erstürmung der US-Botschaft in Saigon signalisierte damals, ähnlich wie jetzt das nur knapp gescheiterte Attentat auf Vizeverteidigungsminister Wolfowitz den Falken im Kabinett Bush, die Wende von der Defensiv- zur Offensivtaktik und zugleich eine Internationalisierung des Guerillakriegs: Auf Seiten des Vietcong kämpften damals reguläre Truppen des kommunistischen Nordvietnam, unterstützt von Militärberatern aus der UdSSR und der DDR – während Saddams Fünfte Kolonne heute verstärkt wird durch palästinensische Selbstmordattentäter und Al-Qaida-Kämpfer aus Afghanistan oder Saudi-Arabien. Hier freilich endet die Parallele, denn selbst auf dem Höhepunkt des schmutzigen Kriegs unterschied die südvietnamesische Befreiungsfront zwischen Zivilbevölkerung und Armee; der Terror im Irak aber richtet sich unterschiedslos gegen alle und bevorzugt „weiche Ziele“, etwa die humanitären Hilfsorganisationen.

Schadenfreude und antiamerikanische Häme sind deshalb fehl am Platz. Die Attentate gegen das UN-Büro in Bagdad und den Sitz des Internationalen Roten Kreuzes zeigen, dass die Terroristen nicht einmal mehr den idealistischen Anschein eines „Befreiungskampfs“ suchen. Zuvor schon hatten sie das Nein der Bundesregierung zum Irak-Krieg nicht „honoriert“, wie die Ermordung deutscher Touristen in Djerba bewies.

Die Ereignisse im Irak schüren allerdings auch bei den Kriegskommentatoren Zweifel. Viele Intellektuelle waren zunächst gegen den Irak-Krieg, hielten dann jedoch Saddam Husseins gewaltsamen Sturz für moralisch gerechtfertigt. Nun muss man sich fragen, ob diese Einschätzung so noch aufrechtzuerhalten ist. Die allzu optimistische Annahme, nach Ausschaltung des diktatorischen Regimes sei der Weg frei für eine demokratische Entwicklung im Irak, haben die Ereignisse widerlegt.

Nicht widerlegt wurde jedoch das Vertrauen in die amerikanische Demokratie, die immer dann, wenn sie aus europäischer Sicht ihre Vorbildfunktion einbüßt, ihre Lebensfähigkeit beweist, indem sie die Halbwahrheiten und Lügen der jeweils Regierenden offenlegt. Dieser Selbstreinigungsprozess hat die McCarthy-Ära ebenso beendet wie Vietnam und Watergate. Dazu gehört, dass ausgerechnet „Stars and Stripes“, das offizielle Organ der US-Army, die sinkende Moral der Truppen im Irak und Zweifel an der politischen Führung artikuliert – obwohl das Pentagon dies durch einen Maulkorberlass unterbinden will. Lügen haben dünne Beine, und die nicht auffindbaren Massenvernichtungswaffen Saddams untergraben die Glaubwürdigkeit des Präsidenten, dessen Wiederwahlchancen sich mit jeder katastrophischen Botschaft aus Bagdad mindern.

Paradoxerweise wird die als Kriegsgrund angeführte Zusammenarbeit zwischen Al-Qaida-Terroristen und Saddams Regime erst jetzt Wirklichkeit, so wie das Eingreifen der USA die kommunistische Machtergreifung in Indochina nicht verhindert, sondern beschleunigt hat. Im Irak rückt die Wende zum Besseren nun ähnlich wie der deutsche Wirtschaftsaufschwung in die Ferne, während das Worst-Case-Szenario Alltag wird.

Der blutige Anschauungsunterricht ist aber kein Anlass für das alte Europa, sich zurückzulehnen, nach dem Motto: Wir haben es besser gewusst! Berlin und Paris enthebt der warnende Zeigefinger keineswegs der Verantwortung für die Zukunft des geschundenen Irak. Die dort brennende Zündschnur bedroht nicht nur den Nahen Osten, sondern die vom Öl abhängige westliche Welt – ganz zu schweigen von den korrupten arabischen Regimes, denen Israel als Sündenbock für die Frustrationen ihrer Bürger dient. An der Explosion dieses Pulverfasses kann außer den Terroristen niemandem gelegen sein.

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