Kultur : Die Stürmische

„Guggis“ Chefeinkäuferin: Deutsche Guggenheim würdigt Hilla von Rebay

Nicola Kuhn

Hilla von Rebay (1890 bis 1967) muss eine überzeugende Erscheinung gewesen sein. Noch heute erinnert sich der Enkel Solomon R. Guggenheims daran, wie er ihr zum ersten Mal als 16-Jähriger im Apartment seines Großvaters begegnete. Kaum hatte sie den Raum betreten, redete sie auch schon 25 Minuten lang non-stop über die Bedeutung der abstrakten Malerei. Das „Sturmgewehr der Avantgarde“ hat man sie genannt. Auf ihren Einfluss, ihre Vortragssalven hin geht eine der bedeutendsten Sammlungen ungegenständlicher Malerei zurück sowie der erste dezidiert moderne Museumsbau der Gegenwart – das Guggenheim-Museum.

Lange Zeit hat man sich dieser Mitbegründerin an der Fifth Avenue in New York nicht gern erinnert. Kurz nach „Guggis“ Tod, wie sie den Kupferkönig nannte, dessen Kunstberaterin sie über 20 Jahre seit 1928 war, erklärte man sie schnell zur persona non grata. Seine Nichte, die ebenso besessene Kunstsammlerin und Konkurrentin Peggy Guggenheim, gewann die Oberhand. Als die berühmte Schnecke Frank Lloyd Wrights 1951 eröffnet wurde, war die Gründungsdirektorin nicht einmal eingeladen. Fast vierzig Jahre nach ihrem Tod wird sie nun auf ganzer Linie rehabilitiert: ihr Engagement für die abstrakte Kunst, ihre mutige Erwerbungsspolitik sowie ihr eigenes Werk als Künstlerin.

Nach Stationen im Guggenheim-Museum selbst, in der Münchner Villa Stuck gemeinsam mit dem Schlossmuseum Murnau ist die Ausstellung „Art of Tomorrow. Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim“ nun auch in der Deutschen Guggenheim Berlin angelangt. Hier kam sie zwischen 1914 und 1924 – nach dem Studium an der Académie Julian in Paris, Jahren des Bohème-Lebens in München und Zürich – im Umkreis von Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ in Kontakt mit den wichtigsten Künstlern ihrer Zeit, denen sie später den Weg in die Guggenheim-Collection ebnete. Hier entstanden neben ihren neusachlichen Porträts abstrakte Collagen und dekorative Kostümentwürfe, die noch zum Besten im Werk zählen.

Als Künstlerin wäre Rebay wohl komplett vergessen worden. Als Einkäuferin eines bis zu ihrer Begegnung nur mäßig an moderner Kunst interessierten Sammlers ist ihre Bedeutung allerdings nicht hoch genug einzuschätzen. Denn Guggenheim lässt die elsässische Baroness, die ihren Titel nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft abgelegt hat, nahezu unbeschränkt ihre Erwerbungen tätigen: Wassily Kandinsky (mit 150 Werken), Paul Klee, Lászlo Moholy-Nagy, Fernand Léger, Jean Arp, Kurt Schwitters finden Einlass in die Kollektion. Eine der schönsten Sammlungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsteht, allerdings mit dem Makel, dass der von Rebay hoch verehrte und heillos überschätzte Rudolf Bauer den größten Teil einnimmt. Der Kandinsky-Epigone zierte noch jeden Katalog-Titel ihres „Museum of Non-Objective Painting“. Da rührt regelrecht der Hinweis von Brigitte Salmen, Ko-Kuratorin und Murnauer Museumsdirektorin, dass sich der in Kunstdingen eher mitteilungskarge Guggenheim über die Malerei Bauers jedenfalls positiv geäußert habe.

In Zeiten, in denen der Kunstmarkt wieder koppheister schießt, interessiert eine Figur wie Hilla von Rebay mehr denn je. Wie prägte sie den Geschmack des Sammlers? Welchen Einfluss hatte sie durch ihre Großeinkäufe auf den Gang der Kunstgeschichte? Mit ihrem Einsatz für die abstrakte Kunst leistete Rebay in dem noch auf postimpressionistische Malerei abonnierte Amerika Pionierarbeit; die späteren abstrakten Expressionisten holten sich in der seit 1939 öffentlich zugänglichen Guggenheim-Collection wichtige Inspiration.

Sucht man heute nach einer ähnlichen Figur des Kunstbetriebs, ähnlich nah einem Großsammler, landet man schnell bei den Händlern: Das Profil der Flick-Collection geht zurück auf die Galerien Hauser & Wirth sowie David Zwirner, der Berliner Sammler Erich Marx lässt sich von Heiner Bastian beraten, der ihn auch als Kurator vertritt. Die schillernde Figur, die selber malt, mit dem Temperament eines „Sturmgewehrs“, wird man kaum finden. Dazu braucht das Kunstgeschäft viel zu sehr die Diskretion, mögen die Preise, die Vorlieben hinterher noch so Aufsehen erregen.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 10. 8.; täglich 11 – 20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog 28,50 €.

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