Kultur : Die Stützen der Ausgehgesellschaft

HEIKO HOFFMANN

Das Sonar Kollektiv ist ein Haufen junger Menschen, die ihren Eltern schon mal Kopfschmerzen bereiten. Die einen verdienen ihr Geld mit dem Auflegen von Schallplatten, andere, indem sie Musik Fremder als eigene ausgeben oder Handzettel zur Ankündigung von Parties gestalten. Alles nicht gerade klassische Berufsbilder, die sich Eltern so für ihre Kinder wünschen. Dennoch dürften sie genügend Gründe haben, stolz auf die Leistungen ihres Nachwuchses zu sein. Denn die DJs, Designer, Produzente und Labelbesitzer des Sonar Kollektivs haben es in der kurzen Zeit ihres Bestehens weit gebracht. Auf neue Veröffentlichungen warten Fans von Stockholm bis Osaka sehnsüchtig, jeden Donnerstag veranstalten sie eine Clubnacht im WMF und dann ist da noch die eigene Radiosendung auf MDR Sputnik.Den Kern des Sonar Kollektivs bilden Jazzanova, bestehend aus den drei DJs Jürgen von Knoblauch, Alexander Barck und Claas Brieler, sowie dem Produzenten-Trio Stephan Leisering, Axel Reinemer und Rosko Kretschmann. Gemeinsam haben die sechs Künstler in den letzten drei Jahren mit nur zwei eigenen Veröffentlichungen und einigen exzellenten Bearbeitungen von Stücken anderer Musiker eine eigene Klangästhetik geschaffen, die stilsicher zwischen den Koordinaten Jazz, House, Funk und Latin pendelt, und eine Schar von Nachahmern gefunden hat. Der Jazzanova-Touch ist bei Remixen so gefragt, daß die Gruppe trotz ihrer drei Produzenten mit den Auftragsarbeiten nicht mehr nachkommt. Als DJs werden sie weltweit gebucht und auch das Interesse an den eigenen Stücken wächst ständig. Ihre letzte Veröffentlichung, "Jazzanova EP 2", verkaufte allein auf Vinyl zehntausend Stück, die meisten davon in Japan und England. Und mittlerweile konnten die Berliner bereits die fünfzigste Lizensierung eines ihrer Stücke feiern. In diesem Sommer wird wohl kaum eine CD-Kompilation zwischen Rare Grooves, Jazzy House und Drum & Bass ohne einen Jazzanova-Track auskommen.Bei so viel Wirbel bleiben natürlich auch Angebote großer Plattenfirmen nicht aus. Doch für Jazzanova hat die vollständige Kontrolle über ihr eigenes kreatives Schaffen Priorität. Da kommt selbst einer wie Gilles Peterson, Chef des Londoner Talkin Loud-Labels, nicht gegen an. Und das, obwohl Peterson nicht nur Plattenboss ist, sondern auch einflußreicher DJ und Mitbegründer der Acid Jazz-Bewegung. Vor gut zehn Jahren begann er in Londoner Clubs eine Mischung aus raren Jazz-, Funk- und Psychedlic-Platten vor allem der Siebziger aufzulegen. Gruppen wie Galliano oder Incognito ließen ihrer Vorliebe für dieses Genres auch in Form von eigenen Platten auf Talkin Loud freien Lauf. Und es waren nicht zuletzt auch Petersons wöchentliche Radiosendungen, die diisem neuen Sound weltweit Beachtung verliehen.Die DJs und Produzenten von Jazzanova stießen Anfang der Neunziger ebenfalls über HipHop und die Suche nach den Samples auf denen diese Musik beruht, zuerst auf frühen Jazzfunk und schließlich auf Gilles Peterson. "Gilles war vermutlich unsere wichtigste Inspiration. Er war Educator für eine ganze Generation von Leuten die ausgehend von alten Platten neue Clubmusik machen wollten. Und auch bei Jazzanova geht es vor allem um die Verbindung unserer Vorliebe zum Jazz mit neuen Ideen für den Dancefloor", sagt Alex Barck.Doch anders als noch vor ein paar Jahren begnügen sich heutige Produktionen mit Jazz- oder Latin-Referenzen nicht mehr mit einem blossen nostalgisch-verklärenden Retro-Bewußtsein - das man zur Zeit etwa auch beim Boom von kubanischer Musik beobachten kann - sondern streben danach, mit neuer Technologie aus altem Material neue Musik zu machen. Diese Entwicklung läßt sich auch bei Jazzanova beobachten. Als sich Jürgen von Knoblauch, Alexander Barck und Claas Brieler vor fünf Jahren als DJs im Berliner Club Delicious Doughnuts kennenlernten, herrschten auch in ihren Sets noch Platten mit Retrovibe vor. House- oder Techno-Produktionen fanden hingegen kaum Berücksichtigung.Mittlerweile gehören House- und Drum & Bass-Platten nicht nur zu den Stützen der DJ-Sets, sondern Elemente moderner elektronischer Musik fließen auch in die eigene Musik von Jazzanova ein. Zwar kommt bei Stücken wie "Fedimes Flight" oder "Atabaque" nach wie vor dem Samplen von Rare Groove-Platten eine zentrale Bedeutung zu, doch die Manipulation dieser Samples und Arrangements und das Hinzufügen von neuen Klängen ist weit wichtiger geworden. Das Resultat ist Musik mit eigener Identität, die trotzdem nach allen Seiten offen ist.Ein gutes Beispiel für die Bandbreite der Platten, die Jazzanova lieben und spielen, bietet auch ihre Mix-Compilation "Berlin: Sound of the City". Für die Dauer eines DJ-Mixes kommen hier Platten zusammen, die nicht viel gemein haben, doch in der Mischung Sinn machen. Post-Techno von Tarwater, House von DJ Dixon, Dub von Rhythm and Sound, Drum & Bass von One Soul und NuJazz - alles Produktionen von Berliner Musikern, die in unterschiedlichen Szenen operieren, doch prima miteinander auskommen. "Man kann schwer was bewegen, wenn man nicht eine Bewegung darstellt", weiß Alex Barck. Und das Sonar Kollektiv um Jazzanova ist eine Bewegung, mit der man nicht nur in dieser Stadt zu rechnen haben wird.

Jazzanova legen bei der Love Parade am Sonnabend, 10. Juli, im Pavillon im Volkspark am Weinbergsweg, Berlin-Mitte, auf, 22 Uhr. Ab dem 15. Juli werden Jazzanova wieder regelmäßig jeden Donnerstag, 23 Uhr, im WMF Johannisstr. 19, Mitte, auftreten

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben