Kultur : Die stumme Sängerin

Jossi Wieler entzaubert Dvoráks "Rusalka" – und rettet die Ehre der Salzburger Opernsaison. Camilla Nylund spielt die titelgebende Meerjungfrau, die aus dem Wasser emporsteigt, um eine menschliche Seele zu erhalten.

Sybill Mahlke
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Carmilla Nylund als Antonin Dvoráks Rusalka in Salzburg. -Foto: dpa

Ein Märchen aus uralten Zeiten wird befragt, Dramaturg Sergio Morabito führt Regie zusammen mit Jossi Wieler. Das bedeutet, dass aus bohrendem Quellenstudium geheimnisvolles Theater entsteht. Antonín Dvoráks "Rusalka" offenbart in dieser Interpretation vor allem ihre tschechische Herkunft in Text und Musik. Und ihre Schönheiten. Die Partitur triumphiert. Mit dem leidenschaftlichen Klang des Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst wird der Zuschauer im Haus für Mozart eingeladen, das Regieteam auf seiner Entdeckungsreise in die Moderne zu begleiten.

Das wiederum ist schon eine Art Ehrenrettung der Salzburger Festspiele 2008, deren Geist Intendant Jürgen Flimm mit "Otello" und "Roméo et Juliette" an kalkuliertes Startheater zu verraten droht. Hier aber geht es wieder um Inhalte. Morabito will eine Märchenwelt zeigen, die an der Kälte der Wirklichkeit zerschellt. Anders als bei Wielers Berliner "Maskenball", der leider nur verheißungsvoll anfing, wird "Rusalka" in den dreieinhalb Stunden der Aufführung immer spannender. Zu Beginn: räkelnde Elfen, eine behinderte Hexe am Rollator, ein schwarzer Kater, das Ganze in einem künstlichen Ambiente des fin de siècle (Bühne: Barbara Ehnes). Und es bleibt nicht ohne inszenatorische Plattheit, wie die Titelheldin ihren schimmernden Fischschwanz gegen Highheels vertauscht.

Die Gesangskunst indes wird in der Aufführung sensibel verteidigt: Von Camilla Nylund in ihrem Rollendebüt als Rusalka und dem wahrhaft lyrischen Tenor Piotr Beczala (Prinz), der sich ins Heldische öffnet. Ein harmonisches Nymphentrio bilden Anna Prohaska, Stephanie Atanasov und Anna Esther Minutillo. Für Dramatik, Rührung und Volkston stehen Birgit Remmert (Hexe), Emily Magee (fremde Fürstin), Alan Held (Wassermann), Adam Plachetka (Förster) und Eva Liebau (Küchenjunge).

Undine, die sich eine Seele wünscht

Rusalka will hinaus in die Welt. Rusalka, die Nixe, die sich eine Seele wünscht. Dabei klingt schon ihr Lied an den Silbermond im ersten Akt so seelenvoll, dass es schwer fällt, an das Manko des Mädchens aus dem Wasserreich zu glauben. Ihr ganzes Wesen ist Sehnsucht (bei Wieler/Morabito mit einem Schuss Aggression) und Liebe zu einem Prinzen. Diesem Naturgeschöpf einer Rusalka gehört die ganze Sympathie des Melodikers Dvorák. Den Preis für die Seele aber zahlt sie mit irdischem Leid. Sie scheitert in der Menschenwelt.

Das ist schon so bei Friedrich de la Motte Fouqué, auf dessen "Undine" sich das Libretto von Jaroslav Kvapil großenteils gründet. Rusalka wird wie Undine von ihrem Geliebten zurückgestoßen, der seinerseits seine Untreue mit dem Leben bezahlt. Es ist eben nicht geheuer, wenn Mensch und Geisterwesen sich verbinden, ob diese Melusine, Loreley oder Undine heißen.

Die ungebärdige Undine bei Fouqué unterhält seltsame Beziehungen zu den Elementen. Themen, die wiederkehren, malen in Dvoráks erfolgreichster Oper die Macht des Wassers, den väterlichen Wassermann, Waldnymphen, Hexe, die Menschenfigur "fremde Fürstin". Und die Titelheldin selbst, melancholisch weich und wild, in ihrem Hoffen auf den Prinzen. Das Verdikt, Dvoraks Opern seien unwesentlich, mag triftig sein hinsichtlich dessen, was Musikgeschichte bewegt, was auf neue Bahnen führt. Aber die impressionistische "Rusalka" ist durchaus liebenswert mit ihrem Naturton, der sich aus dem Pianisssimo der Pauke erhebt, Mondlicht, Hörner- und Flötenklang, Harfenschlag.

Paradox einer stummen Sängerin

Rusalka aber kann ihren Prinzen nicht festhalten, weil sie stumm ist. In diesem Detail mit tieferer Bedeutung folgt der tschechische Dichter Kvapil seinem "Liebling" (so genannt im Vorwort, Prag 1900) Hans Christian Andersen. Dessen "Kleine Meerjungfrau" wünscht sich so sehr, ein Mensch zu sein, dass sie den Sprachverlust akzeptiert. Unfähigkeit zu kommunizieren ist ihr Schicksal, eine Fremdlingin unter den Menschen.

Hier setzt Wielers Kunst ein. Die Braut im steifen weißen Kleid (Kostüme: Anja Rabes), Paradox einer stummen Sängerin, legt eine geradezu magische Befangenheit an den Tag, weil sie die Menschen nicht versteht. Der Prinz wird verrückt – und der Wassermann endgültig todtraurig. Schleier und Brautschuhe der Rusalka werden zu Signalen ihrer bitteren Situation: kein Zurück. Erst die Klage gibt ihr die Sprache wieder.

Im dritten Akt trübt „Menschenschlamm“ die Wassertiefe. Die Hexe, der Regie zufolge jetzt Schuhfetischistin, häuft in ihren Taschen Geld als Bordellchefin. Nichts ist in Ordnung. Der Todeskuss mit dem armen treulosen Prinzen lässt Rusalka als Untote zurück. Sie empfiehlt ihn der Gnade Gottes, indem sie ihm das Kreuz nachwirft. Fremdlinge überall.

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