Kultur : Die Stunde der Abrechnung

Warum ein Streik die gesamte Festivalsaison in Frankreich platzen lässt – und was das „kulturelle Tschernobyl“ für Deutschland bedeutet

Frederik Hanssen

So ungefähr müssen sich die französischen Adligen 1789 in ihren Palästen gefühlt haben: Erst ist es nur die vage Ahnung, dass etwas Unheimliches passiert. Sind da draußen nicht Stimmen zu hören? Wütende Sprechchöre einer aufgebrachten Menge? Tatsächlich: Immer lauter dringt der Lärm von der Straße herein, schwillt beängstigend an, bis die wütende Meute schließlich an die Türen hämmert. Einen Vorteil hatten die Besucher des von Demonstranten umlagerten Théâtre du Jeu de Paume am vergangenen Montag allerdings gegenüber dem Finale des 18.Jahrhunderts: Um ihre Köpfe musste das Publikum des Musikfestivals im südfranzösischen Aix-en-Provence nicht fürchten. Das Fallbeil wollten die Krachmacher allein auf die Reform der Arbeitslosenversicherung für Freiberufler im Kulturbereich niedersausen lassen. Was ist geschehen?

Am 26. Juni hatten drei der fünf großen französischen Gewerkschaften die Novellierung der Anspruchsregelung für die Teilzeitkräfte, die so genannten intermittents, unterzeichnet. Nur die linksradikale Force Ouvrière und die im Medien- und Kulturbereich dominante CGT waren dagegen. Also riefen sie ihre Mitglieder zum landesweiten Streik auf, der nach nervenzerfetzendem Hin und Her letztlich zur Absage fast aller französischen Sommerfestivals führte (vgl. Tagesspiegel vom 11.Juli). Während das Theaterfestival von Avignon noch nicht einmal seinen Startschuss erlebte, fand beim Musikfestival in Aix-en-Provence, das als gesellschaftliches Ereignis durchaus mit den Salzburger Festspielen vergleichbar ist, immerhin eine einzige Vorstellung statt. Entgegen der Gewerkschaftslinie hatten sich die Techniker und Künstler der Produktion von Klaus Michael Grüber und Pierre Boulez entschlossen, die Premiere im Jeu de Paume nicht platzen zu lassen – „weil unsere Arbeit ohne den Kontakt zum Publikum keinen Sinn hat“, wie eine Sprecherin vor der Vorstellung erklärte. Mit Trillerpfeifen, Topfdeckeln, Tamburins und Trommeln ausgerüstet, zogen darum einige Dutzend CGT-Mitglieder vorm Theater auf, um den Streikbrechern den Marsch zu blasen. Zunächst sah es so aus, als gelänge es Festivalchef Stéphane Lissner, die Gemüter zu beruhigen. Nachdem die ersten beiden Werke des Abends – Manuel de Fallas „Maestro Pedros Puppenspiel“ und Igor Strawinskis „Renard“ – in Grübers doch etwas betulicher Inszenierung über die Bühne gegangen waren, brandete das akustische Störfeuer von draußen jedoch erneut auf – ausgerechnet in Arnold Schönbergs zartgliedrigem Monodram „Pierrot lunaire“.

Dass die Aufführung überhaupt zu Ende gebracht wurde, lag allein an der bewundernswürdigen Gelassenheit des Dirigenten Pierre Boulez und seiner ebenso unerschütterlichen Interpretin Anja Silja. Ohne auf eine einzige Pianissimofeinheit zu verzichten, musizierten die beiden mit dem exzellenten Ensemble Intercontemporain gegen den bedrohlichen Off-Beat von jenseits der eisernen Bühnentüren an. Die Hochstimmung des Publikums, wenigstens eine der vier großen Aix-Premieren miterlebt zu haben – Stephane Braunschweigs neuer „Wozzeck“ mit Daniel Harding und dem Mahler Chamber Orchestra fiel ebenso dem Streik zum Opfer wie die Gastspiele von Marc Minkowskis Baden-Badener „Entführung aus dem Serail“ und Peter Mussbachs Berliner „Traviata“ –, sie war schnell verflogen: Die verbissen ihre Parolen skandierenden Demonstranten zwangen jeden Besucher zum Spießrutenlauf durch die schmale Gasse.

Was auswärtigen Augenzeugen als befremdliches Spektakel nach traditionell revolutionärer Manier erscheinen mochte, ist in der Tat die landestypische Art, mit Tarifkonflikten umzugehen. „Erst streiken, dann reden“, lautet das Motto in Frankreich, weil die Institution des runden Verhandlungstischs, an dem nach deutschem Muster Reformen systematisch klein verhandelt werden, weitgehend unbekannt ist. Der minimale Organisationsgrad der Arbeitnehmer von neun Prozent steht dabei im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Entschlossenheit der Gewerkschaften. Selbst der italienische Kritikerkollege vom „Corriere della sera“ kann sich nicht daran erinnern, dass in seiner streikfreudigen Heimat jemals ein bedeutendes Festival wegen eines Arbeitskampfes abgesagt wurde, geschweige denn der komplette nationale Sommerspielplan.

Genau das aber ist den französischen intermittents gelungen. Der Kommentator der linksliberalen „Libération“ spricht von einem „kulturellen Tschernobyl“, denn abgesehen vom Prestigeverlust und den massiven Ausfällen der Tourismuswirtschaft, müssen Hunderttausende von Kartenkäufern ausbezahlt werden. Weil sich die Festivals über die Kasse finanzieren (so wie in Aix-en-Provence, wo die Tickets 70 Prozent des Budgets decken), werden die meisten von ihnen wohl Konkurs anmelden müssen.

Dennoch will Aix-Chef Lissner die Demonstranten ebenso wenig pauschal aburteilen wie sein Kollege Bernard Faivre d’Arcier vom Theaterfestival in Avignon. So bitter jeder Vorstellungsausfall ist – für die zumeist extra angereisten Zuschauer wie auch für die Künstler, die nach wochenlangen Proben ihre Arbeitsergebnisse zeigen wollen –, so schwer auch die Folgen der annullierten Saison die Zukunft der Festspiele belastet – die wütenden Aktionisten von der CGT stoßen die Öffentlichkeit mit ihren rüden Vorgehen auf ein Grundsatzproblem: Frankreich finanziert die Pflege seines geistigen Erbes zum Großteil hinterrücks über die nationale Arbeitslosenversicherung. Seit 1969 erhält jeder Kulturschaffende, der binnen eines Jahres 507 Stunden als intermittent, also als künstlerische oder technische Teilzeitkraft, in einem Theater, einem Kino, in einer Fernsehanstalt oder bei einer TV-Produktionsfirma gearbeitet hat, für den Rest des Jahres Arbeitslosengeld. 8327 Euro seines durchschnittlichen Jahreseinkommens von rund 21000 Euro bekommt ein französischer intermittent vom Staat ausgezahlt. Weil diese Sonderregelung für Arbeitgeber äußerst gewinnbringend ist, hat sich die Zahl der kurzzeitig Beschäftigten in den letzten Jahren derart erhöht, dass in der zuständigen Kasse mittlerweile ein Loch von 800 Millionen Euro klafft.

Anstatt das Problem anzupacken, versuchten die Arbeitgeber, durch die Verkürzung des Zeitraums, in dem die 507 Arbeitsstunden zu erbringen sind, die Zahl der aktuell 100000 Anspruchsberechtigten zu dezimieren. Darum ist der aktuelle Kampf der intermittents nicht nur ein Reformblockadeprojekt blinder Besitzstandswahrer. In den vergangenen Tagen meldeten sich in den französischen Medien immer wieder auch Künstler zu Wort, die den Sprung von der Teilzeitkraft zum weltweit gefragten Star längst geschafft haben. Der Konflikt sei nur zu lösen, wenn der Staat den Wert kultureller Vielfalt anerkennt, wenn alle, die unter dem Deckmantel des intermittent eine Vollzeitarbeit leisten, endlich feste Verträge erhalten: in den Theatern und Kinos, aber vor allem beim staatlichen Fernsehen, wo mit der Regelung besonders viel Missbrauch getrieben wird.

Kulturminister Jean-Jacques Aillagon, der in den vergangenen Tagen versucht hatte, das Debakel noch abzuwenden, weiß, dass die angebliche Reform längst Makulatur ist. Das nötige Geld, um die Kulturszene auf eine stabile Subventionsbasis zu stellen, hat er nicht. Das müsste er vom Parlament bewilligt kriegen.

Hier berühren sich die Probleme der Franzosen mit denen der Deutschen. Nur auf den ersten Blick nämlich hat der europaweit einmalige (und einmalig luxuriöse) Status der intermittents nichts mit den föderalen Kulturfinanzierungsstrukturen der Bundesrepublik zu tun. Setzt man aber dafür den Begriff „Orchestertarifvertrag“ ein, wird die Verbindungslinie deutlich: Denn genau wie in Frankreich wurden auch in Deutschland während der fetten Jahren Konflikte zwischen den Tarifparteien stets durch Verbesserungen auf der Arbeitnehmerseite entschärft – bis ein System entstand, das sich nun von innen heraus aufzufressen droht. Da es auf absehbare Zeit nicht mehr Geld geben wird, kann die Vielfalt des kulturellen Angebots nur dann erhalten werden, wenn sich das Versorgungs- und Absicherungssystem der Macher signifikant verschlechtert. Die Tatsache, dass der Zwang zu schmerzhaften Einschnitten, gegen den die Interessenvertreter der Kulturschaffenden anrennen, ein gesamtgesellschaftliches Problem widerspiegelt, ist dabei nur ein schwacher Trost.

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