Kultur : Die Stunde der Debütanten

Bayreuths Vorliebe für prominente Außenseiter

Christine Lemke-Matwey

Jetzt ist’s also endlich, endlich beschlossen und verkündet: Der Schriftsteller und Dramatiker Tankred Dorst wird 2006 den neuen Bayreuther „Ring“ inszenieren. Eine Entscheidung, zu der man die Bayreuther Festspiele zunächst und ganz pragmatisch nur beglückwünschen kann. Denn wären sich die Ehepaare Wagner und Dorst/Ehler allen offenbar langwierigen (juristischen) Bemühungen zum Trotz nun doch nicht vertragseinig geworden, die Festspiele hätten ein in der neueren Festspielgeschichte nahezu einzigartiges Desaster zu gewärtigen gehabt: Gut 18 Monate, bevor sich auf dem Grünen Hügel über dem Es-Dur-Zauber des „Rheingold“-Vorspiels erneut der Vorhang heben soll und auf Teufel komm raus auch heben wird (dafür sorgt schon der Vorverkauf), kein Regisseur in Sicht! Skandal!!

In früheren, jugendlicheren Zeiten hätte Festspielchef Wolfgang Wagner die Sache in einer solch vertrackten Situation längst selbst in die Hand genommen. Heute ist er 85 und traut sich das – mit gutem Recht – nicht mehr zu. Und Tochter Katharina Wagner, die 2007 mit den „Meistersingern“ ihr Regie-Debüt im Festspielhaus gibt, ist eben noch nicht so weit. Trotzdem bleibt sich der „Alte“ mit der Verpflichtung von Dorst – und das ist die Kunst! – gleich mehrfach treu. Zum einen wird das Problem nach der (überraschenden? lancierten? provozierten?) Absage von Lars von Trier im Juni sozusagen generationsintern gelöst: Tankred Dorst wird im 81. Lebensjahr stehen, wenn er sich im Sommer 2006 für seine Regie-Tat verbeugt. Das ist ein Argument – und es ist auch keines, was sich an Persönlichkeiten wie George Tabori, Loriot oder Johannes Heesters unschwer ablesen lässt. Und immerhin gebietet mit Christian Thielemann (dann 47) ein vergleichsweise juveniler Dirigent über den „mystischen Abgrund“.

Zum Zweiten marschiert Wolfgang Wagner mit dieser Besetzung trotzig weiter in die entgegengesetzte Richtung. Mögen Neuenfels, Konwitschny & Co. allüberall bejubelt werden, so sagt er sich, mir kommen sie nicht über die Schwelle. Kein Pakt um keinen Preis also mit dem ästhetisch-ideologischen Mainstream. Stattdessen: her mit den renommierten Opernregie-Debütanten. Ein legitimer und den Überlegungen der Branche keineswegs fremder Gedanke (auch an der Berliner Lindenoper geben sich Doris Dörrie und Bernd Eichinger längst die Klinke in die Hand). Denn was mit Heiner Müllers „Tristan“ in den Neunzigern Kult wurde und bei Schlingensiefs „Parsifal“ letztes Jahr enttäuschte, das muss im Dorst’schen „Ring“ noch lange nicht schlecht sein – Handwerk hin oder her.

Zum Dritten und Letzten freilich steckt hinter all dem nicht die Spur eines Konzeptes. Bayreuth, die „Speerspitze“ der internationalen Wagner-Pflege, bekennt sich damit offensiv zur allgemeinen Ratlosigkeit. Was Wagner uns in Zukunft soll, was Musiktheater will, das wissen heute vielleicht wirklich nur noch die Außerirdischen.

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