Kultur : Die Stunde der Experten

Von Feuerwehrleuten und Herzspezialisten: neues Doku-Theater im Berliner Hebbel am Ufer

Christine Wahl

Herr Mallmann-Kallenberg, ein „Deeskalationsexperte“, fordert uns auf, „die Situation aktiv mitzugestalten“. Demnach sitzen wir in einem brennenden Haus, zittern am ganzen Leib und sehen unser letztes Stündlein nahen. Herr Mallmann-Kallenberg rät, stoisch die Geburtsdaten aller Familienmitglieder abzurufen.

Der „doku-fiktionale“ Abend heißt „Vom Feuer – Eine Übung zur Katastrophenbereitschaft im Theater“, entstammt dem Regie- und Autorenduo Hofmann & Lindholm und vermittelt die Erkenntnis, dass es „nicht schlecht ist, immer eine Axt bei sich zu haben“. Oder dass Lessings Dramenfigur von Stauffen, der in „Nathan der Weise“ die herzige Recha aus den Flammen errettet, seinen Einsatz durch eine Art Entengang und dass das Kleistsche „Käthchen von Heilbronn“ seine „Feuerprobe“ durch einen fachkundig verfertigen „Bremsknoten“ hätte optimieren können. Auf der Bühne des HAU 3 stehen Spezialisten: Berufsfeuerwehrleute aus Köln und Düsseldorf.

Der Experte ist en vogue auf dem Theater, zumindest in den Trend setzenden Spielstätten der freien Szene. Das Hebbel am Ufer lädt zu aufschlussreichen Lastwagenfahrten mit bulgarischen Fernfahrern („Cargo Sofia – Berlin“) oder in real existierende Wohnungen („X-Wohnungen“). Der ehrgeizige Jungregisseur hält heute lieber eine Videokamera auf seine WG, als dass er sich an Heiner Müller die Zähne ausbeißt. Gelegentlich unterbietet er allerdings dabei das Niveau jeder Nachmittagstalkshow, weil er die dokumentarische Methode damit verwechselt, arglose Passanten mit Videokamera und Hallo-wie-geht’s-Fragen zu überfallen.

Die Zeiten, in denen man sich beim Stichwort Dokumentartheater ausschließlich über Rolf Hochhuths unermüdliche Versuche amüsierte, sind vorbei: Das Genre boomt. Zwei der meist diskutierten Beiträge zum letzten Theatertreffen – Andres Veiels „Der Kick“ und die „Wallenstein“-Variante des Regie-Kollektivs Rimini Protokoll – basieren auf dokumentarischem Material. Während Veiel seine Recherchen über den grausam-dumpfen Mord dreier Jugendlicher an ihrem Bekannten von Schauspielern reflektieren lässt, stehen bei Rimini Protokoll die Alltagsexperten selbst auf der Bühne.

Eines allerdings ist sämtlichen aktuellen dokumentarischen Ansätzen gemein: Nebulöse Erinnerungen an Maßnahmen, wie sie Peter Weiss in den sechziger Jahren in seinen „Notizen zum dokumentarischen Theater“ verkündete („Das dokumentarische Theater ist parteilich“ oder „tritt ein für die Alternative, dass die Wirklichkeit, so undurchschaubar sie sich auch macht, in jeder Einzelheit erklärt werden kann“) müssen nicht reaktiviert werden.

Kein ernst zu nehmender heutiger Doku-Regisseur geht von einer Kategorie wie Wahrheit aus – schon gar nicht von einer, die es schlicht zu enthüllen gälte. Die Leistung, die das Genre im gelungensten Fall erbringen kann, besteht vielmehr darin, die Mechanismen offen zu legen, nach denen die vermeintlichen Wahrheiten konstruiert werden - und der grassierenden Eindimensionalisierung eine Vielfalt einander kommentierender oder auch dekonstruierender Perspektiven entgegen zu setzen.

Zu den Besten auf dem Gebiet der Komplexitätssteigerung gehört das Regie-Kollektiv Rimini Protokoll. Nicht nur, weil es minuziös recherchiert, hervorragend castet und klug inszeniert. Sondern vor allem, weil es, statt der Naivität zu erliegen, die Wirklichkeit ins Theater holen zu können, vielmehr das theatrale Moment in der Wirklichkeit aufspürt. In Helgard Haugs und Daniel Wetzels großartiger „Wallenstein“-Inszenierung treffen wir auf einen ehemaligen CDU-Politiker, einen Vietnam-Veteranen und sehen die Gräfin Terzky mit der Inhaberin einer Seitensprung-Agentur konfrontiert.

Die neue Produktion „Blaiberg und sweetheart19“, die diesmal wieder unter Beteiligung des dritten Rimini-Mitglieds Stefan Kaegi im März am Schauspielhaus Zürich herauskam und jetzt im HAU 1 gastiert, versucht, diesenVielfalt der Perspektiven weiter zu treiben. Philip Blaiberg war der zweite Mensch, der mit einem Herztransplantat überlebte. Und sweetheart19 zitiert einen in Internet-Partnerbörsen populären Nickname.

Nick Ganz, smarter Veranstalter von Single-Events, weiht uns ins Regelwerk des Speedflirtings ein, die Kardiotechnikerin Renate Behr erklärt die Funktionsweise einer Herz-Lungen-Maschine. Crista D. Weisshaupt erzählt vom Freitod ihres Sohnes und ihrer eigenen missglückten Online-Partner-Suche. Und die Juristin Jeanne Epple, die Kontakte zu heiratswilligen Frauen in Russland vermittelt, zitiert den lustig-abgründigen Schriftverkehr zwischen einem gewissen Schweizer Harald und der bindungswilligen Olga. Rimini Protokoll will das Maximum an Vielschichtigkeit. Doch die klugen Doku-Künstler erliegen hier streckenweise selbst jenem Effekt, dem sie üblicherweise gegensteuern: der fernsehaffinen Unterhaltungsmechanik.

„Blaiberg“ heute und morgen im HAU 1, „Vom Feuer“ heute noch einmal im HAU 3.

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