Kultur : Die Stunde der Golden Girls

Trans oder gar nicht: Alain Platel eröffnet mit „Gardenia“ das Festival

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Wie schillernde Paradiesvögel sehen sie nicht gerade aus, die älteren Herren, die da wie erstarrt auf der kahlen Bühne stehen. Betont unauffällig, so dass es schon wieder auffällt. Vanessa van Durme sowie sechs weitere Transsexuelle und Transvestiten zwischen 56 und 67 Jahren wirken wie eingesperrt in ihren braven Anzügen. Und schon beginnt die Verwirrung: Die transsexuelle Schauspielerin wurde als Mann geboren – gibt sie nun etwa die Herrendarstellerin?

Vanessa van Durme hatte die Idee, ein Stück über alternde Transsexuelle und Transvestiten zu machen und damit gleich zwei sensible Themen zu verbinden. Sie konnte den Choreografen Alain Platel von Les Balletts C de la B in Gent und den Musicalregisseur Frank van Laeke für das Projekt gewinnen. Die Darsteller oder Darstellerinnen sind zuvor in Travestie-Shows aufgetreten, professionelle Schauspieler sind sie aber nicht. Der Cast von „Gardenia“ ist eigentlich ein Out-Cast, doch den Herren Damen gelingt es mühelos, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen und den Blick auf Geschlecht und Alter auf amüsante Weise zu verrücken. „Gardenia“ mit seinen Geschichten vom Anderssein eröffnet in diesem Jahr den „Tanz im August“ und passt wirklich perfekt zu Berlin.

„Somewhere over the rainbow“ klang noch nie so herzzerreißend traurig. Noch ein allerletztes Mal träumen sich die Showveteranen in ein Land hinter dem Regenbogen. Noch eine letzte Vorstellung, und dann ist Schluss. Ein weiteres dokumentarisches Stück über Transsexuelle und Transvestiten habe er nicht machen wollen, erklärt Alain Platel. Da gäbe es schon ausgezeichnete Beispiele. So ließ er sich von dem Film „Yo soy así“ inspiriren, der von den letzten Tagen eines Travestie-Theaters in Barcelona erzählt. Sie wollten den Schmerz hinter der Maske zeigen, betont das Regie-Duo. „Gardenia“ ist durchzogen von der Melancholie des Abschieds, es spürt der hellsichtigen Trauer des Alters nach – auch wenn die Darsteller alle Resignation ab- und Rouge auflegen.

Mit einer Schweigeminute für die Künstler, die verstorben sind, beginnt die Show. Was dann folgt, ist queeres Kabarett, wie es vergnüglicher und versauter nicht sein könnte. Vanessa van Durme, eine Kreuzung aus anzüglicher Puffmutter und ranschmeißerischem Conferencier, kündigt die unscheinbaren Herren unter ihrem Künstlerinnennamen an – als Lilly fuck me Silly, als Kriegsheldin Greta von Sachsen-Coburg, Brigitta Garbo, Gina del Rio oder Juanita de Buenos Aires. Lüsterne Kreaturen, wie sie nur Vanessas wüster Fantasie entsprungen sein können. Schärfer, als Gay-Romeo erlaubt. Das Auseinanderklaffen von erotisch-exotischem Bild und Person ist zum Schreien komisch. Doch das Defilée der Sex-Göttinnen zeigt, worum es geht: um Bilder von Weiblichkeit, um Rollenspiele. Auch wenn es den Unterschied von Schein und Sein deutlich macht, plädiert „Gardenia“ doch für die glitzernde Welt des Scheins.

Aber es ist eben nicht „Ein Käfig voller Narren“ dreißig Jahre später. Platel und van Laeke zeigen, wie die Herren sich peu à peu in aufgetakelte Dragqueens verwandeln. Mit analytischem Blick wird der Weg ins andere Geschlecht geschildert. Wer „Gender Trouble“ von Judith Butler gelesen hat, wird hier sofort an die Theorie von der „Gender Performance“ denken. Griet Debacker, die einzige Frau auf der Bühne, ist die Erste, die sich eine voluminöse Blondhaarperücke aufsetzt und damit wie eine aufgetuffte Damenimitatorin aussieht. Ein raffinierter Kunstgriff. Die Herren schlüpfen dann zu den Klängen von Ravels „Boléro“ in rote Schuhe, hüllen sich in einen schwarzen Paillettendress oder rosa Rüschen, probieren feminine Posen aus. In jeder steckt eine Diva, eine Glamour-Queen. Das Publikum wird zudem Zeuge einer erstaunlichen Metamorphose, denn gerade in der Verkleidung scheinen die Darsteller etwas von sich selbst zu offenbaren. „Es ist verblüffend, wie viel Wahrheit in einer Lüge enthalten ist“, sagt van Laeke.

„Sie haben uns ihre Geschichten geschenkt, aber wir haben sie nicht benutzt“, erklärt Platel. Und wenn, dann nur verfremdet und fragmentarisch. Bei den Proben gab es eine Box, in die die Darsteller Briefchen mit ihren Erinnerungen steckten. Einige dieser realen Geschichten tauchen als Splitter auf – in Form von Kontaktanzeigen, in denen ein Lebensdrama zu einem tragikomischen Zweizeiler schrumpft. „Gardenia“ versammelt keine biografischen Erzählungen, es geht vielmehr den Emotionen auf den Grund. Als Schmerzensmann und Spiegel tritt der schöne Timur auf – doch sein jugendliches Aufbegehren, seine rasende Verzweiflung berühren viel weniger als die Abgeklärtheit und das Mitgefühl van Durmes, die seufzt: „Love always hurts, darling!“ Den Golden Girls gelingt etwas Seltenes: Sie lassen ihre Enttäuschungen, ihre Desillusionierung spüren, doch sie stehen zugleich dafür ein, dass Illusionen notwendig sind zum Leben.

„Dies ist kein Stück über Perücken und Federn, sondern ein Stück über Emotionen“, betont eine überglückliche Vanessa van Durme nach der bejubelten Uraufführung in Gent. „Gardenia“ ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und zugleich ein Plädoyer für Toleranz: „Seht her, ich bin nur ein bisschen anders. Kein Grund, sich zu fürchten“, sagt sie lachend. Sie und ihre Freundinnen freuen sich besonders auf Berlin, verrät sie dann noch. Sie wollen sich unbedingt den Mantel von Marlene Dietrich im Filmmuseum anschauen.

HAU 1, 19. bis 22. August

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