Kultur : Die Stunde der Orangen

María Pagés bringt den Flamenco in die Komische Oper. Ein Besuch in ihrer spanischen Heimat

Christiane Kühl

An Attraktionen ist Torrelodones nicht eben reich gesegnet. Dem Besucher offenbart sich das gleich am Ortseingang: Rund um eine kleine, staubige Baugrube ist da ein gutes Dutzend weißer Plastiksessel platziert. Noch brennt die Nachmittagssonne und der Bagger sowie seine Bewunderer schlafen, aber sobald die Siesta beendet ist, das spürt man, wird hier jeder Logenplatz erwartungsfroh besetzt. Man weiß sich zu helfen. Den größten Coup landete der Ort 30 Kilometer nördlich von Madrid vor fünf Jahren: Im Rahmen eines Festivals gastierte damals die Compañia María Pagés im lokalen Kulturhaus.

Pagés, Flamencotänzerin und Choreographin der Truppe, hatte drei Jahre zuvor den spanischen Nationalpreis für Choreografie erhalten; jetzt bat sie um einen kleinen Probenraum, um sich auf das Gastspiel vorzubereiten. Der Gemeinderat witterte seine Chance. Er bot ihr gleich das ganze Kulturhaus an – als dauerhaftes Domizil für ihre erfolgreiche Compagnie. Pagés nahm an. Seitdem ist Torrelodones stolz wie Wuppertal: So wie man dort Pina Bausch beherbergt und selten sieht, ist auch María Pagés die meiste Zeit zwischen New York und Japan unterwegs, und trotzdem so etwas wie die lebendige Schutzheilige der Stadt. Bald soll der zentrale Platz ihren Namen tragen.

„Flamenco Republic“ heißt eines der beiden Stücke, die María Pagés diese Woche in Berlin zeigt, und wenn es eine solche Flamenco-Republik geben sollte, wäre sie die perfekte Botschafterin. Doch María Pagés fühlt sich sichtlich wohl in der geschenkten Heimat. Die 40-jährige, kräftige Tänzerin sitzt in einem hellen Raum mit dem Charme eines Lehrerzimmers im Erdgeschoss des Kulturhauses, lässt Kaffee servieren und lacht laut. Vor der Tür im Foyer springen Kinder die Treppen hoch und runter, einige ältere Herrschaften stehen vor dem schwarzen Brett mit einem Zeitungsartikel über das China-Gastspiel der Compañia. Erst vor zwei Wochen hat sie in Peking getanzt, und María freut sich noch immer über den Kulturschock, den sie dort ausgelöst haben: „Man hat mich vor dem Auftritt zur Seite genommen und darauf vorbereitet, dass die Chinesen keine Regung zeigen. Wir haben getanzt, und ich sage Ihnen: Die Leute haben geschrieen!“

Was, hat sie nicht verstanden, aber dass es vor Begeisterung war, bezweifelt sie keine Sekunde. „Emotionen übertragen sich direkt, ohne Sprache, ohne kulturelles Vorwissen. Flamenco ist Emotion. Deswegen versteht man Flamenco überall auf der Welt.“ Die geborene Sevillanerin ist mit Flamenco aufgewachsen, liebt Flamenco und kennt keinerlei Berührungsängste. Popularität, Mainstream und hohe Kunst sind für sie keine Gegensätze. So tanzt die Trägerin des spanischen Nationalpreises auch als Solistin in dem irischen Tourneespektakel-Potpourri „Riverdance“. Um Flamenco tanzen zu können, erklärt sie schlicht, brauche man allein Rhythmus und Sound. So ist in „La Tirana“, der zweiten in Berlin gezeigten Choreografie, neben der klassischen Flamenco-Gitarre auch Tonbandmusik von Astor Piazolla über Franz Schubert bis hin zu Tracy Chapman zu hören. Was gelinde gesagt Furcht einflößend klingt. Doch solche Einwände lässt Pagés nicht gelten: „Ich mache keinen Unterschied zwischen traditionellem und modernem Stil. Ich tanze. Ich habe Stil.“ María Pagés ist, was man in Spanien „muy flamenca“ nennt: stolz, selbstbewusst, kühn.

Über die Herkunft des Begriffs gibt es bis heute nur Spekulationen. Nach einer Theorie leitet sich das Wort von dem arabischen „felag mengu“ ab, was so viel wie „flüchtiger Bauer“ bedeutet und auf die Zigeuner gemünzt war. Andere behaupten, es seien der ungehobelte Niederländer Karl V. und sein Gefolge gewesen, die das Adjektiv „flamenco“ („flämisch“) im 16. Jahrhundert zum Synonym für Ungestümes werden ließen und somit der Musik zu ihrem Namen verhalfen.

Sicher ist allein, dass der Flamenco in Andalusien entstand und sich in seinem Gesang viele Einflüsse der iberischen Halbinsel spiegeln: die Liturgien der byzantinischen Kirche, die Psalmengesänge sephardischer Juden, das Erbe der Mauren und das der Zigeuner, die im 15. Jahrhundert aus Indien nach Spanien kamen. „Zigeunermusik“ ist der Flamenco trotzdem nicht, denn die Blüte Mitte des 19. Jahrhunderts ging mit seiner Professionalisierung in den städtischen „Cafés Cantantes“ einher.

Seitdem erlebte er zahlreiche Renaissancen. In den Zwanzigerjahren waren es Intellektuelle wie García Lorca, die den Flamenco als „reinen“ Ausdruck der andalusischen Seele vergötterten. In den Siebzigern waren es Stargitarristen wie Paco de Lucia, später Musiker wie Chano Domínguez, Ketama oder die Gypsy Kings, die mit der Integration von Salsa, Bossa Nova und Jazz halb Europa ins „Flamenco nuevo“-Fieber fallen ließen. María Pagés fühlt sich mit ihnen offensichtlich wohler.

„Warum sollten wir heute so tanzen wie vor 100 Jahren?“ Auch die Beschwörung des „duende“, des Schmerzes im Flamenco hält sie für Quatsch. „Kunst ist Ausdruck ihrer Zeit. Wir leben nicht in tragischen Zeiten, also müssen wir nicht tragisch sein. Im Gegenteil, meine Compagnie lacht viel. Warum? Ganz einfach: Weil wir viel lachen.“ Sagt’s und bricht wie zum Beweis wieder in dieses Lachen aus, das die Kaffeetassen zittern lässt. Die Aufführungen der Compañia María Pagés sind unorthodox und verspielt. Vielleicht atmen sie etwas vom Geist der Jahrhundertwende-Spektakel, als der Flamenco – übrigens aus steuerlichen Gründen – die intimen Cafés Cantantes verließ und in die Opernhäuser einzog und größer, bunter, theatralischer wurde.

Wie genau ihre Choreografien aussehen, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden, denn María Pagués geht mit Journalisten lieber essen, statt für sie zu tanzen. Was irgendwie ganz authentisch wirkt – schließlich zeichnet sich der Flamenco, im Gegensatz zum schwerelosen Ballett, mit jedem Schritt durch Erdverbundenheit aus. Für die Fotografen geht sie kurz auf die Bühne. Erfrischend unprofessionell: im braunen Kleid vor einem ockerfarbenen Vorhang. Jemand wirft eine CD ein. An der offenen Tür versammeln sich Kinder, erst zwei, dann fünf, dann eine ganze Traube. Für die hoch auf den Boxen kraxelnden Knipser haben sie keinen Blick übrig. María tanzt.

„La Tirana“: Premiere heute in der Komischen Oper, bis 18. Juli täglich um 20 Uhr, am Sa., 17.7. um 16 Uhr.

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