Kultur : Die Stunde der Physiker

„Kopenhagen“ von Michael Frayn im Berliner Theater 89 mit Ekkehard Schall

Christoph Funke

Kann ein Gespräch, eine Begegnung genialer Forscher Einfluss auf die Geschichte der Menschheit haben? Niedriger als mit dieser Frage setzt Michael Frayn sein Stück „Kopenhagen“ nicht an. Der englische Dramatiker stellt in dem auf szenische Vorgänge so gut wie verzichtenden Text mit fast schon ermüdender Hartnäckigkeit die Frage, warum der deutsche Physiker Werner Heisenberg im Herbst 1941 seinen Kollegen und Lehrer Niels Bohr und dessen Frau Margarethe in dem von den Nazis besetzten Kopenhagen besuchte. Damals hatte Hitler fast ganz Europa unter seiner Kontrolle. Heisenberg könnte dem Diktator zumindest den theoretischen, vielleicht sogar den praktischen Zugang zu der furchtbaren Atomwaffe öffnen.

Im großen Streitgespräch der Forscher bringt Michael Frayn mit besessener Begeisterung alle nur möglichen physikalischen Finessen in Stellung. Der Autor will seinen Helden, unter rücksichtslosem Verzicht auf szenische Möglichkeiten, den Glanz einer bestechend klugen, fintenreichen Auseinandersetzung schenken. Er schont sie dabei nicht. Die Physiker und die Frau an ihrer Seite sind verletzlich und eifersüchtig, stolz und rechthaberisch, verzweifelt und ratlos. Ob sie Schuld, Versagen und Verrat gegenseitig aufrechnen dürfen, lässt der Autor offen.

Im Theater 89 macht der Schauspieler Ekkehard Schall „Kopenhagen“ zum Ereignis. Sein Physiker Niels Bohr lebt aus einer großen, abgeklärten Ruhe, hat sich aber eine kindlich rumorende Neugier, eine zupackende Begeisterungsfähigkeit bewahrt. Die geradezu sprühende Lust am Streit kann im Schreck umschlagen, in ratlose Verlegenheit, in eine gestische Starre, die auch das Gesicht versteinert. Matthias Zahlbaum als Heisenberg hat es nicht einfach, da standzuhalten. Er schafft es mit einem jugendlichen Temperament, das sich allmählich erst aus Verklemmung und Unsicherheit löst. Christine Gloger als Margarethe treibt mit spöttischer Überlegenheit das Gespräch an, beobachtet, kommentiert und provoziert – mit ingrimmiger Kraft und Rücksichtslosigkeit. Inszeniert hat Hans-Joachim Frank mit feinem Gespür für die mannigfaltigen Schichtungen des Gesprächs, das er nahe heranholt oder auch in fast schon diffuse Ferne rückt – Anne-Kathrin Hendel schuf dafür eine Bühne, in der sich landschaftliche Weite und behaglich-bürgerliche Nähe nahezu anmutig ablösen.

Aufführungen heute, am 11. und vom 15. bis 18. sowie vom 22. bis 25. Mai, Torstraße 216 .

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