Kultur : Die Stundung des Gedenkens (Kommentar)

Das kleine rote Heft sah so aus wie damals, vor vier Jahren, Bundesbahn-Infos gestaltet waren. Es leuchtete farbig wie heute die offenen Sightseeing-Busse, wenn sie den Reichstag passieren. Das Heftchen hieß "Bus Stop" und enthielt in der Tat Fahrpläne. Deutschlands Feuilleton reagierte fasziniert, die Jury allerdings - schließlich handelte es sich um einen internationalen Wettbewerb -, konsterniert. Der Vorschlag des Künstlerpaares Renata Stih und Frieder Schnock, als Denkmal für Europas ermordete Juden eine Haltestelle einzurichten, an der Exkursionen zu authentischen Gedenkstätten aufbrechen sollten, löste bei den Ordnungshütern panische Phantasien aus: Dem Ausland könnte vorgeführt werden, dass im Herzen Berlins leere Busse in die ehemaligen Lager starten müssen! Die andere Provokation wurde damals kaum registriert: Die auf dem Einband abgedruckte, historische timetable ("Herbolzheim ab: 24. 3. 43 . . . 16.41 Uhr. - Karlsruhe: ab 25. 3. 43. . .6.40 Uhr. - Hof ab: 26. 3. 43. . .5.00 Uhr. - Auschwitz an: 15.01 Uhr) bezog sich gar nicht auf Juden. "Anhand eines am Fahrkartenschalter erhältlichen Gutscheines ist an der Abgangsstation ein Beförderungsschein für den dortigen Transport unter Stundung des Fahrgeldes zu lösen. In gleicher Weise ist für die Rückreise des Begleitpersonals zu verfahren." Der Transport beinhaltete "Zigeunermischlinge, Ròm Zigeuner und balkanische Zigeuner".

Hinter dem Bus Stop am Reichstag hat der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma dieser Tage die Presse zu einem Ortstermin einbestellt. Der Termin erinnerte an die "Nacht der Roma" von Auschwitz heute vor 55 Jahren, als dort in den frühen Morgenstunden, vor Auflösung ihres Speziallagers, die letzten 2 800 Zigeuner vergast wurden. Es ging um das Rasenstück hinter der Haltestelle, auf dem - so die wiederholten Zusagen der deutschen Politik - ein Mahnmal für 500 000 ermordete Zigeuner errichtet werden soll. Seit Jahren tritt Romani Rose dafür ein, doch in der letzten Woche erhielt er keine guten Vorlagen. Dass Staatsminister Naumann betonte, im Haus der Erinnerung am Rande des Eisenman-Monuments für die ermordeten Juden solle aller Opfergruppen des Holocaust gedacht werden, sorgte für Irritation: Hat eine eigene Gedenkstätte für Sinti und Roma sich damit erledigt? Noch verstörender wirkte ein Dementi der Berliner Staatskanzlei: Zugesagt worden sei das Zigeuner-Denkmal nie.

Die Verstörung war Romani Rose, wiewohl er rhetorische Verstärkung durch den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde erfuhr, beim Ortstermin anzumerken. Seit Jahren versucht er, die Gleichsetzung des Zigeuner-Genozids mit der jüdischen Shoah ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Das Einbeziehen seines Volks in das Mahnmal für die Juden war fehlgeschlagen, nun sollte den eigenen Toten endlich Respekt erwiesen werden. Gerade hat der 53jährige einen Bild- und Textband ediert ("Den Rauch hatten wir täglich vor Augen", Wunderhorn-Verlag), der die Vernichtung von Sinti und Roma als Parallelle zum programmatischen Antisemitismus dokumentiert. Abgedruckt ist darin auch der Geheimbericht des Oberleutnant Walther vom 1. 11. 43, aus dem serbischen Pancevo: "Das Ausheben der Gruben nimmt den größten Teil der Zeit in Anspruch, während das Erschießen selbst sehr schnell geht (100 Mann 40 Minuten). . ." Weiter schreibt er: "Das Erschießen der Juden ist einfacher als das der Zigeuner. Man muss zugeben, dass die Juden sehr gefasst in den Tod gehen, - sie stehen sehr ruhig, - während die Zigeuner heulen, schreien und sich dauernd bewegen, wenn sie schon auf dem Erschießungsplatz stehen. Einige sprangen sogar vor der Salve in die Grube und versuchten sich tot zu stellen."

Der vergleichende Blick des Oberleutnants ist ein Blick von außen: Die Opfer-Hierarchisierung anhand charakterlicher oder rassischer "Merkmale" oder selbst anhand der Größe des Leidens, entspringt nicht der Perspektive des Opfers selbst. Solch ein Vergleich braucht die Distanz: des Täters, des Rassenforschers, des Nachgeborenen. So spiegelt die Hierarchisierung der Opfer, wie sie während der Mahnmal-Debatte problematisiert wurde, auf verzerrte Weise auch das Hackordnungssystem der SS-Welt. Oben standen damals, so im KZ Mauthausen, die kriminellen "BV"-Häftlinge ("Befristete Vorbeugungshaft"; Lagerjargon: "Berufsverbrecher"), ganz unten Homosexuelle, Juden, sowjetische Soldaten. "Asoziale" mit dem schwarzen Winkel, zu denen Sinti und Roma zählten, standen irgendwo dazwischen. Ließe sich also retrospektiv, aus widerfahrener Schmach und Qual, multipliziert möglicherweise mit Opferzahlen, ein Passionsfaktor errechnen?

Die derzeit weltweit stattfindende "Olympiade des Leidens" (FAZ), auf der Minderheiten ihre Bedeutung und das Wiedergutmachen historischer Verbrechen einfordern, ist zwar auch eine Reaktion auf die Traditions-Auslöschung in der kulturellen Globalisierung. Den Juden und den Zigeunern jedoch geht es nicht um eine Hierarchisierung im Sinne dieses Kalküls. Es geht um Genauigkeit bei der Erinnerung des Zivilisationsbruchs und seines einzigartigen Genozids: das betonen ihre Repräsentanten gleichermaßen. Gleichwohl fällt in der Mahnmal-Debatte das unterschiedliche Agieren der Funktionäre auf. Jüdische Sprecher haben zwar die Bedeutung des Mahnmals für die deutsche Nation angemerkt, aber selten eigenen Bedarf. Die meisten Mahnmal-Initiatoren waren Nichtjuden: Nicht etwa, weil es den Täterkindern wirklich möglich wäre, die abstrakte Sechsmillionenzahl zu betrauern, sondern weil ein Hilfskonstrukt ihnen zur mitleidenden Identifikation verhalf: Neben den Gesichtern der Anne Frank oder der Familie Weiss aus der Holocaust-Serie war es das Konstrukt jener "wertvollen" Kulturjuden, mit denen "uns" soviel mäzenatisches Bildungsbürgertum und Woody-Allen-Witz und Klezmer-Emphase verlorenging. Den Zigeunern wurde solch ein Hilfskonstrukt - "500 000! Welcher Verlust für Europas Kultur!" - nie gewährt. Wenn Romani Rose ein Mahnmal will, muss er selbst immer wieder insistieren.

Die nichtöffentliche Meinung der Nation hat sich von jenem Volksempfinden, das den NS-Plan der Zigeuner-Vernichtung inspirierte, kaum gelöst. Als André Heller 1993 in seiner Show "Magneten" die Zigeuner, "diese geborenen Europäer", als exotische Kulturnation feierte, sagten ihm viele Gastspielorte ab. 1996 befand ein deutsches Amtsgericht, als Nachmieter seien Zigeuner generell "nicht geeignet". Sollte doch ein Zigeuner-Mahnmal in Berlin errichtet werden, stellt es nicht den Ausdruck allgemeinen Gedenkens dar, sondern geht ihm einsam voraus.

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