Kultur : Die Suggestion des Lichts

HEINZ OHFF

Daß nicht nur Natur die Malerei formt, sondern auch umgekehrt die Malerei die Natur, habe ich hier, im Süden Englands, weit entfernt von der Norddeutschen Tiefebene und noch weiter von Italien, anhand von Blechens Malerei gelernt.Dabei ist Blechen nie in der Gegend gewesen, in der ich wohne.Aber eines Tages kam Besuch aus Berlin, der schon einen langen Spaziergang in unserer Gegend gemacht hatte.Ich wollte wissen, wo, aber das konnte man mir nicht sagen.Nur: "Eine schöne, baumbewachsene Bachlandschaft.Hätte von Blechen gemalt sein können."

Das war mir nie aufgefallen, aber ich wußte sofort, welcher Weg und Bach und welche Bäume nur gemeint sein konnten.Das liegt Jahre zurück, aber ich kann bis heute den betreffenden Weg nicht gehen, ohne an Blechen erinnert zu werden.Es gibt sogar eine halb verfallene Brücke, beileibe nicht so romantisch-unheimlich wie seine "Teufelsbrücke", aber sie heißt bei mir so.

"Blechen", liest man bei Johann Gottfried Schadow ("Werke und Kunst-Ansichten", 1849), "der Landschaftsmaler, dessen Andenken uns so werth ist, kam in die Academie als Handlungsdiener von Cottbus und begehrte den Unterricht.Er machte so schnelle Fortschritte, daß er bei dem neu errichteten Königstädter Theater die Decorationen übernahm." Das Königstädter Theater lag am Alexanderplatz und war eine Privatbühne.Der König, Friedrich Wilhelm III., der fast jeden Abend ins Theater ging, bevorzugte sie gegenüber dem eigenen, nämlich aus seiner Privatschatulle finanzierten Schauspielhaus, weil es dort ein leichteres und lockeres Programm zu sehen gab.Den Posten hatte Schinkel, Friedrich Wilhelms Leibarchitekt und selbst epochemachender Bühnenbildner, ihm verschafft.

Er stammte aus Cottbus, wo er am 29.Juli 1798 geboren wurde.Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen; ein Steuereinnehmer verdiente damals nicht viel.Die Mutter, eine geborene Happatz, kam aus einer wendischen Familie.Die ersten Motive, die der Junge, von einem lokalen Maler und Buchbinder namens Lemmerich unterrichtet, malte, waren der märkischen Landschaft entnommen.Das bezahlte ein Onkel mütterlicherseits, aber mit 17 mußte der junge Blechen eine Banklehre machen.Nach deren Abschluß und seinem Militärdienst bekam er in Berlin eine Anstellung als Kassierer.Und es war tollkühn, als er die sichere Stellung aufgab, um das Malen professionell auf der Akademie zu lernen, wo ihn der alte Schadow mehr förderte als sein direkter Lehrer.Der eigenwillige junge Mann mag ein schwer zu behandelnder Schüler gewesen sein, denn er gab die Akademie bald wieder auf.Erst eine Begegnung mit zwei modernen, das heißt romantischen Malern, läßt ihn zu einem eigenen Stil finden - in der Sächsischen Schweiz läuft er Caspar David Friedrich und dem norwegischen Landschaftsmaler Johan Christian Dahl in die Arme.Wann immer heute von Nordischer Romantik die Rede ist, fallen diese drei Namen.

Blechen allerdings läßt auch den Süden nicht aus.Ein Jahr, 1828/29, durchstreift er Italien.Er malt dort allerdings nicht, sondern begnügt sich mit Skizzen und Zeichnungen, die er später zuhause in seinem Atelier umsetzt.Das ist bei Blechen mehr als eine Arbeitsweise.Er malt nämlich nicht die Natur, er ahmt sie nicht nach, er malt über sie hinaus.Schon die schönen italienischen Bilder "Im Bade von Terni" mit dem Waldmotiv und dem der badenden Mädchen, wirken so geheimnisvoll und fast magisch durch die Beleuchtung, die der Maler über die Landschaft verteilt.An der Beleuchtung erkennt man die meisten seiner Bilder, an der Verwobenheit von Düsternis und Helle.Noch weit stärker als Schinkel hat Blechen von der Aufgabe eines Bühnenbildners, Stimmungen durch Licht zu erzeugen, gelernt und sie auch in der reinen Malerei angewandt.

Das hat eine suggestive Wirkung, wie sie in dieser Art selten ist und in der Romantik sonst wohl nur von Caspar David Friedrich erreicht und vielleicht übertroffen wird.Erreicht hat es lange Zeit vor allem Fachleute, Maler und Theoretiker, weniger ein breites Kunstpublikum.1831 wird Blechen Professor an der Berliner Akademie, als Nachfolger von Peter Ludwig Lütke leitet er die Landschaftsklasse ("wodurch die Verdienste seines Vorgängers mehr wie billig in Vergessenheit geriethen", kommentiert der alte Schadow).Er wird zwei Jahre später auch als ordentliches Mitglied der Akademie aufgenommen.Das heißt: unter Kollegen macht er durchaus Karriere.Und daß ihm bisweilen auch heute noch eine nachsichtige Beurteilung als "beste zweite Klasse" anhängt, erstaunt die inzwischen stärker gewordene Blechen-Gemeinde noch immer.

Das mag an der Tatsache liegen, daß Blechen ein Atelierkünstler war und als solcher sehr viele Skizzen hinterlassen hat, die keinen Anspruch darauf stellen, ein eigenes Kunstwerk darzustellen.Wer diese als Arbeitsunterlagen betrachtet, wird den Maler, der an der Staffelei die Natur neu aufbaut, umso mehr bewundern.

Sein Leben war kurz.Er fühlte sich auf der einen Seite verkannt und unterbewertet und war auf der anderen wiederum nicht mit sich zufrieden.Aus solchen Depressionen entwickelte sich eine regelrechte Gemütskrankheit.1839 fällt er in geistige Umnachtung und stirbt ein Jahr später am 23.Juli 1840.

Daß Kunstfreunde noch nach 150 Jahren sich an seiner Art, die Landschaft zu erfassen, orientieren können, spricht für sich und seine hohe pädagogische Begabung, die ihm wiederum sein unermüdlicher Bewunderer Schadow nachgesagt hat.

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