Kultur : Die Surrealistin Zum Tod der Malerin Leonora Carrington

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„Ich hatte nicht die Zeit, eine Muse zu sein“, antwortete Leonora Carrington einmal, leicht verärgert, auf die Frage nach ihrer Beziehung zu Max Ernst. Und ergänzte: „Ich war damit beschäftigt, zu revoltieren und eine Künstlerin zu werden.“ Rebellieren und Kunst schaffen – das waren die Leitmotive der Engländerin, deren bewegtes Leben so wohl nur das 20. Jahrhundert schreiben konnte. Leonora Carrington wurde 1917 als Tochter eines englischen Textilunternehmers und dessen irischer Frau geboren und wuchs im Herrensitz der Familie auf (er taucht später als düsteres Haus in ihren Gemälden auf). Als Kind flog sie von drei Schulen, und es war nur der Intervention ihrer Mutter zu verdanken, dass sie in Florenz Kunst studieren durfte. Zurück in England besuchte Carrington 1936 die erste Ausstellung der Surrealisten in London und war begeistert. Kurz darauf lernte sie den deutschen Maler Max Ernst kennen. Mit dem verheirateten und 26 Jahre älteren Künstler zog sie nach Paris. Sie traf Picasso, Salvador Dalí, Man Ray und Joan Miró – ihre neue Familie.

Als Ernst 1939 von der Gestapo festgenommen wurde floh Carrington nach Spanien und gelangte unter abenteuerlichen Umständen nach New York und Mexiko. Dort heiratete sie den ungarischen Fotografen Csizi Weisz und begann ernsthaft als bildende Künstlerin zu arbeiten, stand fortan im Ruf die wichtigste Surrealistin zu sein. Sie malte opulent-farbige, thematisch aber finstere, von fantastischen Figuren beherrschte Gemälde. Außerdem veröffentlichte sie Erzählungen. Doch in Europa geriet Carrington in Vergessenheit. Als ihr Gemälde „Juggler“ 2005 bei Christie’s mit 713 000 Dollar den höchsten Preis erzielte, der je für einen lebenden Surrealisten gezahlt wurde, verspürte sie daher eine späte Genugtuung. Nun ist Leonora Carrington 94-jährig in Mexiko- Stadt gestorben. Philipp Lichterbeck

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