Kultur : Die Tage des Tragelafos

Empörung, Steine und Parolen: Der Protest der Griechen ist zerrissen wie das ganze Land

Kostas Kalfopoulos
Ihr da oben, wie hier unten. Demonstranten auf dem Athener Syntagma-Platz, dem Zentrum des Protests gegen die Sparpläne. Foto: Reuters
Ihr da oben, wie hier unten. Demonstranten auf dem Athener Syntagma-Platz, dem Zentrum des Protests gegen die Sparpläne. Foto:...Foto: REUTERS

Aus dem Reich der griechischen Mythologie stammt der Bockhirsch Tragelafos, ein Mischwesen aus Ziegenbock und Reh. Der Begriff, der auf ein großes Durcheinander am Rande des Chaos verweist, ist nun in den Sprachgebrauch von uns Neugriechen eingegangen. Denn der 15. Juni war ein solcher Tragelafos in Athen, Hauptstadt eines Landes am Rande des Bankrotts. Während das Volk am zentralen Verfassungsplatz (schon seit drei Wochen) friedlich gegen den Sozialabbau der Regierung demonstriert, kündigte ein Regierungschef zum ersten Mal seit 1974 eine Regierungsumbildung per Erklärung im Fernsehen an. Das Volk forderte eine „Regierung der nationalen Einheit“, doch Premierminister Papandreou zog es nach einem langen Telefonat mit Oppositionsführer Antonis Samaras vor, sich auf den Parteipatriotismus zu berufen. Die darauffolgende Regierungsumbildung war eine große Enttäuschung für alle. Der (Schulden-)Berg gebar eine Maus.

Auf dem Stadtplan Athens wird die ganze Symbolik greifbar. Zwei Plätze im Stadtzentrum spielen in der neugriechischen Geschichte eine wichtige Rolle: der Verfassungsplatz (Plateia Syntagmatos), direkt gegenüber vom Parlamentsgebäude, und der Platz der Eintracht (Plateia Omonoias), einst die Nabel Athens und Sammelbecken der Arbeitslosen, der Soldaten und der inneren Migranten während der Diktatur in den sechziger und siebziger Jahren.

Der Verfassungsplatz hat in den letzten Wochen die Rolle der Madrider Puerta del Sol übernommen. Hier versammeln sich seit 3 Wochen die Empörten (aganaktismenoi), die indignados in der neugriechischen Version. Sie sind bestürzt und verzweifelt und belagern das Parlamentsgebäude. Sie protestieren gegen den „Ausverkauf des Landes“, beschimpfen die privilegierten, arroganten Abgeordneten und Verwaltungsbeamten in Parlament und Regierung. Die politische Topographie des Platzes verzeichnet eine doppelte Dichotomie: eine räumliche und eine politische. Für beide gibt es ein Oben und ein Unten. So verteilen sich die Demonstranten auf zwei Ebenen. Auf dem oberen Teil, von wo man direkt auf das Parlamentsgebäude blickt, versammeln sich die „nationalen Kräfte“, sie haben griechische Fahnen dabei, die Menschen skandieren Parolen gegen die „neuen Besatzungsmächte“ Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank und Europäische Union. Auf einem Banner steht: „Die Militärjunta stürzte nicht 1973, wir werden sie an diesem Platz beerdigen.“

Auf dem unteren Teil Platz dagegen treffen sich die Alternativen, jung, bunt, links. Viele kommen mit dem Fahrrad, sie diskutieren über neue Formen der politischen und gesellschaftlichen Organisation, über Ideologie und Globalisierung. Oben also die Nation, unten die Politik. Zwischen beiden herrscht Toleranz, es fehlt allerdings ein gemeinsamer Code, der Wille zur Verständigung und zu einer Strategie. Kommentatoren wie Petros Papakonstantinou von der Zeitung „Kathimerini“ sprechen von einem „Unterhaus der Straßen und Plätze“. Sie verweisen auf die griechische Parlamentarismusgeschichte, in der das Volk einst tagtäglich sein Veto gegen die Regierungspläne vorlegte. „Die da oben regieren, wir hier unten protestieren“, lautet das Fazit der „Empörten“ von Syntagmaplatz. Die griechischen Politiker müssen sich wie vorkommen wie „Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“.

Die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie nach dem Sturz der Obristen verteilte die Rollen auf der politischen Bühne neu. Die Regierungsparteien verstanden sich als Verwalter des Staates und der öffentlichen Gelder zugunsten eines flächendeckenden Klientelsystems. Ein ausufernder öffentlicher Dienst, als kollektiver Arbeits- und Auftragsgeber, sollte die voranschreitende Entindustrialisierung kompensieren. Der griechische Kleinbürger träumte fortan vom Beamtenstatus als Gegenleistung für sein parteipolitischen Engagements und von einer Eigentumswohnung.

Aber niemand fragte nach den Kosten für Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen. Der Zufluss von EU-Geldern ab 1981 und besonders nach 1996 veränderte die Lebenshaltung der Griechen: Lieber heute kassieren als morgen schuften. Der Grieche verkaufte sich und seine Arbeitsmoral für europäische Subventionen, die doch hauptsächlich für die Modernisierung der Infrastruktur gedacht waren. So weiteten sich die Finanzlöcher immer mehr aus. Die Bürger konsumierten mehr als sie produzierten, eine Feststellung, die schon Ende der achtziger Jahre von Wirtschaftsexperten und einigen Pasok-Mitgliedern gemacht, jedoch niemals von den politischen Kräften ernstgenommen wurde.

Der protestierende Bürger erinnert somit an einen betrogenen Betrüger. Er hat blind seinen Politikern vertraut. Solange seine Lage durch deren Umverteilungs-, Arbeits-, Sozial- und Bildungspolitik abgesichert war, machte er sich keine Gedanken darüber, woher das Geld kam. Die einst antieuropäischen Reflexe von Andreas Papandreou, der die Europäische Union anfangs als „Bündnis der Monopole“ und „Handlanger der NATO“ bezeichnete, gerieten darüber in Vergessenheit, verschwanden allerdings nie. Das war und ist ein Paradoxon.

Einheimische und internationale Medien verbreiten gerne Bilder der griechischen Hauptstadt, die an die Tage des sogenannten Generalstreiks erinnern. Doch die Straßenschlachten im durch die Pleitewelle längst ruinierten Stadtzentrum sind kein Klassenkampf wie man ihn aus den siebziger und achtziger Jahren kennt. Schon der Begriff Generalstreik ist irreführend, denn es ist hauptsächlich der öffentlichen Dienst, der sich vehement gegen die Sparpläne derselben Regierung (Pasok) wehrt, die hauptverantwortlich für seine Aufgeblähtheit ist. Es sind weder die Angehörigen der so genannten geschlossenen Berufe , der Zünfte mit Sonderprivilegien, noch die der gehobenen Berufe (Rechtsanwälte, Notare etc.), die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Auch die streng, fast militärisch organisierten Demonstranten der Kommunistischen Partei Griechenlands lassen sich nicht auf Provokationen ein. Die Rolle der Straßenkämpfer hat ein harter Kern der Athener Szene übernommen. Er betrachtet sich als Avantgarde eines subversiven Krieges gegen den griechischen Staat und handelt im Sinne des französischen Manifests „Der kommende Aufstand“, das vom Unsichtbaren Komitee verlegt wurde.

Vergangenen Mittwoch kam es erneut zu Auseinandersetzungen mit der Polizei am Syntagmaplatz. Am Tag danach war er ein Trümmerfeld aus Marmorplatten, Holzlatten und Glassplittern. Der Asphalt hatte sich weiß gefärbt von den Rauch- und Knallbomben. Die Empörten auf dem Platz bemühten sich schleunigst, sich von den Krawallmachern zu distanzieren. Sie lehnen diese Gewalt ab, wollen ihre Proteste friedlich fortsetzen, trotz ihrer Empörung sind sie für Argumente anstelle von Steinen. So eroberten sie den Syntagmaplatz rasch zurück. „Die da oben“ bemühten sich mit einer Regierungsumbildung Zeit zu gewinnen, „die da unten“ protestierten weiter. Am Tag der Regierungsumbildung feierte der Premierminister seinen 59. Geburtstag, die „Empörten“ wünschten ihm mit „Happy Birthday dear Jiorgos“ einen schnellen Abschied von der Politik.

Als vor paar Jahren am Syntagmaplatz ein Teil der schweizerischen Ausstellung „Kühe auf Stadtgang“ präsentiert wurde, standen die Athener verlegen vor einem schwarzen Bullen, der von einem griechischen Freiheitskämpfer aus der Revolutionszeit 1821 geritten wurde. Dieser Bulle und der Tragelafos sind die besten Symbole für das griechische Chaos.

Der Autor lebt in Athen und arbeitet für die griechische Zeitung „Kathimerini“.

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