Die Tagesbücher Richard Burtons : Ehehimmel, Ehehölle

Ein großer Liebesroman: Endlich erscheinen Richard Burtons Tagebücher.

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Glückliche Zeiten. Liz Taylor und Richard Burton 1967.
Glückliche Zeiten. Liz Taylor und Richard Burton 1967.Foto: AFP

Manchmal sind Verlierer die wirklichen Sieger. Es kommt nur darauf an, die Niederlage wie eine Trophäe zu sehen. 1970 war ein Jahr, in dem Richard Burton wieder einmal keinen Oscar erhielt. Er war für den Historienfilm „Königin für tausend Tage“ nominiert, in dem er gravitätisch und sehr backenbärtig den Gattinnenmörderkönig Heinrich VIII. verkörpert hatte. Bekommen hat den Academy Award als bester Hauptdarsteller dann aber John Wayne für seinen Western „Der Marshal“.

Missmutig notierte Burton in seinem Tagebuch, Wayne habe in dem Film „nur seine übliche Masche“ abgezogen und sei bei der Oscar-Feier „sehr betrunken“ und „auf seine unflätige Weise sehr leutselig“ aufgetreten. Ein Teil von Burtons schlechter Laune lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Verleihung in eine der wenigen Phasen seines Lebens fiel, in der er keinen Tropfen Alkohol anrührte. Natürlich hätte er die Goldstatue gerne mitgenommen. Der Oscar sei zwar „absurd“, aber „trotzdem begehrt, sogar von mir!“.

Im Fazit des Abends mischen sich Stolz und Enttäuschung: „Jedenfalls bin ich schon wieder leer ausgegangen und damit der am häufigsten nominierte Hauptdarsteller in der Geschichte der Oscars, der den Preis niemals bekommen hat. Ich habe mir also eine kleine Nische in der Wand des Oscar-Wisden erobert.“ Das „Wisden Cricketers’ Almanack“, muss man wissen, ist die alljährlich erscheinende Kricket-Bibel. 1977 wurde Burton noch einmal, zum siebten Mal nominiert. Bekommen hat er den Oscar nie.

Burton ist ein guter, sarkastischer Beobachter

Tagebücher umgibt eine Aura des Verbotenen. Sie bedienen die Lust des Lesers, einmal durch ein Schlüsselloch in ein fremdes Leben hineinschauen zu können. Wer auf Indiskretionen aus dem Reich der Schönen, Reichen und Berühmten hofft, wird in Richard Burtons Diarien nicht enttäuscht. Über Mia Farrow schreibt er gönnerhaft, sie „sollte besser sieben Kilo zunehmen und sich die Haare wachsen lassen“. Peter Ustinow falle nichts Neues mehr ein, „irgendwie tut er mir leid, er scheint ein bisschen gestört zu sein“. Frank Sinatra: „wohl ein sehr unglücklicher Mensch, mit ihm zusammenzuleben, muss ermüdend sein.“ Und Jane Fonda nervt, weil sie „über nichts anderes als die Black Panther“ rede.

Burton ist ein guter Beobachter, der Ton seiner Aufzeichnungen bewegt sich zwischen trocken und sarkastisch. Noch besser ist er im Schwärmen. Und da kennt seine Begeisterung nur ein Objekt: Elizabeth Taylor. Der Diva, der er 1960 bei den Dreharbeiten zum Monumentalfilm „Cleopatra“ nähergekommen war und die er 1964 geheiratet hatte, gibt er seltsam-originelle Kosenamen wie „Snapshot“, „Cantank“, „Burt“, „Booby“ oder „Shumdit“, eine Verballhornung von „dumshit“. Auch „gutes altes Dickerchen“ ist liebevoll gemeint. Als sie 1965 von Paris aus zu verspäteten Flitterwochen in die Schweiz aufbrechen, schreibt er: „E. benimmt sich, als wären wir ganz frisch verheiratet. Muss vorsichtig sein. Könnte noch zum Götzendiener werden. Wünschte, ich würde sie gut genug kennen, um ihr zu sagen, wie aufregend das Leben ist, wenn sie da ist.“

Burtons Tagebücher, die 2007 von seiner vierten Ehefrau und Witwe Sally der Swansea University vermacht wurden, sind ein großer Liebesroman. Sie umfassen die Jahre 1965 bis 1972, also die bessere Zeit der ersten Ehe von Burton und Taylor, die 1974 mit der Scheidung endete. Sie fanden 1975 noch einmal für eine zweite, zehnmonatige Ehe zueinander, aber aus diesen Wochen gibt es laut Verlag – genau wie für die Zeit vor 1965 – kaum Aufzeichnungen von Burton. Die beiden Superstars sind in diesen Jahren das berühmteste Paar des Planeten. Sie reisen – oft begleitet von ihren Kindern aus früheren Ehen und stets verfolgt von den Paparazzi – zwischen Hollywood, London, Rom und Mexiko, um Filme zu drehen, Theater zu spielen oder zwischendurch in einer Luxusvilla auszuspannen.

"Sie ist momentan einer der schärfsten Frauen, die ich jemals gesehen habe", schreibt er über Liz Taylor

Ein Powerpaar des internationalen Film-Jet-Sets mit Patchwork-Anhang. Ihre Reisemittel sind Privatflugzeuge, ein Rolls-Royce oder die eigene Jacht. Die „Queen Elizabeth“, mit der sie den Atlantik überqueren, findet Burton etwas kümmerlich, „scheußlich eingerichtet“, die Ausstattung erinnert ihn an „eine deutsche Wohnausstellung in den Zwanzigern“. Und Burton und Taylor sind sehr ineinander verliebt. „Ich bin zur Zeit ganz verrückt nach ihr, liebe sie noch mehr als sonst“, schreibt er im Januar 1967. „Ich würde am liebsten jede Minute mit ihr schlafen.“ Im Juli 1967: „Momentan ist sie eine der schärfsten Frauen, die ich jemals gesehen habe. Die allerschärfste.“ Im September 1971: „Ich sitze hinten am Deck mit meiner unendlich geliebten Frau, die ich mehr liebe denn je.“

Der Furor der Leidenschaften führt immer wieder zu Auseinandersetzungen. Dann brüllt Taylor, sie hasse Burton, sagt vor Freunden, sie könne ihn nicht mehr ertragen. Seine lakonische Replik: „Wenn ich nüchtern bin, habe ich keine Lust zurückzubrüllen. Schade.“ Diese Ehe muss der Himmel gewesen sein und mitunter auch die Hölle, nur so weit wie in ihrem gemeinsam gedrehten Ehehöllendrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, wo sie auch körperlich aufeinander losgehen, reichte der Streit im wirklichen Leben wohl nie. Zu den Grundgefühlen von Burtons Existenz gehörte die Langeweile. Seine Filme, die Partys, der Alltag: meist unerträglich. „Habe mich den ganzen Tag schrecklich gefühlt – melancholisch und geistesabwesend“, lautet ein typischer Eintrag. Der Trostlosigkeit entkam er am liebsten mit der Lektüre von Dylan Thomas, Rimbaud oder Shakespeare. Im Kern des Stars – das zeigt sich in seinen klugen, oft hinreißend witzigen Notizen – steckt ein Bildungsbürger.

Richard Burton: Die Tagebücher. Hg. v. Chris Williams, aus d. Englischen v. Steffen Jacobs, Anna-Christin Kramer, Anna-Nina Kroll, Nicolai von Schweder-Schreiner, Armgard Seegers & Andreas Simon Dos Santos, Haffmanns & Tolkemitt, Berlin 2013. 484 S., 26,99 €.

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