Kultur : „Die Terroristen haben nicht gesiegt“

Zur Zukunft von Ground Zero: ein Gespräch mit dem Architekten Daniel Libeskind

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Herr Libeskind, Sie gehören zu den sechs Architekten, die von der Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) eingeladen wurden, neue Masterpläne für Ground Zero zu erarbeiten. Ist Ihr Entwurf fertig?

Nein, wir sind mitten bei der Arbeit. Ich fühle mich sehr geehrt, eingeladen worden zu sein. Ich bin als Einzelarchitekt beim Wettbewerb dabei, alle anderen bis auf Sir Norman Foster – sind Teams, die sich zusammengeschlossen haben. Es ist ein großes Privileg, für einen solch bedeutenden, aber auch tragischen und zukunftsträchtigen Ort planen zu dürfen.

In Ihrem ersten Entwurf vom Januar wurden drei steile Türme für Arbeit, Wohnen und Freizeit von einem „Hanging Memorial“ verbunden. Knüpft Ihr Masterplan daran an?

Das war kein wirklicher Entwurf, sondern Teil einer Ausstellung, mehr eine Vision, eine gestische Antwort auf den 11. September. Es ging nicht um einen Masterplan für das Gelände. Der Masterplan muss nicht nur detaillierter sein, sondern die gesamten 16 Hektar abdecken und urbanistische Fragen beantworten: Was für eine Idee von New York haben wir, wie wird sich die Stadt zu dem Ort verhalten? Außerdem gibt es jetzt konkrete Vorgaben von den Behörden und Eignern, wieviel Millionen Quadratmeter Nutzfläche die neue Bebauung bieten soll. Einige Teile meiner ersten Vision werden sicherlich in den Masterplan einfließen. Ich versuche all die unterschiedlichen Elemente aufzugreifen, die mit dem Ort zusammenhängen, ohne nur zurückzublicken auf die Tragödie, die sich dort abgespielt hat. Es geht hier auch um ein zentrales Stück Manhattan und wie es sich entwickeln wird. Wir müssen die spirituelle Aura des Ortes wahren, ohne die Zukunft aus dem Blick zu verlieren.

Braucht Ground Zero eine Architektur plus ein Mahnmal oder ist die Architektur schon das Mahnmal?

Das ist die zentrale Frage. Es wird mit Sicherheit noch einen Wettbewerb für ein Mahnmal geben. Darum geht es jetzt noch nicht, aber der Masterplan, für den sich die LMDC entscheidet, muss Raum für eine angemessene Erinnerung an die Opfer schaffen.

Ihre Architektur spielt mit überlieferten Zeichen. Beim Jüdischen Museum Berlin haben Sie etwa mit den Formen von Davidstern und Blitz operiert. Kann man die New Yorker Twin Towers symbolisch wiederaufbauen?

Ja, auf jeden Fall. Die Architektur, die dort entsteht, sollte symbolisch lesbar sein, sie muss eine eindeutige Kraft haben, ohne banal zu wirken.

Ein Erkennungszeichen Ihrer Architektur ist der bewusste Umgang mit Leerstellen, den Voids. Müsste ein Neubau des World Trade Centers die Anwesenheit des Abwesenden sichtbar machen?

Vielleicht, ich denke noch darüber nach, wie die Dimensionen der Erinnerung aussehen sollten und wie wir sie mit der Zukunft verknüpfen können. Das betrifft nicht nur den Bau selber, sondern auch den Gesamtaufriss der Metropole New York.

Wäre der radikalste Vorschlag nicht, Ground Zero unbebaut zu lassen, als großes Denkmal?

Das ist kein realistischer Vorschlag. Man kann das Herz von Lower Manhattan nicht aushöhlen. Da sind sich alle einig. Eine Brache hieße: die Terroristen haben gewonnen. Sie haben aber nicht gewonnen. Mit der Neubebauung beweisen wir die Vitalität der Demokratie, von Amerika und der freien Welt.

Sie haben gesagt, der Wiederaufbau müsse ein „spiritueller Prozess“ sein. Fürchten Sie nicht, dass das kommerzielle Interesse stärker sein wird?

Warum sollten wir die kommerziellen Interessen ausschließen? Sie gehören zu unserem Alltag. Aber der Aufbau wird nicht nur vom Geld vorangetrieben, das hat ja die Tatsache bewiesen, dass die New Yorker die ersten Entwürfe abgelehnt haben: Die waren zu banal. Man muss ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen einer Stadt finden, zwischen einer Nachbarschaft, in der weiterhin Menschen wohnen sollen, und Wall Street. Weder darf ein Mahnmal dem Alltag im Wege stehen, noch darf der Alltag um das Mahnmal herum blind sein gegenüber dem, was passiert ist. Das ist die Herausforderung des Wettbewerbs.

Der Architekturkritiker Paul Goldberger hat gemahnt, die Planung für den Wiederaufbau nicht zu überstürzen: „Wir sind nicht in einem Rennen, sondern in einem Kampf darum, was für eine Stadt wir wollen.“ Täte New York gut daran, sich Zeit zu lassen?

Warten ist eine theoretische Idee. In Städten stehen praktische Aufgaben im Vordergrund. Wir müssen das Transportsystem wieder herstellen, die Straßen verbinden, Leben an diesem Ort wieder möglich machen. Man muss sich zugleich bewusst sein, dass so ein Projekt nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann.

Die neuen Masterpläne sollen Anfang Dezember vorgestellt werden. Wann glauben Sie, wird das neue World Trade Center eröffnet?

Ein Datum möchte ich nicht voraussagen. Das wird ein allmählicher Prozess sein, nicht nur die Eröffnung eines oder mehrerer Häuser. Die Wiederbelebung des Geländes wird sich schrittweise vollziehen. Wir werden eine inspirierende Phase für New York erleben. Der Wiederaufbau des World Trade Centers ist mehr als eine Antwort auf ein historisches Ereignis, weil alles, was dort in Zukunft stehen wird, immer auch unser Gefühl von Verletzbarkeit ausdrücken wird.

Das Gespräch führten Christian Schröder

und Moritz Schuller.

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