Kultur : Die Theorie von den Tachyonen

Surreales zum Abschluss des Festivals Rusimport.

von

Einen Schuss Wahnsinn braucht es schon, um ein derart abgefahrenes Projekt zu realisieren. Die Gruppe AKHE – hervorgegangen aus dem St. Petersburger Underground – öffnete zum Abschluss des Festivals Rusimport im Haus der Berliner Festspiele das „Depot für geniale Irrtümer“. Auch Genies können irren. Und so haben sich die russischen Performer zehn Hypothesen bekannter Naturwissenschaftlicher vorgeknöpft, die alle widerlegt wurden. Schon die Auswahl der Fehlleistungen ist amüsant: Da ist etwa die Vermutung, der Mond sei unbeweglich. Merkwürdig mutet auch die Behauptung an, Atome seien quadratisch. Völlig abstrus aber ist die Theorie von den „Tachyonen“, wonach es Teilchen gibt, die sich aus der Zukunft in die Vergangenheit bewegen und schneller als Lichtgeschwindigkeit sind.

AKHE nimmt diese Irrtümer als Anlass für eine ausgetüftelte szenische Versuchsanordnung. Die Zuschauertribüne dreht sich ein Stück, bei jeder Station fühlt man sich ins Labor eines verrückten Forschers versetzt mit blinkenden Kuben, Trichtern, Käfigen oder skurrilen Apparaturen. Darüber hinaus setzten die Petersburger eine avancierte Technologie ein: Das 3-D-Video-Mapping-Verfahren erzeugt ein höchst surreales Raumgefühl. Die sieben Performer bewegen sich durch ein Kraftfeld und lösen mit jeder Bewegung erstaunliche Reaktionen aus. Eine blond gelockte Schöne gerät in einem weißen Kreis in die Fänge eines Scherenmannes und anderer Schattenfiguren. Ein Mann mit Rauschbart wird in eine Spirale hineingesogen oder von Energieströmen durchpulst. Der Mann mit der roten Pudelmütze empfängt Post aus der Zukunft.

Die Grafiken und Animationen sind fabelhaft, doch man spürt auch die malerischen Impulse, wenn sich rote Farbe über schwarz-weiße Muster ergießt. Die Performer sind zu jedem Schabernack bereit – und agieren schon mal, als hätten sie sich einen Wodka zu viel hinter die Binde gegossen. Dann bringen sie das Wasser im Pool mit gläsernen Röhren zum Blubbern und schnaufen schließlich wie Seelöwen. Vieles versteht man nicht, doch das macht gar nichts. Denn dieser Abend ist ein futuristisches Ballett und ein irrer Trip. Sandra Luzina

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben