Kultur : Die Tommelwirbel der Freiheit

Zum Tod des Schlagzeugers Elvin Jones

Kai Müller

Er galt als der Schlagzeuger des Coltrane- Quartetts. Dabei ist Elvin Jones, der am Dienstag im Alter von 76 Jahren an einem Herzschlag starb, auf vielen Platten, mit denen John Coltrane seinen mythischen Ruf begründete, gar nicht zu hören. Aber wenn doch – wie auf „Impressions“ (1963), „A Love Supreme“ (1964) und „Ascension“ (1965) –, dann stand Jones an den Pforten zur Anarchie. Denn er trieb das freie Spiel weiter als jeder seiner Vorgänger, ja, er ging so weit, die rhythmische Bindung des Drummers an den Beat bis zur Unkenntlichkeit zu lockern und in etwas zu verwandeln, das perfekt mit dem spirituellen Improvisationsrausch Coltranes harmonierte. Vor allem in Passagen, in denen die Band bis auf Coltrane und Jones verstummte und er auf seine riesigen, flirrenden Becken eindrosch.

Elvin Jones wuchs als jüngstes von zehn Kindern in der Nähe von Detroit auf, wo er sich nach Ableistung seiner Militärzeit als Free-Lance-Musiker durchschlug. 1955 ging er nach New York. Dorthin hatte es auch seine Brüder, den Pianisten Hank und den Trompeter Thad Jones, gezogen. Während die beiden schnell Fuß fassten, stieß Elvin wegen seiner großzügigen Auslegung des Swing zunächst auf Ablehnung. Erst als er 1960 zu Coltrane kam, änderte sich das. Eine Emphase ergriff ihn, die sich nicht damit zufrieden gab, das, was als Beat-Konsens in der Luft lag, nur zu bestätigen. Er „umspielte“ das Zeitmaß seiner Mitstreiter und führte, wie der Jazzhistoriker John Littweiler schrieb, „das Schlagzeugspiel im Kontext einer Jazzgruppe zur Vollendung“. Radikaler konnte man nicht mehr werden. Es sei denn, man gab das Metrum ganz auf – was im Free Jazz dann geschah.

Elvin Jones ging diesen Schritt nie mit. Als Coltrane es verlangte, zog er sich zurück. Er glaubte noch daran, dass die Seele der bluesgeborenen Musik in einer Art treibendem rhythmischen Empfinden liegt. Damit ist Elvin Jones zum Vorbild ganzer Schlagzeuger-Generationen geworden wie Jack DeJohnette, Ronald Shannon Jackson oder Jim Black, die eine Band vor sich hertreiben und den Eindruck erwecken, als würden sie drei Rhythmen zugleich spielen.

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