Kultur : Die totale Entflimmerung

Im HAU: das Festival des nacherzählten Films

Jan Oberländer

Ein Plastikbäumchen aus dem Modellbauladen, um dessen Krone sich ein Super- 8-Filmstreifen windet, beides mit einer silbrigen Farbschicht überzogen und auf einen Marmorsockel montiert – das ist die „Silberne Linde“, der Hauptpreis des etwas anderen Filmfestivals. Im Berliner HAU, wo der mit „Total Recall“ – totale Erinnerung – überschriebene Wettbewerb bereits zum dritten Mal tagt, geht es um die Kunst, innerhalb von zehn Minuten einen Film nachzuerzählen. Als Start- und Stoppzeichen ertönt nostalgisches Projektorrattern, hinter dem Rednerpult hängt eine weiße Stoffbahn als Projektionsfläche fürs Kopfkino.

So versteht sich die selbstgemachte Trophäe nicht nur als Gegenstück zur „Goldenen Palme“ von Cannes, sie ist auch ganz wunderbar symbolträchtig: Zum einen, so Festivalchef Bernd Terstegge, sei Reden bekanntlich Silber. Und zum anderen sei es die Dorflinde, die nach alter Tradition als allgemeiner Versammlungsort diene. Die Bandbreite ist riesig: Unter den insgesamt 26 Nacherzählern ist ein 14- jähriger Schüler und ein 83-jähriger Festivalveteran, man hört Dialekte aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Kandidat hat seinen Film als Teenager zum letzten Mal gesehen, eine Kandidatin kommt zu spät, weil sie eben noch vor dem Fernseher saß. Es gibt die Verpeilten, die strengen Analystinnen, Faktenschleudern und Abschweifungskünstler. Alle Genres tauchen auf, vom frühen Western bis zum chinesischen Kunstfilm, vom B-Movie zum Porno. Den ultimativen filmhistorischen Brückenschlag schaffen Florian Toperngpong und Sebastian Sommer. Sekundenweise zerpflücken sie den ersten Dokumentarfilm der Kinogeschichte, die „Einfahrt eines Zuges“ (1895) der Brüder Lumière – den sie im Internet bei „YouTube“ gesehen haben.

Der Sieger wird vom Publikum bestimmt. Mit seinem hochkomischen Einblick in ein Genre, das „normalerweise nicht kommuniziert wird“, kommt Michael Jonas auf den dritten Platz. Jonas, der seit der Düsseldorfer Premiere 1999 regelmäßig bei „Total Recall“ antritt, hat sich eigens einen Oberlippenbart stehen lassen, um die männlichen Akteure des Siebziger-Jahre-Bumsfilms „Heiße Pflaumen“ angemessen beschreiben zu können: „Die sahen – so – aus!“ Jan Posdziech, der Zweitplatzierte, war spontan aus dem Publikum auf die Bühne gekommen: „Mein Schwager hat mir 20 Euro geboten.“ Er erzählt den Actionreißer „Crank“ nach, von dem er zwar kaum Kohärentes zu berichten weiß, trotzdem aber völlig angstfrei – und umso unterhaltsamer – einfach mal drauflos erzählt. Posdziechs Auftritt verdeutlicht einmal mehr, dass Authentizität und Spontanität, gepaart mit einem natürlichen Erzähltalent, mehr Spaß machen als einstudierte Pointenparaden.

Die „Silberne Linde“ gewinnt schließlich Julia Heimerdinger mit „Polly Pocket – Aufregung in Pocket Plaza“. Diesen „zielgruppenorientierten Animationsfilm“ hatte ihre Tochter zusammen mit zwei großäugigen Plastikpuppen geschenkt bekommen, „und ich musste ihn mit ansehen“. Mit spitzem Witz analysiert Heimerdinger das „ekelhafte Ich-und-mein- Traum-Geseiher“ des Werbevideos – eine grandios lustige Erzähltherapie. Die Preisträger dürfen übrigens bei einer Online-Videothek ein Jahr lang kostenlos Filme ausleihen: zur Vorbereitung.

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