Kultur : Die totale Lust

REINER SCHWEINFURTH

Der große Käsemond über dem Pfefferberg lächelte später am Abend milde, doch mit einem Restschrecken auf seine Schäfchen herab - er darf weiter den Himmel zieren.Der Antrag des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der APPD auf eine Sprengung des Himmelskörpers wurde vom Plenum abgelehnt.In einer Kampfabstimmung setzten sich am Sonnabend die Realpolitiker auf dem Konvent der "Anarchistischen Pogo Partei Deutschlands" durch.Auch das Begehren, in absehbarer Zeit Palmen in Wuppertal wachsen zu lassen, fand keine Mehrheit.Dabei waren die Argumente durchaus einleuchtend, da eine Beseitigung des Erdtrabanten zudem der weiteren Erwärmung des Klimas zuträglich wäre und damit der lästige Umstand, in kühleren Monaten in engen Zimmern herumhängen zu müssen, aus der Welt wäre.Die Reden des Schattenkabinetts der APPD geizten nicht mit konstruktiven Vorschlägen.So der Plan, nach der Machtübernahme große Landwirtschaftsflächen dem Hopfen- und Cannabisbau zu überlassen oder die Schulbücher durch Schundhefte und Comics zu ersetzen.Der Kanzlerkandidat Karl Nagel erklärte dem Publikum die Gründe für den unvermeidlichen Erfolg: "Wir haben das bessere Programm, wir haben die bessere Musik und wir sehen besser aus." Der anwesende Pöbel quittierte dieses Verdikt mit Jubel und Sprechchören von einer Lautstärke, von der die Altparteien nur träumen können.

Trotzdem gelang nicht alles.Die designierte Bildungsministerin zog sich zwar aus, doch die Vereinigung mit einem Parteigenossen mußte mangels Erregung des Mannes abgeblasen werden.Die APPD gibt es wirklich.Und das schon seit fast zehn Jahren.Die schlimmsten Träume des Establishments werden wahr.Der Kampfruf "Wollt ihr die totale Lust?" faßt zusammen, was die Politiker sonst nur im Oral-Office treiben und von der Steuer absetzen.Dabei achten die Aktivisten des legalen Arms der Chaos-Tage auf absolute Glaubwürdigkeit.Schämen gilt nicht, wer was zu sagen hat, muß die Hosen runterlassen.Den bösen Spruch der Rechten "Schwul, pervers und arbeitsscheu" haben sich die Pogo-Anarchisten zu eigen gemacht, und sie feiern ihren Irrsinn mit soviel Laune, daß sich ein hochinteressantes Feld für Ekstaseanalystiker auftut.Der Hauptslogan, daß Arbeit scheiße ist, bringt nur auf den Punkt, was die Manager in den Unternehmen sich sowieso jeden Monat durch die Arbeitslosenstatistik bestätigen lassen.Und der Wähleranreiz für die APPD ist nicht ohne: Sollten die Punks bei den Bundestagswahlen 0,5 Prozent erhalten, wird die erstattete Wahlkampfkostenhilfe von mehreren 100 000 Mark restlos auf einer gigantischen Freibierfete verballert.Prost!

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